Onkel Roberts Tagebuch 2
16. Mai 1944
Ich wachte auf und spürte, dass sich mein Oberschenkel schon deutlich besser anfühlte. Die Sonne schien durchs Fenster und zeichnete helle Streifen auf den Boden. Ich setzte mich auf, lehnte mich ans Fenster und blickte hinunter auf den Hof. Alles wirkte so friedlich, so still, dass es fast unwirklich erschien.
Elise war bereits draußen.
Ich sah, wie sie die Schwengel-Pumpe bediente, den Eimer langsam füllte, ihre Bewegungen ruhig und routiniert. Luc saß auf einem Holzstapel, kaute auf einem Stängel und bewegte sich kaum. Kein Laut drang zu mir herauf; ich hörte nur das leise Klappern des Holzes, das Plätschern des Wassers, das Rascheln der Blätter. Alles schien normal, fast wie in einem Traum.
Dann bemerkte ich einen Mann, der über den Hof kam – ein Nachbar. Ich konnte ihn nicht identifizieren, erkannte nur, dass er älter war, Franzose, ruhig, ohne jede Hektik. Elise begrüßte ihn, und sie begannen zu sprechen. Ich verstand nichts, kein Wort, konnte nur sehen, wie sie sich unterhielten: die Gesten, die ruhigen Bewegungen, das leichte Nicken, das Zuhören. Ich duckte mich tiefer hinter den Vorhang. Mein Herz schlug schneller, und ich hoffte, sie würden mich nicht bemerken.
Nach einer Weile zog sich der Nachbar zurück. Elise blieb einen Moment stehen, blickte über den Hof, dann verschwand sie im Haus. Ich atmete erleichtert aus, doch noch ehe ich mich zurücklehnen konnte, hörte ich Schritte auf der Treppe. Sie kam zu mir ins Schlafzimmer.
Sie setzte sich auf den Stuhl neben meinem Bett und sah mich ernst an, aber nicht angespannt. Ihre Stimme war ruhig, als sie begann zu erklären, was sie sich überlegt hatte.
Der Nachbar habe heute erzählt, dass irgendetwas im Busch sei, sagte sie leise, ohne mich anzusehen. Sie wisse nicht, wie viel er wisse, aber offenbar werde über uns geredet. Sie seufzte. Und meine Einheit – sie sei abgezogen. Vielleicht sei das der Grund, dass bisher noch niemand nach mir gesucht habe. Vielleicht auch, dass mein Verschwinden nicht bemerkt worden sei oder vertuscht worden sei.
Ich hörte nur zu, sah ihr Gesicht im schwachen Licht der Sonne, wie sie die Hände faltete und nachdachte.
Sie fuhr fort, dass sie mich nicht ewig verstecken könne. Sie sei schon mit dem Hof überfordert, mit allem, was getan werden müsse, und könne sich nicht ständig um mich kümmern. Aber sie habe sich etwas überlegt. Nun schaute sie mich direkt an, ihre Augen ernst, aber fest. Wenn wir es richtig anstellten, könne ich hierbleiben, ohne dass jemand Verdacht schöpfte.
Ich spürte, wie sich ein Knoten in meinem Bauch löste, doch gleichzeitig stieg die Anspannung. Ich hielt den Atem an.
Sie erklärte, sie werde sagen, ich sei ein Neffe aus ihrer Pariser Zeit. Ich sei gekommen, um hier auf dem Hof zu helfen. Sie werde vorgeben, dass ich ein wenig zurückgeblieben sei, stumm, vielleicht etwas schwachsinnig. Niemand hier werde sich wundern, und niemand werde mir auf die Schliche kommen. Mit meinen dunklen Haaren könne ich als Franzose durchgehen.
Ich schluckte und versuchte zu begreifen, was sie mir damit sagen wollte. Es klang absurd, fast lächerlich, und doch schien es in dieser kleinen, friedlichen Welt auf dem Hof die einzige Möglichkeit zu sein, zu überleben.
Sie sagte leise, es werde nicht einfach werden, aber es sei besser so. Ich sei verletzt, noch nicht wieder einsatzfähig. Und solange ich hier sei, sei ich geschützt – vor der Einheit, vor dem Dorf, vor allem, was draußen lauerte.
Ich lehnte mich zurück, spürte die Wärme der Sonne auf der Haut und hörte die leisen Geräusche des Hofes. Für einen Moment schien alles möglich. Ich war noch jung, noch unerfahren, aber am Leben. Und das war alles, was zählte.
