Paris vaut bien une messe


baer66

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02.04.2013
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Eine süße 16-Jährige, nackt im großen Himmelbett sich in Erwartung des Königs räkelnd, lange blonde Haare, weiße Haut eine schlanke Taille. Wahrhaft eine verlockende Vorstellung! Welcher Mann in den besten Jahren könnte solch einer süßen Versuchung schon widerstehen?

Schon gar nicht Henri Quatre, par la grâce de Dieu, Roi des Français et de Navarre, Krieger und Friedensstifter, legendärer Liebhaber und begeisterter Vater, der sich, als er sich der Macht über das Land endlich sicher sein kann, als "ein Ausbund an Vitalität" erweist,  trotz seiner 47 Jahre (die in jener Epoche als ein vorgerücktes Alter gelten) und immer noch ausgesprochen gut aussieht selbst mit dem ergrautem Bart und der allzu prominenten Nase, die fast seine Oberlippe erreicht.

Pragmatisch ist er immer schon gewesen. Von 1572 bis 1599, also immerhin 27 Jahre mit Margarete von Valois verheiratet, die ihm den Anspruch auf den französischen Thron mit in die Ehe bringt, läßt er die kinderlose Verbindung von Papst Clemens VIII. auflösen, da das Reich einen Erben benötigt. Beide Ehepartner haben sich bereits während der Ehe zahlreiche Mätressen und Liebhaber gehalten. Und ein absolut herrschender König kann sich natürlich auch sexuelle Freiheiten praktisch nach Belieben nehmen.

Für die französische Krone konvertiert Henri auch ohne Skrupel, übrigens zum zweiten Mal, in der Kathedrale Notre Dame in Paris zum katholischen Glauben. Der Ausspruch: "Paris vaut bien une messe (Paris ist eine Messe wert)" ist seither legendär. Mit einer derartigen liberalen Einstellung wären sämtliche Religionskriege vermeidbar. Vielleicht haben blutige Ereignisse zu seinen Lebzeiten wie die Bartholomäusnacht ja zu dieser weisen Erkenntnis geführt.

Die wichtigste Quelle der Daseinslust Heinrichs von Navarra ist eine erotische Dynamik, wie sie keinem anderen König, auch keinem Präsidenten Frankreichs nachgesagt werden kann. Seine Bewunderer mögen die Liebeskräfte des "guten Königs" übertrieben haben, aber man berichtet von 56 Mätressen, die mit Namen verzeichnet seien. Die Unbekannten und Unbenannten dazugerechnet, muß die Zahl wohl verdoppelt werden, und die Schar der Kinder, die er gezeugt hat, ergibt eine stattliche Gemeinde.

Im Oktober 1600, kaum von Margarete getrennt, heiratet er per procurationem die dicke aber schwerreiche 25-jährige Maria von Medici, die ihm bereits 1601 den ersehnten Dauphin Ludwig schenkt. Damit ist der Fortbestand der Bourbonendynastie, die heute noch in Spanien herrscht, gesichert.

Henri hat natürlich nicht die Absicht, sein ausschweifendes Liebesleben in irgendeiner Hinsicht einzuschränken, nur weil er jetzt mit Maria verheiratet ist. Obwohl er großen Wert auf sein leibliches Wohl und das seiner Untertanen legt, hält ihn auch die legendäre Kochkunst der florentinischen Chefs in Marias Hofstaat nicht bei der Stange. "Si Dieu me prête vie, je ferai qu’il n’y aura point de laboureur en mon royaume qui n’ait les moyens d’avoir le dimanche une poule dans son pot!" (Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem Land keinen Bauern gibt, der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat!) sagt er zu Karl Emmanuel von Savoyen. Maria bleibt der Trost, als Begründerin der haute cuisine in die Gourmetgeschichte einzugehen.

Nach dem Tod seiner Favoritin Gabrielle d’Estrées, Mutter dreier unehelicher Kinder Henris, die er seit sie 20 ist in ihrem Schloß Coeuvres zum Tête à tête trifft, stürzt sich der König in ein neues Liebesabenteuer mit der 20-jährigen Catherine Henriette de Balzac d’Entragues.

Der König wird immer älter, die Geliebten immer jünger, die Ehefrau immer eifersüchtiger. Sie weiß, daß Henri die 16-jährige Jacqueline mit heißen Blicken verfolgt, beim Tanzen seine Hände nicht von ihrem Körper läßt und zu jeder Tollheit bereit ist, um sie zu besitzen. Derartige Kränkungen ist Maria aus Florenz nicht gewöhnt. Immer hat sich alles um das Nesthäkchen des Großherzogs der Toskana gedreht. Ihrem Vater ist sie auf der Nase herumgetanzt und er hat ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Allerdings hat er auch große Außenstände beim König von Frankreich, die er durch die Hochzeit seiner Tochter mit dem Monarchen einzutreiben gedenkt.

Um Henri eine Lehre zu erteilen, lädt ihn Maria mit einem in verstellter Schrift geschriebenen billet-doux ins etwas außerhalb der Stadt gelegene Lustschloß Trianon ein. Das malerisch an einem Fluß gelegene, von Eichenwäldern umgebene Gebäude ist ein idealer Treffpunkt für ein romantisches Rendezvous. Weit weg von den neugierigen Ohren und Augen aus Paris fühlt man sich dort bei der Liebe völlig ungestört.

Der König reitet zur Jagd. Obwohl er den Vorwand gar nicht braucht, kann er damit seine Abwesenheit über Nacht gut begründen. Das Wild fällt in großer Zahl dem seine Männlichkeit betonenden, in wilder Lust entflammten Jäger zum Opfer. Heiß spürt er die Begierde seiner Lenden und kann es kaum erwarten, über das junge Blut in seinem Bett herzufallen.

Die Leibjäger kennen die Unersättlichkeit ihres Herrn, wenn er sich auf ein amouröses Abenteuer freut. Und großzügig mit Belohnungen und Geschenken ist er dann auch immer. Manch einer hat durch ein Loch im Vorhang oder eine offene Türe beim Liebesspiel Henris zusehen können. Der König ist dann brutal, wie ein reißender Wolf fällt er über die Mädchen her und nimmt sie ohne Rücksicht, nur um seine Gier zu befriedigen. Schon manch eine ist nach der Liebesnacht wund und weinend nach Hause gelaufen. Aber die Position als royale Mätresse lockt viele junge und schöne Mädchen in sein Bett.

Durstig von der Tierhatz schüttet Henri noch einige Becher schweren, dunkelroten Burgunderweins hinunter ehe er die Wendeltreppe zum Schlafgemach des Schlosses erklimmt. Seine Augen glänzen, sein Mund steht offen, er keucht, weil er die vielen Stufen gar nicht schnell genug hinauflaufen kann. Oh ja, jetzt ist sie sein! Endlich!

Der König reißt die Türe auf. Das Zimmer liegt in völliger Dunkelheit. Kaum kann er die Umrisse des großen Bettes in der Mitte erkennen. Da kommen plötzlich zwei rotgekleidete Lakaien mit Kerzenleuchtern herein. Anstelle des erwarteten Mädchens sieht der verdutzte Henri seinen gesamten Hofstaat in dem Raum versammelt. Seine Gattin Maria tritt vor, verneigt sich und dankt dem König untertänig, daß er ihrer Einladung zum "Narrenball" am 1.April gefolgt ist.

 


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