Sabines Geschichte - Teil 30
Missmutig schlug Sabine auf den Wecker und streckte sich ausgiebig. Obwohl sie gestern extra früher ins Bett gegangen war, hatte sie trotzdem noch lange wach gelegen. Ihr Kopf hatte noch die ganze Zeit von den Eindrücken des Wochenendes gebrummt und jedes Mal, wenn sie die Augen geschlossen hatte, tauchten die Bilder des Waldes auf, oder sie hörte die Stimme des kleinen Jungen in ihrem Kopf hallen: ‘Mama, warum ist die Frau nackig?’ Sie quälte sich aus dem Bett, wusch sich die Schläfrigkeit unter der Dusche ab und fing an, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, ihre Bürotasche zu packen. Nachdem sie die paar Sachen, die sie benötigen würde, verstaut hatte, ging Sabine zurück ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Während sie im geöffneten Kleiderschrank kramte, kam ihr der Gedanke, wieviel einfacher es doch wäre, könnte sie tatsächlich nackt zur Arbeit gehen, wie in ihrem Traum. Kopfschüttelnd verwarf sie diesen Gedanken wieder und griff sich eine Caprihose in Jeansoptik und ein beiges Hemd mit halblangen Ärmeln. Zumindest bei der Unterwäsche würde sie aber wieder nur das absolut notwendige anziehen, daher klebte sie sich die Silikonkappen in ihrem Hautton über ihre Brustwarzen und zog einen ihrer knapp bemessenen Strings an. Sie wackelte ein paar Mal mit der Hüfte, bis sich das gewohnte Gefühl einstellte mit dem der Stoff sich tief in ihre Pofalte und ein Stück weit zwischen ihre Beine grub. Sabine betrachtete sich im Spiegel und musste ein Lachen unterdrücken. Durch das Sonnen der letzten Woche war ihre Haut nun angenehm gebräunt, wodurch sich die ehemals hautfarbenen Silikonkappen und der String nun als helle Flächen auf ihren Brüsten und um Schritt erschienen. “Sieht ja fast so aus, als hätte ich Bräunungsstreifen.”, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, insgeheim stolz auf sich, dass sie in der relativ kurzen Zeit so eine schöne und vor allem nahtlose Bräune bekommen hatte. Schnell stieg sie in die Hose und zog sich das Hemd an, um einen letzten kritischen Blick im Spiegel zu riskieren. Der Stoff des Hemdes lag nicht zu eng an ihrem Körper an, so dass ihre Konturen zwar betont wurden, sie aber insgesamt bürotauglich war. Sie schaute noch einmal genau hin, um sicherzugehen, dass keine verräterische Haut zu sehen war und prüfte dann den Sitz der Hose. Auch hier lag das Material nicht allzu eng an und betonte subtil ihre Rundungen. Was ihr besonders gefiel, war der Kontrast des blauen Stoffs zu der Haut ihrer gebräunten, nackten Beine. Sie erinnerte sich mit Freude an die Abmachung mit Erika, diese Woche im Büro komplett auf Schuhe zu verzichten. Zwar war es jetzt für Sabine nicht neu barfuß ins Büro zu gehen, das hatte sie schließlich schon vorher gemacht, doch war es bisher immer freiwillig gewesen. Jetzt hatte sie die Verpflichtung dazu und wenn sie nicht als Wortbrecherin gelten wollte, blieb ihr keine andere Wahl als es bis zum Ende durchzuziehen. Dieser Punkt, keine Wahl zu haben, sorgte für ein angenehmes Kribbeln in ihrem Körper. Es war nicht so stark wie am Samstag, als sie nur mit dem knappen Kleidchen an ihrem Körper von Hannelore vor die Tür gesetzt worden war, um zum Bäcker zu gehen, doch für einen Montagmorgen reichte es durchaus, um gut in den Tag zu starten. Zufrieden mit ihrem Aussehen griff sie sich ihre Tasche und