Die Lebensschule (1)


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24.09.2010
Schamsituation

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Der Abend vor meinem Eintritt in diese neue Schule wird mir für immer unvergessen bleiben, obwohl ich an diesem Abend noch nichts von dem ahnen konnte, was mir da wirklich bevorstand. Meine Eltern hatten mich wieder einmal aus dem Wohnzimmer hinausgeschickt und ich lauschte mit gemischten Gefühlen an der Tür. Sie waren an diesem Abend heftig am Streiten. Soweit ich das alles mitbekommen hatte, war meine Mutter vehement gegen meinen Eintritt in diese Schule, aber mein Vater war sehr dafür und versuchte, sie davon zu überzeugen. Was ich noch mitbekam:

„Das kannst du doch dem Jungen nicht antun, Fred, das ist doch nun wirklich gegen alle üblichen Wertkonventionen. Ich habe mich ja nicht einmal getraut, ihm die Bilder aus dem Prospekt zu zeigen, den sie uns da geschickt haben, nein, so etwas geht ja überhaupt nicht!“

Mein Vater hielt dagegen: „Doch, Jutta, es muss sein. Der Junge ist doch dabei, ein totaler Loser zu werden. Er hängt dir nur immer am Rockzipfel herum, kann keine eigenen Entscheidungen fällen und hat noch nie eine Freundin mit nach Haus gebracht. Dabei hat er seit einem Monat sein Abitur in der Tasche. Weißt du, wie ihn seine wenigen „Freunde“ nennen? Sie nennen ihn „Jungfer M.“ und „Muschiflüchter“ und „Schwulmatze“ und Schlimmeres. Dabei ist er gar nicht schwul. Kein bisschen. Ich habe ihn gefragt. Nein, mit Jungens oder Männern hat er auch nichts im Sinn. Er will nur einfach für immer Kind bleiben und für nichts im Leben die alleine Verantwortung übernehmen. Das geht so nicht weiter. Auf gar keinen Fall! Es soll ihm nicht so ergehen, wie es mir mit dir, oder, wenn du es so willst, wie es dir mit mir gegangen ist. Erinnerst du dich noch? Die besten und schönsten Jahre unseres Lebens haben wir uns damit verdorben, weil du alle Männer, mich natürlich eingeschlossen, für so eine Art wildes Ungeheuer gehalten hast. Und was warst du für eine wunderschöne Frau! Du warst die schönste junge Frau, die mir je begegnet war und ich hatte mich sofort in dich verknallt. Aber du hattest Angst vor Männern, Angst vor Berührungen und eine Heidenangst vor Sex. Wenn ich dir damals vor 19 Jahren nicht den Obstler in deinen wasserverdünnten Wein gemischt hätte, dann gäbe es unseren Matthias auch nicht und du wärest immer noch eine unterkühlte ängstliche Jungfer. Ich will auch nicht, dass du versuchst, die Tochter von diesem Immobilienmakler, diese dicke Karin, mit ihm zwangsweise zu verkuppeln. Diese dämliche Mobabe finde ich nämlich absolut doof und absolut versaut. Die vögelt doch mit jedem Remisenkater herum, der ihr über den Weg läuft. Damit würdest du unserem Jungen das Leben total versauen. Nur, weil du durch eine erzwungene Geschäftsheirat doch noch nach 12 Jahren zur Frau geworden bist, kannst du das unserem Matthias noch lange nicht antun…“

In diesem Moment ging die Türklinke nach unten und ich musste in mein Zimmer flüchten. Heute weiß ich aber, dass dieser und der folgende Tag mein Schicksalstag werden sollten.

Ja, das was mein Vater da gesagt hatte, war schon irgendwie wahr.