25.Mai 1944
Ich hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Die Schmerzen im Oberschenkel waren noch da, dumpf und ziehend, aber sie waren schwächer geworden. Am Morgen spürte ich zum ersten Mal, dass Kraft in meinen Körper zurückkehrte. Ich konnte mich allein aufsetzen und sogar das Bett verlassen. Dabei wurde mir schwindlig, doch es gelang mir.
Elise stand in der Tür. Sie sah zu mir herüber, und obwohl sie mich mahnte, langsam zu machen, konnte ich das kleine Lächeln nicht übersehen, das sich in ihren Mundwinkeln versteckte.
Sie brachte mir frische Wäsche – Hemd, Unterhose, Strümpfe. Kleidung ihres Mannes. Jeans Kleidung. Für einen Moment stockte mir der Atem. Ich sah sie an, und sie nickte nur.
„Es ist in Ordnung“, sagte sie leise. „Er würde wollen, dass du wieder zu Kräften kommst. Du weißt ja… ich weiß nicht ob und wann er zu uns zurückkehrt.“
Ich wusste es. Wir hatten in jener Nacht, mehr als eine Woche zuvor, darüber gesprochen. Diese Nacht hatte uns einander nähergebracht, und Elise hatte Gefühle in mir geweckt, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte. In den Nächten danach hatte es sich nicht wiederholt; zu erschöpft war sie wohl von der täglichen Schufterei auf dem Hof.
Das Hemd war getragen, weich, ohne jeden persönlichen Geruch. Trotzdem fühlte es sich an, als würde ich in eine Rolle schlüpfen, die nicht meine war. Elise half mir, den Kragen zu richten, und wir standen so dicht beieinander, dass ich ihren Atem an meinem Hals spürte.
Sie stützte mich, als wir zur Stiege gingen, die in die Küche führte. Die Stufen waren so steil wie eine Leiter; ich schluckte. „Wenn ich falle, nehme ich dich mit“, murmelte ich. Sie antwortete trocken: „Dann falle ich eben mit.“ Ich musste lächeln.
Der Abstieg kostete mich Kraft, Schweiß. Doch am Ende stand ich unten, in ihrer Küche, ausgestreckt die Hand auf dem Tisch, aber ich stand.
Elise strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Da bist du“, sagte sie. Ich sah mich um. Der Holztisch, der Herd, das kleine Fenster im Morgenlicht. Alles wirkte vertraut und friedlich, als hätten Krieg und Not draußen bleiben müssen.
„Ich bin da“, sagte ich.
Vielleicht war es nur ein Moment – aber ein kostbarer.
Ich saß noch wackelig am Tisch, als Schritte vor der Tür laut wurden. Elise ging die Farbe aus dem Gesicht.
„Madame Lefèvre“, flüsterte sie. „Sie kommt manchmal Eier holen.“
Bevor ich etwas sagen konnte, stand die Frau schon in der Küche. „Bonjour, Elise!“ Und dann blieb ihr Blick an mir hängen.
Ich tat, was Elise mir eingeschärft hatte: Kopf gesenkt, Lippen geschlossen, starrer Blick. Stumm. Verlangsamt. Ein Mann, der nicht ganz bei sich ist – erschütternd leicht zu spielen.
Elise erzählte ihre Geschichte vom „Neffen aus Paris“, dem Sohn ihrer Kusine. Eine einfache Lüge, aber glaubhaft. Dann sprach sie auch davon, dass seine Mutter Angst habe, die Deutschen könnten ihn wegen seiner Behinderung verschleppen.
Die Nachbarin wurde leiser, weicher, aber gleichzeitig wachsamer. Sie musterte mich eingehend. Ich rührte mich keinen Millimeter.
„Ein kräftiger Mann hilft im Stall“, fügte Elise hinzu.
Damit war das Bild rund. Die Frau nahm ihre Eier und ging. Als die Tür endlich zufiel, atmete ich aus, als hätte mich jemand vom Grund eines Sees gezogen.
„Die erste Prüfung“, sagte Elise, „haben wir bestanden.“
Der restliche Vormittag verlief ruhig. Ich schälte Kartoffeln, froh, endlich unten in diesem warmen Raum sitzen zu dürfen. Elise kochte Suppe und Gemüse.