verließ das Haus. Auf dem Weg zu ihrem Auto fühlte sich der Asphalt noch kühl und etwas feucht nach dem gestrigen Regenschauer an. Mit wenig Verkehr und noch weniger Fußgängern auf der Straße kam sie überpünktlich am Büro an und konnte sich einen Parkplatz in direkter Nähe des Eingangs sichern. Sie holte gerade ihre Tasche aus dem Kofferraum, als eine Hand sie an der Schulter packte. Erschrocken wirbelte Sabine herum und holte mit der Tasche aus, bereit, sie dem Angreifer mit aller Kraft ins Gesicht zu schlagen. In letzter Sekunde stoppte sie in der Bewegung, als die Gestalt ihr gegenüber sich duckte und die Arme schützend über den Kopf hob. “Ich bins, ich bins, ich bins ….”, rief die Person hastig und duckte sich noch etwas weiter. Sabine, noch immer mit der Tasche im Anschlag, schaute genauer hin und erkannte Erika, die mit Panik in den Augen zwischen ihren erhobenen Armen zu ihr aufsah. “Mensch Erika, willst du, dass ich einen Herzinfakt bekomme?” Sabine ließ die Tasche sinken und sah Erika anklagend an. “Ich wollte dich doch nur begrüßen… “, fing diese an, sich zu entschuldigen und ließ ebenfalls die Arme sinken. “Wer kann denn ahnen, dass du einem sofort den Kopf abreißen willst?” Sabine zuckte mit den Schultern: “Hey, als Frau musst du heutzutage auf der Hut sein. Im Zweifel erst handeln und bei Bedarf entschuldigen, so sehe ich das.” “Werde ich mir für die Zukunft merken.”, erwiderte Erika und musterte Sabine. “Schön dass du unsere Abmachung nicht vergessen hast.” Jetzt war es an Sabine, Erika zu mustern. Sie hatte sich für einen cremefarbenen Faltenrock entschieden, der ihr etwa eine Handbreit über die Knie ging, gepaart mit einem farblich passenden Bluse. Als Sabine ihre nackten Füße ansah, wackelte Erika leicht mit den Zehen. “Du ja auch nicht, wie ich sehe. Sag mal, hast du etwa schon auf mich gewartet?”, wollte Sabine wissen. Erika knetete verlegen ihre Hände, bevor sie antwortete. “Ich wollte sicher sein, dass ich nicht die einzige Barfüßige im Büro bin.” Sabine fand ihre Verlegenheit irgendwie niedlich. Wenn sie daran zurück dachte, dass das ganze als Zufall begonnen hatte und wie schnell Erika bereit gewesen war, selbst auf ihre Schuhe zu verzichten… Aber anhand der Formulierung, die sie benutzt hatte, wollte Sabine ihr jetzt auf den Zahn fühlen. “Soll das etwa heißen, du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten?”, frage Sabine und stemmte die Hände in die Hüften. Erika riss die Augen auf und sah sie erschrocken an. “Wie kommst du darauf? Du kannst doch sehen, dass ich keine Schuhe anhabe.” Sabine beugte sich etwas vor und sprach ruhig weiter. “Ja ja, aber wir hatten abgemacht, dass die Schuhe diese Woche komplett zuhause bleiben.” Sie deutete auf den noch geöffneten Kofferraum. “Und du siehst ja, dass ich hier nichts verstecke.” Erika blickte kurz an ihr vorbei in den leeren Kofferraum und ihr Blick zuckte kurz zur Seite zu einem anderen geparkten Wagen. Sabine fand Gefallen an diesem Spiel und entschied sich, es noch etwas weiter zu treiben. “Lass uns doch mal einen Blick in deinen Wagen werfen.”, forderte sie Erika auf und bevor diese antworten konnte, schob Sabine sie auch schon sanft aber bestimmt in Richtung des geparkten Autos. Erika trottete zögerlich vorweg und als sie dann mit gesenktem Kopf den Kofferraum öffnete, lag dort mittig ein paar cremefarbener flacher Schuhe. “So