Ich hatte Angst vor Mädchen, Angst vor dem, was ich damals unter „Sex“ verstand und einen übermächtigen Ekel vor allem, was sich bei Männlein oder Weiblein unter der Gürtellinie befindet. Mit Grausen erinnerte ich mich immer dabei an ein Erlebnis, das ich mit 15 in der 9. Klasse hatte. Nach der letzten Nachmittagsstunde wollte ich vor dem Heimweg noch einmal schnell auf die Toilette gehen. Doch das, was mir da begegnete, hatte sich mir für lange Zeit als Menetekel in mein Gedächtnis eingebrannt: Kaum war ich drin in der Toilette, da wurde die Tür auch schon von Sven, einem Jungen aus meiner Klasse, von innen zugeworfen und abgesperrt. Michael, unser Klassenstärkster und Bestimmer stand vor mir mit herunter gelassener Hose. Er hatte seinen  steifen Schniedel in der rechten Hand und onanierte jetzt in meine Richtung. Seine klebrig verschmierte Eichel hatte unten herum einen weißlichen Kranz aus einer widerlich nach verdorbenem Fisch und toter Katze stinkenden Paste. In unregelmäßigen Pulsen schossen aus dem Schlitz in seiner Eichel zähflüssige weißliche Tropfen heraus und rannen dann fädenziehend von seinen Fingern herunter auf die Fliesen. Aber das Schlimmste war: An die Heizung hatten die Jungs die Monika gefesselt. Die Monika war völlig nackt und total beschmiert mit den ekeligsten Substanzen, die ich bis dahin im Leben kannte.

Die Monika war die erste der Mädels aus unserer Klasse, die schon richtige Brüste hatte und die einen BH tragen musste. Schon ab der 7. Klasse wurde sie immer von Michael, Sven und den anderen Jungen in der Pause in eine Ecke getrieben und am Oberkörper entkleidet. Dann hingen alle mit ihren Fingern an ihren Brüsten und johlten vor Vergnügen. Die Monika hat dabei aber nie um Hilfe gerufen und man konnte wirklich fast glauben, dass ihr das Spaß machte. Mich hatte das immer wieder nur angewidert und ich bin dann lieber raus gegangen.

 

Jetzt war sie also hier in der Schmalseite der Jungentoilette mittels Klebeband und mit gespreizten Armen und Beinen an die Heizung gefesselt. Ihre großen Brüste waren mit Kot beschmiert. Richtig mit Scheiße! Mir blieb die Luft weg. Unten am Bauch hatte sie einen verfilzten Busch aus schwarzen Haaren, der ebenfalls mit Kot und auch mit Sperma verschmiert war. An der unteren Spitze von ihrem schmutzigen Haardreieck ragte eine Rolle aus zusammen gedrehtem Klopapier heraus. Der Rest einer Klorolle. In der Papphülse steckte der Stiel einer Klobürste und ragte noch zu zwei Dritteln heraus. An ihren Obertschenkeln rannen schmale, schon fast eingetrocknete  Rinnsale von Blut herab. Diesmal schien es ihr aber gar keinen Spaß mehr zu machen. Sie hatten ihr den Mund mit Klebestreifen zugeklebt, so dass sie nicht schreien konnte, aber ihre Augen quollen ängstlich aus den Höhlen und sie rang gequält nach Atem. Ich stand unter Schock. Sie ebenfalls. Ein grauenhafter Anblick.

Die Jungens in der Toilette johlten, als sie mich da sahen: „He. He, unsere Jungfer Matthias! Der liebe weiberscheue Matthias! Na du kommst ja gerade richtig. Na los jetzt, leck ihr die fetten Titten ab! Da ist so schön viel Schokolade dran, die musst du komplett ablecken.“

Zwei von den Jungs packten mich von hinten an den Armen und verdrehten mir die Gelenke so, dass ich mit dem Kopf an ihre Brüste gedrückt wurde. Natürlich leckte ich ihre Brüste nicht ab, aber der Kot verteilte sich um meinen Mund und meine Wangen und Augen. Der Gestank und der Ekel nahmen mir den Atem. Ich musste mich übergeben und begann zu würgen und einen dünnen Strahl von Magensäure auf ihre Füße zu ergießen. Da ließen sie von mir ab, und ich konnte mich gerade noch in eine Kabine schleppen und mich über einer Kloschüssel erleichtern.