Luc kam aus der Schule, sah mich zuerst zögernd an. Beim Essen erklärte Elise ihm behutsam, dass ich bleiben müsse – und dass er niemandem erzählen dürfe, wer ich wirklich bin. Luc sagte nichts. Sein Blick war schwer, viel zu alt für sein junges Gesicht. Vielleicht die Verschleppung seines Stiefvaters. Vielleicht der Vorfall, als er mich blutend fand. Vielleicht beides.
Aber er wird schweigen. Da bin ich sicher.
Am Nachmittag ging ich wieder nach oben. Alles ruhig. Und als die Nacht hereinbrach, kam Elise leise in die Kammer. Barfuß. Sie schlüpfte zu mir unter die Decke, legte sich eng an mich. Mehr geschah nicht. Es war nur Nähe, Wärme, Trost. Und das reichte.
30. Mai 1944
Die nächsten Tage brachten Routine. Ich erholte mich schnell. Erst stilles Helfen: Schweine, Hühner, Kühe. Dann schwerere Arbeiten. Ausmisten. Wasser aus dem Brunnen. Körbe voller Kartoffeln tragen. Ich spürte mit jedem Schritt, dass ich wieder Mensch wurde.
Eines Morgens sagte Elise: „Es wird Zeit für die Heuernte. Sonst regnet es uns kaputt.“
Ich nickte nur. Und wir arbeiteten Seite an Seite. Die Sonne, der Geruch des Grases, das Klirren der Sense – es ließ mich den Krieg fast vergessen.
Die deutschen Soldaten im Dorf wurden weniger. Wenn doch einmal ein Trupp vorbeikam, zog ich mich zurück in den Schatten der Scheune oder hinauf auf den Heuboden. Niemand stellte Fragen.
7. Juni 1944
Anfang Juni kam der Nachbar aufgeregt auf den Hof gelaufen. Er sprach mit Elise im Flüsterton; seine Gesten waren hektisch, ihre Hand bedeckte ihren Mund.
Später erzählte sie es mir.
Eine Invasion. Irgendwo an der Küste der Normandie. Briten, Amerikaner. Noch unklar wann, noch unklar wo genau.
Wenn es stimmt, dann wird der Westen sich öffnen. Dann könnten sie durchbrechen.
Elise saß still da. „Einerseits hoffe ich es… wegen Jean. Aber wenn die Kämpfe hierher kommen…? Wenn die Deutschen alles niederbrennen oder die Alliierten…“ Sie brach ab.
Ich legte meine Hand auf ihre.
„Wir werden damit umgehen. So wie mit allem bisher.“
Sie verschränkte ihre Finger mit meinen.
Und so blieb die Nachricht in der Luft wie ein ferner Donner, der noch weit weg ist – aber unweigerlich näherkommt.
In dieser Nacht wachte ich auf, weil mich der Druck in der Blase aus dem Schlaf riss. Ich tastete mich im Halbdunkel zum Nachttopf. Das Scharren meiner Schritte auf den Holzdielen und das Plätschern des Urins im Nachttopf klangen viel lauter, als mir lieb war. Als ich fertig war und mich wieder zum Bett wandte, blieb ich für einen Moment wie angewurzelt stehen.
Elise lag aufgedeckt da. Ihr Nachthemd war hochgerutscht, so weit, dass es jene Stellen ihres Körpers zeigte, die sonst für mich nie sichtbar waren. Das Licht der kleinen Petroleumlampe fiel weich auf ihre Haut und ließ sie fast schimmern. Zwischen Ihren Beinen sah ich ihr schwarzes, fülliges Haar. Etwas in meiner Brust zog sich zusammen – ein Staunen, ein Erkennen, ein tiefer Wunsch, der mich überfiel, bevor ich ihn benennen konnte.
Ich kroch zurück unter die Decke. Kaum lag ich, wandte sie sich mir zu, als hätte sie nur gewartet, dass ich wieder an ihrer Seite war. Ihre Hand glitt über meine Brust, warm, suchend, vertraut und zugleich anders als sonst. Es war keine zufällige Berührung. Sie nahm mich in Empfang.
Ich merkte sofort, dass sie nicht schläfrig war. Sie stützte sich halb auf, sodass ihre Haare weich über ihre Schulter fielen. Ihr Blick war ganz bei mir – wach, warm, entschlossen.
Sie hob die Hand und strich mir über die Wange. Eine sanfte, aber lange Berührung, als müsse sie sicher sein, dass ich wirklich da bin.
