Fünfkantwald II


Cove

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17.07.2020
Schamsituation

Bewertungen
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(Fortsetzung)

(3) Bis jetzt bin ich unter dem Eindruck des Geschehens in der Waldlichtung gestanden und habe mir wenig weitergehende Gedanken gemacht. Jetzt bin ich aber allein, und jetzt habe ich Angst. Mein Herz schlägt wild.

Rund 250 Meter entfernt steht ein Bauernhof. Soll ich zu diesem reiten und um Hilfe bitten? Es gibt nur zwei Gemälde von mir, und die hängen in der Razenburg. Bei den seltenen Auftritten in der Öffentlichkeit trage ich mein Haar hochgesteckt und mein Gesicht ist bleich gepudert. Ich trage gepflegte Kleidung. Jetzt aber fallen meine Haare bis in die Mitte meines Rückens. Ich bin ungeschminkt und nicht bekleidet. Es käme fast einem Wunder gleich, wenn ich von den Bauersleuten erkannt würde. Vielmehr riskierte ich, als unzüchtiges Weib der Gendarmerie übergeben zu werden. Nein, den Bauernhof aufzusuchen muss ausser Betracht fallen.

Ich steige auf die Braune und reite langsam Richtung Westen. Ich mache mich also auf den Heimweg. Im Moment erblicke ich weit und breit keine Menschen, die mich sehen könnten. Mir geht durch den Kopf, dass Gerlinde mir fast ein Kompliment gemacht hat, als sie mich mit der tapferen Lady Godiva gleichsetzte. Meine Gedanken sind aber mehr bei Maria Antonia, mit welcher ich entfernt verwandt bin. Diese, besser als Marie Antoinette bekannt, die frühere Königin von Frankreich, wurde vor neun Monaten auf einem Karren an grölendem Volk vorbei durch Paris zur Richtstätte geführt. Es ist gotteslästerlich, mein Schicksal mit demjenigen Maria Antonias zu vergleichen. Mein Ritt nachhause, so beschämend er auch sein dürfte, führt nicht in den Tod. Doch liegt das Fürstentum Razenfeld nur etwa 70 Kilometer von der Grenze Frankreichs entfernt und die Revolutionsereignisse fanden Eingang ins Bewusstsein der Untertanen meines Papas. Das Fürstenhaus ist im Volk wenig beliebt. Meine Mama hatte noch die Gabe, auch auf einfaches Volk zuzugehen und damit etwas Vertrauen zu schaffen. Meinem Papa ist solches Vertrauen egal; er vertraut auf seine Macht und die Gewalt der Burgwache. Und ich? Ja eben, ich bin das Dummerchen, ich habe den vertrauensvollen Umgang mit Menschen nie geübt. Ich weiss, dass es Untertanen meines Papas gibt, welche ihm das Schicksal Ludwigs XVI, also den gewaltsamen Tod, durchaus zu gönnen vermöchten, und die wohl auch kaum Mitleid mit dem Prinzesschen verspüren würden. Wenn ich nun nackt quer durch das Fürstentum an Menschen vorbeireiten muss, drohe ich Würde und Ehre zu verlieren. So fürchte ich zumindest. Und wie werden Papa und seine engsten Staatsdiener reagieren, wenn ich so in der Razenburg eintreffe?

Ich lasse mich von meiner Braunen führen. Sie kennt den Heimweg. Zweieinhalb Kilometer sind wir nun schon unterwegs. Nun erreichen wir eine Wegkreuzung und es gilt einen Entscheid zu fällen. Soll ich links abbiegen und in weitem Bogen Etteldorf umkreisen, was einen Umweg von mehr als vier Kilometern bedeuten würde? Oder soll ich direkt durch das Dorf reiten? Ich bin unschlüssig, doch meine Braune nimmt mir den Entscheid ab. Es geht auf den Dorfplatz. Rund ein Dutzend Menschen gucken mich erstaunt an: eine Nackte auf einem mächtigen Arbeitspferd. Die Braune hat Durst und strebt direkt zum Dorfbrunnen. Ich steige vom Pferd und lasse dieses trinken. Auch ich schöpfe mit der Hand Wasser aus dem Brunnentrog und trinke. Die Menschen erkennen mich offenbar nicht oder lassen sich dies nicht anmerken. Ich reite weiter.