„Kein Wort davon, oder wir machen dich zum Eunuchen, du schwule Sau. Und dann wirst du als Nächster hier angebunden! Geile Sache war das heute. Der totale Sex! Vielleicht wird’s mit dir noch viel geiler. Da bringen wir dann aber Messer und Rasierklingen mit“

Damit ergriffen sie die Flucht und ließen mich mit Monika alleine zurück. Ich spülte mir am Waschbecken notdürftig den Mund, das Gesicht und die Hände und nahm ihr dann angewidert den Klebestreifen und die Fesseln ab. Die verbrauchte Klorolle in ihrem Unterleib musste ich erst aus der hohlen Hand mit Wasser befeuchten, weil sie schon bei leichtem Ziehen daran vor Schmerz aufschrie. Dabei schoss ihr noch einmal das Blut die Oberschenkel hinab. Ich konnte nicht hinsehen. Mir wurde schon wieder übel. Doch Monika, sobald sie nur reden konnte, flehte mich inständig an: „Matthias, Matthias, bitte, bitte, nichts davon verraten, ja? Bitte, bitte nicht! Mein Vater schlägt mich sonst tot. Der hat schon meine Mutti fast totgeschlagen.“

Ich war feige genug, ich habe wirklich bis heute niemandem von dieser Sache erzählt. Ich brachte sie noch bis zur Mädchendusche an der Sporthalle. Monika hat dann auch kurz danach die Schule verlassen und ziemlich schnell einen Handwerker geheiratet. Sie hat inzwischen eine zweijährige Tochter. Ihrem Vater ähnelt die aber rein gar nicht. Der ist nämlich rothaarig und die Tochter hat schwarze Locken. Monika aber ist blond. Nicht mein Problem. Nicht mehr.

Für mich aber war das damals mein erstes und bestimmendes Erlebnis mit Sex. Und mit Sex hatte ich seitdem gar nichts mehr am Hut. Nichts! Und ich wollte auch nie im Leben wieder damit etwas zu tun haben. Alles, was damit auch nur im Entferntesten nach Geschlechtsverkehr klang oder roch, mied ich, wie der Teufel das Weihwasser. Wenn im Kino oder im Fernsehen einmal ein Mann und eine Frau die Münder aneinander annäherten, dann habe ich immer sofort die Augen zugemacht oder den Sender weggezappt.

So war das also mit mir und mit dem Sex. Igitt! Schon der leiseste Gedanke daran verursachte mir Übelkeit.

Aus dem Gespräch meiner Eltern hatte ich jedoch genau DAS heraus gehört: Ich sollte auf eine Schule, die irgendwie auf die eine oder andere Weise etwas mit Sex zu tun hat. Und genau jetzt wird mir mein mangelnder Mut und meine Unentschlossenheit scheinbar zum Verhängnis: Ich bin schon auf halber Treppe nach oben in mein Zimmer, da höre ich meine Mama sagen:

 „Ja, ich glaube, du hast wirklich Recht, Fred. Ich möchte auf keinen Fall, dass er einmal das Gleiche erlebt, was ich in der Schule erlebt habe. Du bist der Erste, dem ich das jemals erzählt habe. Es ist gut und erleichternd, dass ich das endlich einmal von meiner Seele los geworden bin und dass du mich jetzt endlich auch richtig verstanden hast. Ja, ich habe dir und mir damit die besten Jahre verdorben. Aber du hast trotzdem zu mir gehalten. Ich liebe dich Fred, jetzt erst recht und ganz von Herzen. Ich verspreche dir, wir werden alles nachholen, wenn wir beide bald alleine sind. Du wirst mich nicht mehr wieder erkennen. Nimm dich in Acht! Wenn die das da wirklich können: junge Menschen ehrlich, offen und vertrauensvoll an das Leben heranzuführen, dann ja. Dann soll der Matthias das auch haben. Ich hätte es jedenfalls nicht gekonnt, nach alledem, was mir damals passiert ist. Du wirst es mir nicht glauben: Ich habe mich vor meinem eigenen Sohn gefürchtet, nur, weil aus ihm mal ein Mann wird. Jetzt hoffe ich, dass er einer wird. Aber eben ein richtiger und nicht so ein Psycho-Ungeheuer, wie die..“

 

Was war denn nur in der Schule mit meiner Mutter passiert? Genau so eine ekelige Sache, wie mit Monika in meiner Schule? Muss ich mich jetzt auch noch vor meiner Mutter ekeln? Wenn ich das richtig verstanden habe, dann möchte meine Mutter ab sofort hier mit meinem Vater wilde Sexorgien feiern? Mit Sperma und Vorhautkäse und Scheiße auf den Brüsten? Auch Klopapierrollen im Bauch?