„Robert…“ hauchte sie, kaum hörbar.
Ich kam nicht mehr zum Antworten. Ihre Finger fassten meinen Kopf, behutsam, aber entschlossen, und ihre Lippen fanden meine. Erst vorsichtig, dann tiefer, voller Wärme und Sehnsucht. Ich schmeckte den vertrauten Hauch von Lavendel, der immer an ihr haftete, aber in dieser Nacht lag darin etwas Neues – etwas dringend Gewolltes.
Ich erwiderte ihren Kuss erst überrascht, dann bewusst, bis wir uns enger aneinanderschmiegten. Ihr Atem wurde schneller. Sie rückte näher, überschritt eine Grenze, die all die Zeit stumm zwischen uns gelegen hatte.
Ihre Hand glitt über meine Brust hinab, langsam, als wolle sie mich ganz fühlen. Über meinen Bauch, dann weiter zu meinem Glied und meinen Eiern. Ich sog die Luft ein; ein feines Zittern durchlief mich, ein Gefühl aus Erregung, Dankbarkeit und Geborgenheit, wie ich es seit Jahren nicht gespürt hatte.
Elise legte ihre Stirn an meine. „Ich möchte dich… ganz bei mir spüren“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang verletzlich und zugleich voller Mut, als hätten diese Worte lange in ihr gewartet.
Ich legte eine Hand an ihre Hüfte. Ich spürte ihr Zittern genauso wie mein eigenes. Wir näherten uns einander, zögernd zuerst, vorsichtig, als könnten wir mit einer falschen Bewegung etwas Zerbrechliches zerstören. Doch dann gaben wir beide nach.
Elise führte mich und meinen Schwanz, als ich mich zu ihr bewegte. Langsam drang ich in sie ein. Ich fühlte zum ersten Mal die Wärme und Enge im Schoß einer Frau. Elise dirigierte mich sanft und gab mir den Takt vor. Es fühlte sich großartig an.
Was zwischen uns geschah, entfaltete sich still und überwältigend zugleich – ein tastendes, inniges Zusammenfinden zweier Menschen, die sich in dieser dunklen Zeit einen Moment des Lebens, der Nähe, der Wärme nahmen.
Der Krieg, die Angst, die Unruhe draußen – alles trat zurück. Für eine Weile gab es nur uns, unseren Atem, die Wärme unserer Körper.
Sie ließ mich kurz innehalten und zog sich das Nachthemd über den Kopf. Nun lag Sie da – ganz Frau, so wie Gott sie geschaffen hatte. Ich liebkoste mit Mund und Nase ihre großen, weichen Brüste, die wie alles an Ihr nach Lavendel rochen. Sie zeigte mir erneut den Weg ins Paradies. Ich bewegte mich immer schneller, bis ich wieder das wunderbare Ziehen in meinen Lenden spürte. Flankiert durch unser beiderseitiges lautes Stöhnen schoss es zuckend aus mir heraus – mitten in sie hinein. Erschöpft legte ich mich auf ihrem wunderbaren Körper ab, ohne unsere Mitte zu trennen.
Später, als wir erschöpft nebeneinander lagen, legte Elise den Kopf auf meine Schulter. Ich spürte, wie ihr Atem ruhiger wurde, weicher, friedlicher.
„Ich habe so lange nichts mehr gefühlt“, murmelte sie schläfrig. „Du gibst mir Mut.“
Ich legte meine Hand auf ihren Rücken und schloss die Augen.
Ich wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde.
Aber ich wusste, dass ich diese Nacht nie vergessen würde.
08. Juni 1944
Am nächsten Morgen wachte ich allein auf. Das Lager neben mir war leer, nur die leichte Mulde im Kissen zeigte, dass Elise dort gelegen hatte. Der Duft ihrer Haare hing noch in der Luft, und für einen Moment blieb ich einfach liegen, die Augen offen, aber nicht wirklich wach. Die Bilder der Nacht kamen zurück – erst flüsternd, dann deutlicher: ihre Wärme, ihre Hände, ihr Atem an meinem Hals. Es war, als hätte ich einen Traum berührt, der zu groß für diese Welt war.
Schließlich stand ich auf und zog mich an. Die Bodendielen knarrten, und als ich die Treppe hinunterging, hörte ich schon die Kühe im Stall schnauben. Elise musste früh aufgestanden sein.