Eine halbe Stunde später erreiche ich das östliche Stadttor von Reykenstett, der einzigen Stadt im Fürstentum. Ich will jetzt so rasch wie möglich zu den Stallungen, und der direkte Weg führt eben mitten durch die Stadt. Zuerst beabsichtige ich, über Nebengassen die Stadt zu durchqueren. Doch auch dort sind Menschen, die mich erkennen könnten. Ich atme tief durch und reite quer über den Marktplatz. Auch hier ernte ich Erstaunen ob meines Aufzugs. Und hier erkennen mich einige Passanten. Ich höre zum Teil entsetzte, noch mehr lachende Stimmen und auch grimmig boshaft lobende Umschreibungen meiner kräftigen "Arsch und Titten" und was mit mir Lustiges anzustellen wäre, von Verhauen bis Flachlegen und Durchvögeln. Ich spüre die Abneigung mancher Untertanen gegen das Fürstenhaus. Es ist nicht angenehm und ich bin froh, als ich die Stadt durch das westliche Tor wieder verlassen kann.

Nun sind es nur noch wenige hundert Meter bis zu den fürstlichen Stallungen. Dort führe ich die Braune in ihre Koje, ziehe meine Reitstiefel aus und meine Stadtschuhe an. Dann lege ich eine Reitdecke um meinen Leib und mache mich auf den Weg zur Razenburg. Ein Pferdeknecht beobachtet mich, und dies ist mir nun wieder sehr peinlich, denn die Decke bedeckt nicht meinen ganzen Körper und lässt die Formen meines Leibs gut erkennen.

Mein Ritt hat sich bereits herumgesprochen und ich werde am Tor der Razenburg erwartet und zu meinem Papa geführt. Ich hätte jetzt gern zunächst meine Kammer im Südturm aufgesucht und mich dort angekleidet. Aber das wird mir verwehrt.

 

(4) Mein Papa ist bleich, schreit mich an, was mir einfalle, mich in einem solchen Aufzug dem Volk zu zeigen. Der Staatskanzler mustert mich mit offensichtlicher Verachtung von oben bis unten. Ich blicke zum Boden und merke, dass es nicht einfach ist, mich mit der Pferdedecke bedeckt zu halten. Immer wieder will sie mir von den Schultern gleiten. Selbstverständlich kann ich nicht erzählen, was im Fünfkantwald geschehen ist, wie ich in der Lichtung lustvoll Hand an mich gelegt habe, oder wie Johannes es treffend direkt ausgedrückt hat, mich "am Fötzchen gekratzt" habe, wie ich mich aus eigenem Antrieb vor fünf Untertanen entkleidet habe, wie ich mir von einem Mann Streiche mit der Reitpeitsche überziehen lassen habe und wie ich ohne zu protestieren mich splitternackt auf den Ritt nachhause habe schicken lassen. Und Lady Godiva erwähne ich wohl besser nicht. Also bleibe ich stumm.

In emotionslosem Ton meint der Staatskanzler, die Prinzessin habe das Fürstenhaus lächerlich gemacht und damit den Staat von Razenfeld in grosse Gefahr gebracht. Er empfehle meinem Papa dringend, empfindliche Massnahmen gegen die pflichtvergessene und schamlose Prinzessin zu ergreifen. Zur Ermahnung der Prinzessin dürfte ein Akt der Hauszucht das Mindeste sein, und zwar empfehle er, diesen in Gegenwart des Gesindes im Burghof zu vollziehen, damit sichtbar werde, dass auch eine Prinzessin sich nicht alles erlauben könne.

Ich bin entsetzt, schweige aber, als mein Papa mich auffordert, mich zu äussern. In der Folge ordnet mein Papa mit schneidendem Ton an, dass ich, so wie ich gerade bin, in den Burgkerker geworfen werde, bis ich mich bequeme zu erklären, was meine heutigen Unverschämtheiten zu bedeuten hätten, wie es dazu gekommen sei und wer mich dazu angestiftet habe.

So sitze ich jetzt in einer Zelle des Burgkerkers. In der Ecke steht ein hölzerner Eimer. Der dient der Notdurft und stinkt. Der Boden ist dreckig. Nach einer halben Stunde entscheide ich mich, die Pferdedecke, die ich bislang um meinen Leib gewickelt habe, auf den Boden zu legen und darauf zu sitzen. Damit bin ich natürlich wieder nackt. Das fällt mir schwer, da die Tür meiner Zelle Gitterstäbe aufweist. Wer will, kann mich sehen. Und es gibt einige, die den Kerker aufsuchen und mich verstohlen oder ganz offen betrachten. Mir geht durch den Kopf, was ich meistens verdränge, dass schon manches Weib und mancher Kerl am Hof einen Blick auf meinen blossen Leib geworfen hat, nämlich wenn ich in der Badekammer des Südturms mein wöchentliches Bad nehme. In einer Wand der Badekammer finden sich immer wieder kleine Löcher, durch die vom Nebenraum auf die Badewanne geguckt werden kann. Diese Löcher stopfte ich schon dutzende Male. Es ging jeweils nicht lang, und dann waren die Löcher wieder offen. Und manchmal trat ein Weib oder auch ein Kerl aus dem Gesinde "versehentlich" in die Badekammer, wenn ich gerade darin war, und murmelte eine kaum ernsthafte Entschuldigung. Zweimal in meinen Jugendjahren bekam ich von meiner Mama den Hintern voll, weil diese mitbekommen hatte, wie Mägde und Knechte sich über Besonderheiten meines Leibs ausliessen, die eine sittliche Dame nicht offen zeigt. Mama war beide Male der Ansicht, es sei mein Fehler und ein Ausdruck meiner Schamlosigkeit, wenn ich meinen Leib nicht vor den Blicken des Gesindes schütze.