so, was haben wir denn da?”, sagte Sabine im halb tadelnden, halb belustigten Tonfall. “Die waren nur für den Notfall gedacht.”, versuchte sich Erika hastig zu rechtfertigen. Mit einem “Ts, ts ts” griff sie an Erika vorbei und nahm die Schuhe an sich. “Die werde ich dann mal für dich verwahren.”, sagte sie mit einem Lächeln und stellte die Schuhe sorgfältig in ihren eigenen Kofferraum. Über die Schulter hinweg sah sie Erika an, deren Blick wehmütig zwischen Sabines und ihren Schuhen hin und her wechselte. “Und am Wochenende bekommst du sie nach unserem Spaziergang wieder.”, verkündete Sabine und sah, wie der Mund von Erika einmal auf- und dann ohne ein Wort wieder zuklappte. Anscheinend hatte sie ihre Niederlage akzeptiert. Sabine war klar, das Erika zuhause jederzeit auf ihren kompletten Schuhschrank Zugriff hatte und daher keineswegs gezwungen war, die ganze Woche über barfuß zu bleiben, doch zumindest für den Rest des Arbeitstages hatte sie keine andere Wahl als ihr Schicksal zu akzeptieren. Sie schloss schwungvoll den Kofferraum, so dass Erika bei dem Geräusch leicht zuckte und zusammen gingen sie zum Büroeingang. Kurz vor der Tür fragte Erika: “Was sagen wir eigentlich, warum wir schon wieder barfuß sind?” Sabine überlegte für einen Moment und als sie die Tür aufhielt, hatte sie sich eine Antwort parat. “Ganz einfach. Wir sagen, dass wir beim Volleyball Spiel gewettet haben. Der Verlierer muss diese Woche auf seine Schuhe verzichten. Und da jede von uns einmal verloren hat…” Jetzt fing auch Erika an zu lächeln, als sie an Sabine vorbei ins Foyer trat. Der Arbeitstag fing normal an und die übrigen Kollegen trudelten nach und nach ein. Der ein oder andere Kopf wurde durch die Tür gesteckt und es ertönte ein mehr oder weniger enthusiastisches “Morgen” auf dem Flur. Sabine hatte sich direkt auf die Arbeit gestürzt und ihre Umgebung ausgeblendet, bis ein lautes Pochen in ihrer Nähe sie aus ihrer Konzentration rieß. An ihrem Schreibtisch stand Erika, die mit ihrer Kaffeetasse auf den Tisch klopfte. “Na komm, Zeit zum Tanken.", forderte sie Sabine auf und zusammen gingen sie in die Küche. An der Kaffeemaschine stand bereits Matthias, der gerade ein paar Worte mit einer anderen Kollegin wechselte. Erika und Sabine reihten sich in die Schlange Koffeinsüchtiger ein und hörten dem Gespräch ihrer Kollegen zu. Wie zu erwarten ging es um das Event von Freitag und die beiden tauschten eher langweilige Geschichten über ihre Erlebnisse aus. Sabines Herzschlag beschleunigte sich, als Matthias gefragt wurde, ob er noch etwas besonderes erlebt hatte, was er als Krönung des Abends ansehen würde. ‘Tatsächlich ja. Stell dir vor, ich wollte Abends noch in der Sauna entspannen und wer erwartet mich da? Genau, Sabine Menzel, völlig nackt und schamlos, als wenn sie auf jemanden gewartet hätte, der sie dort sehen soll.’ Sabine hörte seine Stimme, wie er im Plauderton jedes Detail ihres Körpers beschrieb, wie sie sich ihm in der Sauna genähert hatte, das gemeinsame Abkühlen im Tauchbecken, wo sich ihre Körper so nahe gekommen waren… “Erde an Sabine, bist du noch da?” Erika wedelte mit ihrer Tasse vor Sabines Gesicht herum und sah sie fragend an. Sabine blinzelte ein paar Mal und zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Sorry, ich war gedanklich noch an meinem Platz”, log sie. Als sie die fragenden Blicke der Kollegen