In der Küche fand ich sie am Herd. Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt, und eine Strähne ihres Haares klebte an der Stirn. Sie sah mich, lächelte – ein warmes, echtes Lächeln, das mein Herz schneller schlagen ließ.
„Guten Morgen“, sagte sie.
Ich trat zu ihr, fast erleichtert, sie zu sehen. Und als ich meine Hand an ihre Hüfte legte, um sie zu küssen – nicht zudringlich, nur voller der Wärme, die mich seit der Nacht erfüllte – hob sie die Hand und legte zwei Finger sanft an meine Brust.
„Nicht jetzt“, flüsterte sie. Kein Tadel. Kein Ablehnen. Nur ein stilles Stoppen, freundlich und bestimmt zugleich.
Ich stutzte, etwas überrascht. Aber in ihrem Blick lag etwas, das mich sofort beruhigte – etwas, das sagte: Es war echt. Aber wir müssen vorsichtig sein.
Also nickte ich nur.
Wir aßen still, aber nicht schweigend. Es war eine angenehme Ruhe, die uns umgab – eine, die anders war als früher. Etwas war zwischen uns gewachsen. Nicht laut, aber deutlich.
15. Juni 1944
In diesen Tagen vergaß ich manchmal, wie nah der Krieg war. Die Arbeit auf dem Hof, das gleichmäßige Wachsen der Heuernte, die Nähe zu Elise – all das schuf eine Ordnung, die sich fast echt anfühlte. Es gab Stunden, in denen ich glaubte, wir hätten uns eine kleine Insel geschaffen, abgeschirmt von allem, was draußen tobte.
Doch ich merkte auch, wie fragil diese Ruhe war. Ein Geräusch auf dem Weg, ein fremder Blick vom Feldrand, ein Motor in der Ferne – all das reichte, um mein Herz schneller schlagen zu lassen. Ich wusste, dass das, was wir lebten, nur im Verborgenen existieren konnte. Zwischen Arbeit und Schweigen.
Zwischen Berührung und Vorsicht.
Heute hatte sich gezeigt, wie schnell alles zerbrechen kann.
Ich schreibe mit zitternden Händen. Vielleicht, um das Zittern loszuwerden. Vielleicht auch, um überhaupt zu begreifen, was heute geschehen ist.
Seit Tagen hören wir von den Nachbarn nur noch Bruchstücke aus der Ferne. Ihre Verwandten im Westen berichten, dass die Alliierten in der Normandie nur langsam vorankommen. Es soll Kämpfe geben, wie sie sich niemand vorstellen kann – ganze Orte dem Boden gleichgemacht, Felder voller Rauch und Metall. Hier im Elsass spürt man davon fast nichts. Der Himmel ist derselbe, die Felder wachsen weiter, und nur der Mangel an jungen Männern fällt auf. Die meisten sind wohl an irgendeiner Front, weit weg, wo das Donnern herkommt. Manchmal glaube ich, das Land hält den Atem an, bevor ein Sturm losbricht.
Heute aber hat der Krieg seinen Fuß auf diesen Hof gesetzt. Und auf meine Brust.
Am späten Vormittag tauchte ein deutscher Zweiertrupp auf, ein Kübelwagen, staubig, schlecht gelaunt. Sie wollten nur Eier – so sagten sie. Elise sah sie zuerst und blieb erstaunlich ruhig. Ich aber war draußen, zu nah, ohne Möglichkeit mich rechtzeitig zu verstecken. Ich hörte ihre Stiefel, hörte ihre Stimmen, und wollte mich gerade ducken, da rutschte mir – aus reinem Reflex – ein deutscher Satz heraus. Ein dummer, kurzer Satz. Vielleicht nicht einmal laut. Aber laut genug.
Ihre Köpfe fuhren herum wie bei Hunden, die Witterung aufnehmen. Einer kam gleich auf mich zu, der andere sagte etwas, das ich nicht verstand – und doch verstand ich alles. Misstrauen. Neugier. Besitznahme. Sie wollten mich mitnehmen. „Für Fragen“, sagten sie, und einer streckte die Hand aus, um mich am Kragen zu packen.
In diesem Moment riss etwas in mir. Ich rannte.
Ich weiß kaum noch, wie. Ich hörte Elise rufen, hörte die Soldaten fluchen, hörte den Motor des Kübelwagens anspringen. Die Felder flogen an mir vorbei, und der Wind schnitt mir die Luft aus der Brust. Hinter mir das Knattern des Motors, immer näher. Ich sah einen flachen Graben – nicht mehr als ein Schatten im Gras – und sprang im letzten Moment darüber.