Ich kann im Moment nicht vertieft über meine Lage nachdenken und schätze zunächst die Ruhe nach dem heftigen Nachmittag. Das Essen, das mir im frühen Abend gebracht wird, empfinde ich als ungeniessbar. Glücklicherweise nahm ich heute noch in gewohnter Weise ein Mittagessen ein und spüre wenig Hunger. Den Becher mit Wasser schätze ich aber und ich bin einem Kerkerwärter sehr dankbar, dass er mir einmal den Becher am Burgbrunnen wieder auffüllt.

Die Nacht verbringe ich weitgehend schlaflos, denn nun beginnen meine Gedanken zu kreisen. Es war einiges unbedacht, was ich am vergangenen Nachmittag tat, und für eine Prinzessin sicher unpassend, dem Ansehen meines Papas und des Fürstentums nicht zuträglich. Als ich Gerlinde Ork beim Diebstahl von Esswaren erwischte, erwähnte ich die Möglichkeit, sie die Haselrute auf dem Rücken und dem Hintern spüren zu lassen. Dies ist eine Form der Hauszucht auf der Razenburg. Es mag überraschend klingen, doch ich sehe ein, dass es nur gerecht ist, auch mich als mündige Person auf der Razenburg der Hauszucht zu unterziehen, wenn ich dem Hof und dem Staat Schaden zufüge. Im ehemaligen Pferdestall der Razenburg – die Pferde sind seit langem in den Stallungen ausserhalb der Burg eingestellt – steht ein Strafbock, der bei Bedarf in den Burghof getragen werden kann. Der Staatskanzler regte an, meine Hauszucht im Beisein des Gesindes im Burghof zu vollziehen. Es ist klar, was ihm vorschwebte. Wenn es dem Ansehen des Fürstenhauses und überhaupt des Fürstentums dient, bin ich bereit, mich im Burghof über den Strafbock zu legen. Es haben mich am vergangenen Nachmittag genug Menschen splitternackt gesehen. Mein Ruf als sittsame junge Dame ist also ohnehin angeschlagen. Da kommt es auf ein weiteres Mal nicht mehr an. Und mein Hintern ist robust und erholt sich zweifellos auch von einer grösseren Zahl und Kraft von Rutenstreichen. Sollte es zur Hauszucht kommen, so würde ich allerdings nicht die Heldin spielen, sondern meinen Schmerz herausschreien, auch wenn ich mich damit erneut als würdelos zeigen würde.

Während des kommenden Tages erscheint dreimal ein Hofbeamter, der mich fragt, ob ich dem Fürsten und dem Staatskanzler etwas mitzuteilen habe. Ich verneine. Das Essen ist nach wie vor kaum geniessbar. Doch entgeht mir nicht, dass dieses nun jedes Mal von einer Frucht oder einem Stück Kuchen begleitet wird. Es gibt also Menschen am Hof, die mir etwas Liebe entgegenbringen. Schlimm und demütigend ist, wenn ich am Morgen und am Abend mit dem Pisseimer an Hofbediensteten vorbei zur Jauchegrube geführt werde, wo ich diesen zu entleeren habe.

Während des zweiten Tages nach meiner Einkerkerung erscheint niemand, um mich zu fragen, ob ich nun dem Fürsten und dem Staatskanzler etwas zu sagen hätte. Habe ich die Gelegenheit verpasst, doch noch etwas Gnade zu bewirken? Es geht mir durch den Kopf, dass ich mich vielleicht beim Wegritt vom Fünfkantwaldes doch nicht so unbegründet mit Maria Antonia, Marie Antoinette, verglichen habe.

In der dritten Nacht im Kerker beginnt meine Haut zunehmend an verschiedenen Stellen sich zu röten und zu jucken. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll und falle in eine tiefe Gleichgültigkeit. Ich kann meine Gedanken nicht mehr ordnen. Endlich schlafe ich ein.

Ich erwache, weil sich eine Hand auf meine Schulter legt. Ein Wärter sagt mir, der Staatskanzler werde mich in einigen Minuten aufsuchen. Er stellt zwei Kerzen in meine Zelle. Ich stehe auf und wickle die Pferdedecke um meinen Leib.