Wird mein Vater sie auch an die Heizung fesseln? Panik in mir!

Ich ertrage es nicht. Ich muss weg von hier. Egal, wohin, nur weg von hier. Meinetwegen in eine Internatsschule. Nur weg, weg!

 

Ich habe gegen die Einschulung in der „Lebensschule“ nichts mehr einzuwenden. Ich packe meine Sachen oben in meinem Zimmer. Es ist eine unruhige, schlaflose Nacht. Was wird mich dort erwarten? Ich werde mich wehren, bis zum Äußersten, gegen jede Art von Sex. Werde ich! Am nächsten Morgen steige ich wortlos hinten ein in den Wagen meines Vaters. Meine Mutter steigt vorn ein ins Auto. Ich rede mit keinem von beiden auch nur ein Wort.

 

Als wir endlich ankommen in der kleinen bayrischen Stadt, deren Namen ich nicht nennen darf, weil ihre Bürger fast ausschließlich aus ehemaligen Schülern und Lehrern dieser kleine Schule bestehen, die heute immer noch fast vergeblich gegen die althergebrachten Dogmen ankämpfen müssen, bin ich sofort sehr zufrieden. Das riesengroße Grundstück, auf welchem die Schule liegt, sieht sehr ruhig und friedlich aus. Innerhalb eines hohen schmiedeeisernen Zaunes mit Büschen und Sträuchern befindet sich ein sorgfältig gemähter Rasen und dahinter erstreckt sich eine sehr dichte hohe Hecke um das ganze Areal herum. Die Rosenhecke wirkt wie die vom dem berühmten Dornröschenschloß. Denn über ihr kann man nur die filigranen Türmchen einer großen schlossartigen Villa erkennen.

Am Tor gibt es ein kleines Pförtnerhäuschen. Darin sitzt ein ältere Dame, die meinen Vater kurz fragt: „Ist er über 18 Jahre alt?“

„Ja, gerade erst geworden, vor drei Monaten.“ Mein Vater legt der Dame ein Formular vor, auf welchem irgendwelche Kästchen ausgefüllt sind.

„Aber er hat ja selbst noch nicht unterschrieben.“ bemängelt die Dame.

„Ja, richtig. Wir wollten damit noch warten, bis er die Schule selbst gesehen hat. Matthias, jetzt bist du dran. Willst du diese Schule des Lebens hier freiwillig und aus freiem Entschluss für zwei Jahre besuchen? Du musst dich jetzt entscheiden. Wenn du einverstanden bist, dann unterschreibe jetzt hier. Wenn nicht, dann fahren wir sofort wieder nach Hause.“

Nach Hause? Auf gar keinen Fall! Alles, meinetwegen, aber dass nicht! „Ja, ich will es“, sage ich also mit einem ganz seltsamen und   unangenehm vibrierendem unruhigen Gefühl im Magen. Aber die alte Dame in der Pförtnerloge wirkt irgendwie wesentlich beruhigender auf mich, als meine Mutter, die sich ausgerechnet heute ein Kleid mit tiefem Ausschnitt angezogen hat.  Ein sehr tiefer Ausschnitt. Ich suche darin unbewusst die Spuren dieser braunen Substanz. Scheiße! Ich habe jegliches Vertrauen zu meiner Mutter verloren. Warum eigentlich? Wenn es ihr ergangen ist, wie Monika, dann war doch sie das Opfer. Ich müsste doch wirklich Mitleid mit ihr haben? Warum habe ich das nicht? Weil Monika damals in der Schule nie um Hilfe gerufen hatte und es zu genießen schien, dass die Jungs sich alle auf sie stürzten?  War meine Mutter auch so wie die Monika gewesen, in ihrer Jugend? Auch so geil? Ich halte es auf jeden Fall für möglich. Sie ist gestorben für mich. Ich kann sie nicht mehr riechen und nicht mehr sehen. Meine eigene Mutter ekelt mich an.