Der Fahrer sah ihn nicht.
Es gab ein Krachen, ein hässliches, berstendes Geräusch, und dann überschlug sich der Wagen wie ein Tier, das stolpert und sich selbst zerreißt. Metall kreischte, Holz splitterte, Glas zersprang. Dann Stille. Nur mein eigenes Atemrasen, und das Rascheln des Grases, das sich wieder aufrichtete.
Ich wagte mich später zurück, aus sicherer Entfernung. Beide Soldaten waren tot. Es sah nach einem Unfall aus, einem jener blinden Schicksalsschläge, wie sie in diesen Zeiten überall lauern. Niemand sonst war in der Nähe. Es wäre leicht gewesen zu glauben, dass der Krieg sie geholt hat, nicht ich.
Erst sehr viel später kam ein weiterer Trupp. Vermutlich waren die beiden vermisst worden. Die Männer sahen sich um, fluchten leise, schleppten die toten Kameraden weg. Sie blickten nicht einmal richtig über das Feld, sie suchten keine Spuren. Für sie war es offenbar nur ein weiterer Verlust in einem Krieg, der schon so viele verschluckt hat. Niemand stellte Elise Fragen. Niemand sah in meine Richtung.
Ich hatte unheimliches Glück. Unverschämtes Glück. Glück, das einem fast Angst macht.
Doch seit heute fühlt es sich an, als wäre der Krieg nicht mehr irgendwo da draußen, sondern direkt hier, zwischen unseren Bäumen, in den Furchen der Felder, im Staub auf meinen Händen. Er hat mich beinahe berührt, fast gepackt, fast fortgerissen. Und ich weiß nicht, ob ich jemals wieder ruhig schlafen kann.
23. Juni 1944
In den Tagen danach wurde alles wieder leiser. Nicht sicherer – nur leiser. Der Hof nahm seinen gewohnten Rhythmus wieder auf, als hätte er den Zwischenfall einfach verschluckt. Niemand sprach darüber. Elise stellte keine Fragen mehr, und ich stellte keine. Wir taten, was getan werden musste, weil es das Einzige war, was Halt gab.
Ich schlief schlecht, wachte oft auf, horchte in die Dunkelheit und lauschte auf Geräusche, die nichts bedeuteten. Doch mit dem Morgen kam die Arbeit, und mit der Arbeit kam die Bewegung, die den Gedanken keinen Raum ließ. Solange meine Hände beschäftigt waren, blieb die Angst im Hintergrund.
So kam es, dass wir eines Tages wieder hinausgingen zur Heuernte. Die Sonne stand hoch, und der Duft frisch gemähter Wiesen lag in der Luft. Wir arbeiteten Seite an Seite, und hin und wieder sah ich Nachbarn am Weg stehen, wie sie kurz auf den Hof blickten und uns zuwinkten. Die Geschichte vom „Neffen“ hatte sich wohl schon überall herumgesprochen. Ich spielte mit – es war leichter so.
Der Hof hatte eine kleine Feldscheune, etwas abseits vom Wohnhaus. Gegen Mittag trugen wir die ersten Heugarben hinein. Die Luft darin war warm, staubig, erfüllt vom trockenen Duft des Sommers. Licht fiel in schmalen Linien durch die Ritzen der Hauswand und zog helle Streifen über den Boden. Ich hörte meinen eigenen Atem lauter als sonst, vielleicht weil die Stille hier dichter war.
Elise stellte ihren Armkorb ab. Ihr Haar klebte ihr leicht an der Stirn, und sie band es mit einer kurzen, geübten Bewegung zurück. Dann wandte sie sich zum Eingang, sah hinaus zum Hof, zum Feldweg, zur Biegung, die zum Dorf führte.
Niemand zu sehen.
Nur das Rauschen der warmen Luft.
Dann schob sie die beiden großen Scheunentüren zu. Das dumpfe Klong hallte in dem kleinen Raum nach. Das Licht wurde gedämpft, weicher.
Sie drehte sich um, und in ihrem Blick lag etwas, das mich sofort traf — etwas, das ich schon in der Nacht gespürt hatte, aber hier, mitten im Tag, noch stärker war. Entschlossenheit. Wärme. Ein unausgesprochener Wunsch.