Der Staatskanzler betritt in Begleitung von zwei weiteren Hofbeamten meine Zelle. Meine Pferdedecke rutscht von den Schultern und fällt zu Boden. Ich bücke mich, um sie aufzunehmen. Dabei fällt mein Blick auf die rechte Hand des Staatskanzlers. Ich erstarre, denn ich bin noch jung und darauf bin ich wirklich nicht vorbereitet. Ich erhebe mich und lasse die Decke liegen. Der Staatskanzler fühlt sich spürbar nicht wohl in seiner Haut. Dafür gibt es zweifellos einige Gründe. Stotternd spricht er mir sein "herzliches Beileid" aus und drückt mir den Herrschaftsring des Fürstentums Razenfeld in die Hand. Ich streife den Ring über meinen linken Ringfinger. Mein Papa ist tot. Ich, Leonora, verdreckt und nackt im Kerker stehend, bin die regierende Fürstin von Razenfeld. Ich klemme die Pferdedecke unter den Arm und verlasse wortlos den Kerker.

In meiner Kammer im Südturm finde ich auf dem Tisch mein hellrotes Baumwollkleid, das ich im Fünfkantwald getragen habe, gewaschen und ordentlich zusammengelegt. Gerlinde Ork hat Wort gehalten. Es gibt also Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Ich werde Gerlinde zu meiner persönlichen Hofdame ernennen und damit mein Versprechen erfüllen, mich für ihre neue Anstellung am Hof zu verwenden. Jetzt habe ich die Macht hierzu. Vielleicht werde ich auch den am Rand des Fünfkantwaldes dreist vorgetragenen Wunsch von Gerlindes Bruder Johannes erfüllen und mit ihm vögeln. Das täte auch mir wohl. Langsam zieht etwas Zuversicht und Ruhe in mir auf. Ich will keine saubere Kleidung beschmutzen, verlasse die Kammer nochmals und gehe in den Burghof. Dort hole ich mit einem Eimer Wasser aus dem Ziehbrunnen. Ein zufällig vorbeikommender Knecht hilft mir dabei auf meine Bitte hin. Es ist ihm unangenehm, neben dem nackten Weib, das er sicherlich erkannt hat, zu stehen, und er bemüht sich, soweit möglich an mir vorbeizugucken. Das ist sehr anständig. Ich wasche mich rasch von Kopf bis Fuss, kehre in meine Kammer zurück und lege mich aufs Bett. Ich schlafe augenblicklich ein.

(Ende)


Kommentare

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Panzerkreuzer schrieb am 19.07.2020 um 00:25 Uhr

Die Trauer von Leonora um ihren Vater ist nicht groß ....

sauber und sorgfältig geschriebene Geschichte

Cove schrieb am 19.07.2020 um 05:58 Uhr

@ Panzerkreuzer: Vielen Dank für den kurzen Kommentar.

Das Dreiecksverhältnis Leonora - Vater - Mutter war nicht von Liebe und Zärtlichkeit, sondern von Intrigen und Demütigungen geprägt. Leonoras Trauer war somit an einem kleinen Ort. Ich weiss dies, da es sich bei der auf SB veröffentlichten Geschichte um eine Überarbeitung der ursprünglichen längeren Version handelt.

qwertzu77 schrieb am 19.07.2020 um 07:36 Uhr

Sehr schön geschrieben. Allerdings etwas kurz. Besonders ihre Gefühle bezüglich der Nacktheit kommen etwas zu kurz. Hier hätte ich mir mehr Details und Ausarbeitung gewünscht. 

Stanley schrieb am 19.07.2020 um 13:02 Uhr

@qwertzu77: Ich bin unsicher. Zum einen gehe ich mit dir einig, dass eine ausführlichere Umschreibung der Gefühlslage von Leonora durch Cove wertvoll gewesen wäre. Zum andern stellt sich die Frage, welcher Umfang einer Geschichte ins SB-Forum passt. Cove kürzte die Geschichte  (siehe seine Antwort auf den Kommentar des Panzerkreuzers). Ich denke, dasa ich die Scham von Leonora in der Erzählung von Cove spüren konnte. 

Adamit schrieb am 05.08.2020 um 14:03 Uhr

Ok, eine überraschende Wende. Ich hatte auf Kloster getippt. Immerhin spannend aufgelegt und glaubwürdig im historischen Kontext formuliert. Ich habe gerne bis zum Schluß gelesen. Wird es eine Fortsetzung geben?  Vielleicht ein zweiter Fund oder das Geheimnis des gebrochenen Siegels (guckst du in den ersten Teil).