bemerkte, fragte sie nach: “Was?” “Wir wollten wissen, was für dich am Besten gewesen ist.”, fragte die Kollegin und nippte an ihrem Kaffee. ‘Auf jeden Fall die Massage mit dem Mega-Orgasmus als Höhepunkt, gefolgt von dem Saunagang wo…’, geisterte es ihr durch den Kopf, doch das war definitiv nichts, was man mal eben so in der Küche zur Sprache brachte. “Ich fand die Wellness-Landschaft super entspannend. Genau das, was man am Ende der Woche braucht, um abzuschalten.", erklärte sie und fand, dass sie damit noch immer nah genug an der Wahrheit geblieben war. “Schade, das wollte ich auch ausprobieren. Doch alle Termine waren bereits vergeben, als ich gefragt habe.”, meinte die Kollegin neidisch. ‘Oh, ich wette du wärst auf deine Kosten gekommen.’, dachte sich Sabine, ging aber stattdessen zu der mittlerweile frei gewordenen Kaffeemaschine. Bevor das Thema weiter zur Sprache gebracht werden konnte, sah die Kollegin auf ihre Uhr und sah Erika auffordernd an. “Komm, wir haben in ein paar Minuten diese Online-Schulung. Da sollten wir pünktlich sein, Herr Voss ist auch dabei.”, meinte sie und verließ zusammen mit Erika die Küche. Nun standen sich Matthias und Sabine schweigsam gegenüber, beide hielten ihre Kaffeetassen wie einen Schild vor sich. “Nun… hast du noch ein schönes Wochenende gehabt?”, fragte Sabine, in dem Versuch, das Eis zu brechen. “Hab mich eigentlich nur aufs Sofa gehauen und entspannt.”, kam die Antwort kleinlaut zurück. Nach ein paar Sekunden des Schweigens war es an ihm, die Konversation weiterzuführen. “Und wie war es bei dir?” Sabine überlegte kurz über all das, was sie am Wochenende erlebt hatte. Sie hatte in relativ kurzer Zeit so viel unternommen, was sie sich noch vor ein paar Wochen nicht einmal ansatzweise hätte vorstellen können. Nur war praktisch nichts von dem etwas, was man während einer Kaffeepause im Büro im Plauderton mit seinen Kollegen teilen möchte. “Hab es auch ruhig angehen lassen. Ein bisschen im Grünen spazieren gewesen, so was halt.”, gab sie zurück. Auch hier blieb sie praktisch bei der Wahrheit, sie ließ nur die pikanten Details außen vor. Matthias schielte an seiner Tasse vorbei auf ihre nackten Füße und Sabine konnte die Frage erahnen, die sie in seinem Kopf bildete. Nur um seine Fantasie etwas anzuregen, lehnte sie sich an die Arbeitsplatte und streckte die Beine durch, während sie einen großen Schluck aus ihrer Tasse nahm. Sein Blick wechselte zwischen ihren Füßen und ihrem unschuldig dreinschauenden Gesicht, während sein Gesichtsausdruck verriet, dass er den Mut aufbringen wollte, seine Frage zu stellen. “Beim Spaziergang warst du…?”, fing er vorsichtig an zu fragen, doch Sabine unterbrach ihn direkt. “Ja, war ich.”, gab sie grinsend zurück. Nun war es an Matthias, sich seinem Kaffee zu widmen, um seine Fassung zurückzugewinnen. Noch immer grinsend drehte sie ihm den Rücken zu und ging langsam zurück zu ihrem Büro, wobei sie jeden Schritt langsam und betont abrollte, sicher dass Matthias sie weiter beobachtete. “Ach ja,”, meinte sie über die Schulter hinweg, “Erika und ich haben diese Woche unsere Wettschulden vom Volleyballspiel einzulösen, daher ‘müssen’...”, sie betonte das Wort extra, als wenn es etwas wäre das sie Überwindung kosten würde, “... wir diese Woche unsere Schuhe zuhause lassen.” Bevor Matthias diese Ankündigung richtig verarbeitet hatte, war Sabine