Ich unterschreibe, nehme meine zwei Koffer und reiche meinen Eltern flüchtig die Hand. „Ich will hier rein!“

Dann schnappe ich mir entschlossen meine beiden großen Koffer und gehe der Ungewissheit entgegen. Besser diese Ungewissheit, als die  Gewissheit, die ich jetzt bei mir zu Hause befürchte. Dort soll jetzt der totale Sex herrschen. Ich haue da lieber ab. Besser so!

Nach dem Anmarsch über die kurze asphaltierte Straße erreichen wir eine Empfangshalle mit exotischen Palmentöpfen und großen, verglasten Fenstern. Draußen erstreckt sich ein riesiger Schlosshof mit vielen gepflegten Büschen und Sträuchern und großzügig abgeteilten riesigen Rasenflächen. Ich will nicht glauben, was ich da sehe: viele Menschen. Viele junge Leute mit bunten Kleidern aber dazwischen auch viele Menschen mit sehr eng anliegenden hautfarbenen Overalls. Die sehen aus, als wären sie nackt. Die halb geschlossene Sonnenmarkise mit ihren Lamellen lässt leider kein endgültiges Urteil darüber zu. Alles bleibt verschwommen.

Ein sehr konservativ bekleideter älterer Herr nimmt mich jetzt in Empfang. „Du bist der Matthias? Willkommen bei uns, Matthias. Ich weiß, die ersten Stunden bei uns werden sehr ungewohnt und vielleicht auch sehr schwer für dich sein, Matthias. Du darfst dich wundern, du sollt genau hinsehen und du darfst auch Wünsche äußern, Matthias. Aber wir bitten dich, alle deine Vorurteile zu vergessen und alles, was dir hier innerhalb der nächsten 6 Stunden begegnen wird, nie als Zwang, sondern immer nur als freundliches Angebot zu betrachten, Wenn du irgendwann einmal das Gefühl hast, dass man dich bedrängt oder deine Gefühle verletzt, dann bringe es sofort zum Ausdruck, ganz egal, wie. Und alle unsere Mitarbeiter werden sofort deinen Willen respektieren. Ich werde dir als erstes deine zukünftige Klassenleiterin, Frau Monika Mellin, vorstellen. Gleich kommt sie.“

 Damit führt er mich in ein großes Zimmer mit Schreibtisch, Ohrensessel und Besucherstuhl. Ich nehme darin Platz und warte. Hatte er „Monika“ gesagt? Ich bekomme schon wieder ein flaues Gefühl im Magen. Das Gefühl verstärkt sich noch ins unermessliche, als Frau Monika Mellin herein kommt.

Sie ist nackt. Nackt, bis auf ein Paar naturfarbene halbhohe Lederstiefel und einen ebensolchen dünnen Gürtel um ihre Hüften. 

„Hallo, Matthias! Willkommen bei uns!“

Es scheint ihr nicht das Geringste auszumachen, dass sie mir ganz nackt, mit diesem schmalen notdürftigen Lederzeugs gegenübertritt.

Sie lächelt freundlich und geschäftig und setzt sich in den großen Ohrensessel. Bevor ich dazu komme, sie mir richtig anzusehen, hat sie sich schon wieder erhoben und sich einen dünnen, grünen fast durchsichtigen Kittel übergeworfen. Der lässt fast alles offen, aber er kann als Alibi gelten. Ich muss da ja nicht hinsehen. Ich blicke der Dame nur noch in die Augen. Ich fange meinen Brechreiz notdürftig wieder auf und beruhige mich. Ich hatte ja ohnehin nichts Gutes hier erwartet. Nur eben das kleinere Übel. Es geht schon wieder. Ist das etwa „Das Leben“? Mein Gott! Wo bin ich?