„Komm schnell“, sagte sie nur.
Ihre Stimme war tief, fast heiser.
Sie stellte keine Fragen. Und sie ließ keinen Raum für Zweifel.
Sie ging zwei Schritte zurück ins Heu und ließ sich hineinfallen, als hätte sie die Entscheidung schon lange getroffen. Ihr Rock rutschte über die Knie, dann höher. Sie hob ihn mit einer Bewegung an, die so selbstverständlich wirkte, als gehöre sie in diesen Moment, in diesen Raum, in dieses Licht.
Sie spreizte die Beine weit auf. Ich sah wieder ihr schwarzes Haar zwischen den Beinen hervorquellen. Weiter unten klaffte mir rosig und feucht ihre Öffnung entgegen. Schnell lies ich meine Hose fallen und befreite meinen hart gewordenen Schwanz.
Das Rascheln des Heus, ihr Atem, die Wärme ihres Körpers — alles zog mich zu ihr. Ich kniete mich zu ihr, und als ich ihre Hand an meinem Rücken spürte, war jede Unsicherheit verschwunden. Sie zog mich näher, und unsere Körper fanden sich fast sofort, ohne Zögern, ohne Suchen.
Der Duft von Schweiß, von frischem Heu und Sommer hing schwer in der Luft. Ihre Finger glitten über meine Schultern, krallten sich leicht in den Stoff meines Hemdes, als wolle sie mich ganz bei sich halten. Ihr Atem ging schneller, und ich hörte ihn so nah an meinem Ohr, dass mir schwindlig wurde.
Es war dringender als in der Nacht davor.
Roh.
Ehrlich.
Und getragen von einer Wärme, die größer war als die Hitze des Tages.
Wir bewegten uns miteinander, in kurzen, tiefen Atemzügen, im rhythmischen Rascheln des Heus. Ihre Finger fanden meinen Nacken, meine Hüfte, meine Brust. Ich spürte ihre Wärme, ihr Zittern, ihr Bedürfnis, das genauso groß war wie meines. Mit beiden Händen auf meinem Gesäß dirigierte sie mich im schnellen Takt hinein und heraus
Es dauerte nicht lange. Ich spürte wieder das Ziehen in den Lenden und wie dann anschließend der Samen in schnellen Stößen aus mir herausschoss. Die Nähe, die Eile, die Gefahr, entdeckt zu werden — all das beschleunigte uns. Als wir uns lösten, lagen wir einen Moment im weichen Heu, beide schwer atmend, ihre Wangen rot, ein Strahlen in ihren Augen, das nur für mich bestimmt war.
Dann richtete sie sich rasch wieder auf, zog den Rock glatt und strich ein paar Halme von ihrem Kleid. Ich tat dasselbe, noch etwas taumelig vom schnellen Wechsel zwischen Arbeit und heimlicher Nähe.
„Beeil dich“, flüsterte sie. „Luc könnte jeden Moment kommen.“
Wir öffneten die Scheunentüren. Das grelle Licht des Tages traf uns wie eine Wand — und im selben Atemzug hörte ich eine Stimme vom Brunnen her.
„Mama! Ich hab das frische Wasser!“
Luc kam mit zwei schweren Eimern auf uns zugelaufen. Sein Gesicht war gerötet, aber er strahlte vor Stolz.
Nicht einmal im Ansatz ahnte er, was in der Scheune geschehen war.
„Gut gemacht“, sagte Elise, ihre Stimme wieder vollkommen ruhig. „Trink erst etwas, dann geh zum Bäcker und hol ein frisches Brot. Sag, es ist für uns.“
Luc nickte begeistert. „Ich geh sofort!“
Er trank aus der Kelle, wischte sich den Mund ab und lief dann den Weg ins Dorf hinunter, den Staub hinter sich aufwirbelnd.
Ich sah ihm nach, noch immer warm in der Brust, aber gleichzeitig mit einer neuen, ernsten Klarheit.
Kommentare
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lieb im krieg, bitte weitter schreiben
Sehr, sehr schöne Fortsetzung. Weiter total einfühlsam und zärtlich geschrieben. Außerdem echt spannend, so viel kann passieren: Robert könnte doch noch entdeckt und getötet werden, Elise' Mann könnte zurück kommen, Elise könnte schwanger werden - und man hofft die ganze Zeit, dass alles gut geht und es für die beiden eine gemeinsame Chance gibt. Ganz klasse!!!!!!!