schon auf halbem Weg zurück zu ihrem Büro und stellte sich vor, was wohl in seinem Kopf gerade vorging. Die nächsten Stunden vergingen zügig, da Sabine immer etwas zu tun hatte. Zur Mittagspause hatte sie heute lediglich ein belegtes Brot mitgenommen, das sie am Arbeitsplatz aß. Auch die anderen Kollegen hatten wohl etwas dabei, da niemand bei ihr vorbeikam und nach ihren Mittagsplänen fragte. So näherte sich der Arbeitstag dem Ende, als auf ihrem Monitor eine Nachricht von Herrn Voss aufblinkte. ‘Bringen Sie mir bitte die Unterlagen zum Kreisverband rüber, sie sollten noch in Ihrem Büro sein.’ Sabine schaute sich kurz um und sah den fraglichen Aktenordner nahe der Tür stehen. Mit einem Schulterzucken stand sie auf, griff sich den Ordner und ging den Flur entlang zum Büro von Herrn Voss. Aus den Büros, an denen sie vorbei kam, hörte sie nur betriebsames Tippen, bis sie dann sachte an den Türrahmen ihres Chefs klopfte, um sich anzukündigen. Sie wartete kurz und trat dann ein, den Aktenordner locker in ihren Händen. Herr Voss war in seine Aufgabe vertieft und machte sich gerade ein paar Notizen in einer Akte, anscheinend hatte er ihr Eintreten gar nicht bemerkt. ‘Ich laufe ja auch auf leisen Sohlen.’, dachte sich Sabine und ging näher an den Schreibtisch heran. Der Flusen des Teppichs kitzelten sanft ihre Füße, da er hier nicht ganz so ausgetreten war wie auf dem Flur und Sabine wollte gerade den Aktenordner auf den Tisch legen, als Herr Voss überrascht aufsah. Sabine starrte ihn erschrocken an, sie sah, wie sich sein Mund bewegte. “Frau Menzel…”, hörte sie ihn sagen, ‘Warum sind sie nackt?’ Sabine blinzelte ein paar Mal, ungläubig dessen, was sie gerade gehört hatte. Herr Voss sah sie immer noch groß an, als er aufstand und sich etwas vorbeugte. ‘Sie sind nackt!’, hörte sie seine Stimme und das Blut rauschte in ihren Ohren. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Sabine schaute zwischen ihren ausgestreckten Armen an sich herab und sah… ihr Hemd, das locker über ihre Brüste fiel, darunter ein Hosenbein, das in einem nackten Fuß endete. “Frau Menzel, alles in Ordnung?” Die Stimme von Herrn Voss drang durch das Rauschen in ihren Ohren. Er stand noch immer vor ihr, schaute sie aber mittlerweile leicht besorgt an. “.. Ja … ja… ich hatte gerade nur einen ganz heftigen Fall eines Déjà-vu.”, stammelte Sabine und bemühte sich um einen klaren Kopf. “Na das muss ja wirklich ein ganz übler Fall gewesen sein. Sie sehen ja aus als wenn Sie etwas traumatisches erlebt hätten. Ist wirklich alles in Ordnung?” Herr Voss kam um den Tisch herum und nahm ihr sachte den Ordner aus den Händen, den sie immer noch starr vor sich hielt. “Ja, alles gut. Es kam nur so … überraschend.” Sabine rieb sich ihre Arme und versuchte, die aufkommende Gänsehaut zu vertreiben. Die Erinnerung an ihren Traum war so heftig gewesen, die Situation, die Empfindungen… es hatte alles gepasst. Von dem Gefühl des Teppichs an ihren Füßen, das Halten des Ordners, Herr Voss, der sich Notizen machte, es war wie eine exakte Nachstellung ihres Traums gewesen. Sie hatte noch nicht einmal das Gewicht der Kleidung, oder das Gefühl des Stoffes auf ihrer Haut gespürt, sie hätte tatsächlich nackt hier stehen können. “Nun, danke für die Akte.” Herr Voss nickte ihr noch einmal zu und legte den Ordner auf eine freie Stelle des Tisches. Sabine verstand die stille