„Oh, entschuldige, Matthias. Ich sehe schon,  du hast noch mit vielen alten Verletzungen und Vorurteilen und auch mit deiner Scham zu kämpfen. Ich weiß schon, das ist gar nicht so leicht abzulegen und niemand hier wird dich jemals zu irgendetwas zwingen, was dir Probleme bereitet. Nur um Eines Bitte ich dich: Sei du bitte auch tolerant und verständnisvoll mit den jungen Menschen hier, die alle einmal genauso wie du, zum ersten Mal im Leben richtig und wirklich angekommen sind. Menschen, die sich ihre Freiheit und ihr Selbstbewusstsein als Menschen hart erkämpft haben und jetzt nicht mehr davon lassen wollen. Niemand wird dich hier jemals belästigen oder dich dazu zwingen, etwas zu tun, was gegen deinen Willen und gegen deine innerste Überzeugung ist. Das verspreche ich dir. Gut, und jetzt werde ich dir dein Quartier zeigen, wo du dich wohnlich einrichten kannst. Möchtest du in einer gemischten Wohngruppe, mit Frauen und Männern, in einer reinen Männergruppe oder auch, was ich kaum glaube, als einziger Mann in einer Frauengruppe unterkommen?“

 

Ich höre da wohl nicht richtig? Gemischte Gruppen?

„Ich möchte natürlich in eine reine Männergruppe.“ Sage ich betont und bestimmt. Gibt es hier wirklich Männer in einer Frauengruppe? Pervers! Was machen die Weiber denn da mit dem einen Mann? Scheiße auf die Brusthaare und dann ablecken? Pfui Deibel!“

Als wir den Hof betreten, öffnet sie wieder ihren grünen Kittel und lässt ihn offen im sommerlichen Wind wehen. Jetzt erst kann ich sehen, dass es sich bei den fleischfarbenen Overalls im Park tatsächlich um nackte Haut handelt. Auf einem Tennisplatz spielen zwei nackte junge Frauen und zwei junge nackte Männer ein gemischtes Doppel. Auf jeder Seite ein Mann und eine Frau. Aber keiner und keine von ihnen sind irgendwie beschmutzt oder mit ekelhaften Flüssigkeiten beschmiert. Sie schwitzen und lachen und rufen sich Kommandos zu, die nur mit dem Spiel zu tun haben und überhaupt nichts mit Sex. Ihre Körper sind durchgehend gebräunt von der Sonne und alle ihre beweglichen Teile schwingen, pendeln und wippen ganz unbefangen im Spiel der Schwerkraft mit der Fliehkraft der schnellen Bewegung. Um die muss wirklich niemand Angst haben. Auch ich nicht.

Wir nähern uns dem Hauptgebäude, einer großen Schlossvilla. Im Parkrondell auf den hölzernen Bänken sitzen oder stehen viele junge Leute, teils in bunten Kleidern und Sportbekleidung, teils aber auch ganz nackt. Sie sitzen und stehen ganz unbefangen zusammen und reden, diskutieren oder genießen ganz einfach die Sonne. Auf der Wiese um den großen alten Springbrunnen liegen viele nackte Paare, die sich ganz unbefangen an allen erreichbaren Körperstellen streicheln, kraulen oder scherzhaft zwicken. Hier und da sieht man auch einmal eine nackte Frau auf dem Bauch von einem nackten Mann und auch umgekehrt liegen und fröhlich lachen oder sogar lustvoll quieken.

Ich kann kaum noch hinsehen. Ich bin sehr verlegen und sehr wahrscheinlich knallrot im Gesicht. Ich starre jetzt nur noch auf den Rücken von Frau Monika Mellin. Die hat ihren Kittel allerdings längst wieder abgelegt und trägt ihn zusammengerollt in ihrer linken Hand. Ihr Hintern ist sehr rund und rosa. Wo bin ich hier nur hingeraten?

Was mir aber sofort auffällt: Alle diese Leute sind entweder völlig angezogen oder völlig nackt. Ich kann nirgendwo einen oder eine  erblicken, der oder die nur ein nacktes Körperteil irgendwo heraus hängen lässt.

Und das ist jetzt die „Lebensschule“? Was erwartet mich hier?

Immerhin, ich bin schon neugierig.

 

 


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