Aufforderung, nickte ebenfalls und verließ den Raum. Doch anstatt zu ihrem Büro zurückzugehen, machte sie sich auf den Weg zum Büro von Matthias. Sie wusste selbst nicht warum, doch gerade jetzt wollte sie einfach mit jemandem reden. Sie steckte den Kopf durch die Tür und fragte: “Hi, hast du gerade ein paar Minuten?” Matthias sah von seinem Computer auf und auf seinem Gesicht zeichneten sich Überraschung, Verwirrung und Unsicherheit im schnellen Wechsel ab, bis er sich zurücklehnte und sie heran bat. Sabine setzte sich auf den einzigen Stuhl, der nicht mit Computerteilen oder Ausdrucken belegt war, und zog ein Bein unter sich. Am liebsten hätte sie sich auf ein Sofa gelegt und alles, was gerade in ihrem Kopf vorging, laut ausgesprochen. Sabine legte sich ihre Gedanken zurecht und versuchte die richtigen Worte zu finden, während Matthias sie leicht fragend, aber völlig still ansah. Sie hatte keine Möglichkeit, ihre wahren Beweggründe mit ihm zu bereden, vor allem nicht hier, wo jederzeit jemand vorbei kommen konnte. Um ihn nicht weiter warten zu lassen, entschloss sie sich stattdessen, es mit einfachem Smalltalk zu versuchen, um ihren Kopf frei zu bekommen. “Gerade viel zu tun?”, fragte sie unschuldig und wollte sich in dem Moment ohrfeigen, als die Worte ihren Mund verließen. Natürlich hatte er genug Arbeit vor der Brust, alleine der Zustand seines Büros war Indiz genug. Matthias zog eine Augenbraue hoch und sah sie skeptisch an. Bevor Sabine sich weiter um Kopf und Kragen reden konnte, fragte er stattdessen: “Irgendwas sagt mir, du bist nicht hier, weil du dich um meine Arbeit sorgst. Also, was ist wirklich los?” Sabine schaute beschämt zu Boden und kaute verlegen auf ihrer Unterlippe. Es war egoistisch von ihr gewesen Matthias von der Arbeit abzuhalten, nur weil sie gerade jemanden zum reden brauchte. Aber wie konnte sie auch mit jemandem über das reden, das ihr wirklich zu schaffen machte? So hatte sie sich aus purem Eigennutz in eine Situation gebracht, aus der sie jetzt erstmal wieder herausfinden musste. “Ich… ich hatte nur gerade einen Flashback von einem Alptraum, der mich mehr mitgenommen hat, als ich es im ersten Moment vermutet habe.”, sagte sie leise, den Blick noch immer auf den Teppich gerichtet. “Und da dachte ich, wenn ich kurz mit jemandem quatsche, dann verfliegt dieses Gefühl wieder.” Sie hörte, wie sich Matthias in seinem Stuhl vorbeugte, bevor die Frage kam, die sie befürchtet hatte. “Willst du darüber reden, was dich so mitgenommen hat?” ‘Na klar, wo soll ich anfangen. Wie wäre es damit, in meinem Alptraum bin ich mal einfach so nackt im Büro unterwegs und alle Kollegen glotzen mich an und halten mir meine Nacktheit vor Augen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist das gar nicht so sehr ein Alptraum, weil ich furchtbar gerne nackt bin. Und wenn wir schon mal dabei sind, den einen Samstag war ich ja auch schon nackt im Büro, mit je einem Plug in meinem Arsch und Fotze und du hättest nur etwas leiser die Tür aufmachen müssen und hättest das alles in Full-HD vor der Nase gehabt.’ “Klingt zwar doof, aber in meinem Traum war ich hier im Büro und Herr Voss hat gesagt, dass ich …” Sabine holte einmal tief Luft, “.. gefeuert bin.” Sabine hoffte, dass diese Geschichte soweit glaubwürdig war, um die gröbsten Zweifel zu zerstreuen. Zumindest teilweise stimmte es ja, auch wenn dieser Teil denkbar klein war. Vorsichtig schaute sie nach oben, um in Matthias' Gesicht nach Anzeichen von Unglauben zu suchen. Doch zu ihrer Erleichterung schien er ihr die Geschichte abzukaufen. “Warum sollte er dich denn feuern wollen? Weil du die Kleiderordnung hier etwas großzügig auslegst?”, fragte er mit einem kleinen Schmunzeln. ‘Wenn du wüsstest’, dachte sich Sabine und lächelte ihn an. “Ich glaube nicht, dass das für Herrn Voss ein Problem darstellt. Ansonsten hätte er es bestimmt schon erwähnt. Und außerdem gibt es ja schon mal mindestens eine Kollegin, die meinem Modetrend folgt.”, gab sie unschuldig zurück und wackelte dabei etwas mit dem Fuß, der unter ihrem Körper auf dem Sessel lag. Jetzt war es an Matthias zu lächeln. Entspannt lehnte er sich wieder zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. “Da hast du Recht. Ich glaube, es haben sich alle schon an euren Anblick gewöhnt.” “Und ich denke, dass du auch nichts dagegen hast, wenn wir weiterhin so … luftig unterwegs sind, nicht wahr?”, fragte Sabine verschwörerisch. Sie konnte sehen, wie Matthias Blick einmal kurz zu ihren freiliegenden Zehen huschte und er deutlich erkennbar schlucken musste. Oh, ganz sicher würde er es bedauern, wenn Erika und sie wieder anfingen Schuhe zu tragen. Bevor er darauf antworten konnte, legte sie noch eine Schippe nach: “Am Wochenende hat dir mein Aufzug doch auch zugesagt, oder irre ich mich da?” An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass sie jetzt eventuell etwas zu weit gegangen war. Sie hatten sich zwar beim Saunagang nackt gegenübergestanden, aber Matthias hatte ihr ja gesagt, dass die Sauna für ihn ein gesonderter Bereich war, wo die Nacktheit der anderen als normal galt. Ihre Aktion danach, wo sie nur in dem dünnen Hemd und dem grobmaschigen Tuch um ihre Hüfte das Bad verlassen hatte, galt bei ihm wohl schon wieder als grenzwertig, auch wenn er damals nichts dagegen gesagt hatte. “Entschuldige, das wollte ich nicht sagen.”, versuchte Sabine, die Situation zu retten. Es dauerte einen Moment, bis Matthias antwortete. “Ich habe dir ja gesagt, dass ich da meine Probleme habe, wenn ich dich seit diesem einem Samstag sehe. Und das da im Bad, das ist dabei auch nicht hilfreich gewesen. Nur weil du gesagt hast, dass du kein Problem damit hast, wie ich dich sehe, können wir jetzt hier so sitzen und reden. Aber bitte, versuche nicht mich damit zu reizen, ja?” Sabine nickte einfach nur, um die Situation nicht weiter durch eine unbedachte Äußerung zu strapazieren. Nach ein paar Sekunden drehte sich Matthias wieder zu seinem Rechner. “Ich muss jetzt weitermachen, sonst werde ich heute nicht fertig.” Sie verstand den nicht sehr subtil versteckten Hinweis und verließ wortlos das Büro. Hoffentlich hatte sie die gerade erst gekittete Beziehung zu Matthias nicht mit dem Vorschlaghammer wieder eingerissen.
Kommentare
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Wie immer wunderschön geschrieben. Auch wenn nicht viel passiert, scheint es die Vorbereitung zu sein für weitere Abenteuer. Eine kleine Kritik habe ich aber diesmal. Es wäre schön wenn mehr Absätze vorhanden wären. So ist der Text manchmal schwer lesbar
Wieder super geschrieben, lese ich immer sehr gerne. Leider ist es ja im Moment nicht möglich Absätze zu machen.
Da lese ich gerne weiter.
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