Die Ausstellung


Schambereich

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15.01.2007
Kunst

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Die Ausstellung

Mein Agent und ich stellten die Bilder für die anstehende Ausstellung in Rostock zusammen. Einige Porträts, mehrere Aktbilder und Landschaften kamen in die engere Wahl. Ich war sehr aufgeregt, denn dies sollte meine erste Ausstellung in einer namhaften Galerie werden. Für die Vernissage hatten sich mehrere bekannte Kunstliebhaber aus der Region angesagt. Nachdem ich einen Nachwuchs-Kunstpreis in F. gewonnen hatte, der auch ein Stipendium umfasste, konnte ich ein halbes Jahr auf einem ehemaligen Bauernhof auf dem Lande ungestört arbeiten. Dabei waren viele der Bilder entstanden, die wir nun ausgewählt hatten. Dazu kamen einige frühere Bilder und einige ganz aktuelle. Wir brauchen nun noch einen Knüller für den Eröffnungsabend, so dass wir ein gutes Medienecho bekommen, sagte Marco Schmitz, mein Agent. Was stellst du dir denn vor, soll ich etwa meine Eröffnungsrede nackt halten? fragte ich scherzhaft. Das ist ja eine tolle Idee, entgegnete Marco. Würdest du das denn tun? Nein, natürlich nicht, das war nur so eine Schnapsidee. Wir fuhren fort, die Bilder auszuwählen und für den Abtransport bereit zu stellen.

Am nächsten Tag trafen wir uns in der Galerie, um mit der Galeriechefin Frau Bergmann die Bilder auf die Ausstellungsräume zu verteilen. Wie sich herausstellte, gab es nur einen großen Raum, der durch Raumteiler Struktur erhielt. Viele Oberlichter gaben ein schönes, indirektes Licht.

Wie haben Sie sich denn den Verlauf der Vernissage vorgestellt, Frau Austen? fragte Frau Bergmann. Nun, zunächst wird Herr Schmitz ein Paar Worte sagen, dann wollte ich einen kurzen Überblick geben, sagte ich. Na, das klingt ja ziemlich bieder, sagte Frau Bergmann, wie können wir denn den Abend etwas interessanter gestalten? Corinna hatte die spontane Idee, ihre Rede nackt zu halten, mischte sich Marco ein, aber leider hat sie dann einen Rückzieher gemacht. Mit einem Blick auf die inzwischen aufgehängten Bilder sagte Frau Bergmann, nun, da sind ja ziemlich viele Aktbilder dabei, das könnte tatsächlich ein Aufhänger sein, dass Sie Ihre Rede nackt halten. Sie können sich ja direkt danach wieder anziehen und müssen nicht den ganzen Abend unbekleidet herumlaufen. Das würde uns auf jeden Fall das Interesse der Presse sichern. Denken Sie mal darüber nach. Wir diskutierten noch viele Details, sprachen die Pressemitteilung durch, legten die Preise für die Bilder fest und verabredeten ein weiteres Treffen direkt vor der Eröffnung.

Ich konnte die nächsten Nächte vor Aufregung kaum schlafen. Der Tag der Vernissage rückte unaufhaltsam näher. In der lokalen Presse waren einige wohlwollende Artikel erschienen, und Frau Bergmann erhielt noch mehrere Anfragen für Karten für den Abend. Freuen Sie sich, alle Plätze werden belegt sein, das Echo ist wirklich gut, sagte sie mir in einem Telefongespräch drei Tage vor der Eröffnung. Haben Sie sich den nun schon entschlossen? Ich wusste, sie spielte auf meinen spontanen Einfall an. Nein, noch nicht, gab ich zurück. Ich überlegte hin und her und beschloss, erstmal einen langen Strandspaziergang zu machen, um meinen Kopf frei zu kriegen. Es war warm, ich zog meine Schuhe aus und watete durch das knöcheltiefe Wasser der Ostsee. Als ich wieder in meinem Atelier angekommen war, stand mein Entschluss fest. Ich rief meinen Agenten an: Marco, ich mach´s. Drück mir die Daumen. Prima, ich ruf gleich Frau Bergmann an. Das wird ein Knüller, gab er freudig zurück.

Am Abend der Vernissage schminkte ich mich sorgfältig, aber dezent und legte ein frisches Eau de Toilette auf. Ich gelte meine Haare sorgfältig und band sie streng zurück in einem Pferdeschwanz. Ich zog ein langes, rotes Sommerkleid und Flip-Flops an. Auf Unterwäsche verzichtete ich. Nach einem letzten Blick in den Spiegel ging ich die Treppe runter und stieg in mein Auto. Mein alter Ford sprang erst beim vierten Versuch und nach gutem Zureden an, so dass ich erst in letzter Minute an der Galerie ankam.

Marco und Frau Bergmann nahmen mich am Hintereingang in Empfang und begleiteten mich nach innen. Hier, trinken Sie erstmal ein Glas Sekt, das entspannt, sagte Frau Bergmann. Zuerst wird Herr Schmitz etwas sagen, und dann kommen Sie mit Ihrem Teil. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, fügte sie hinzu. Sie können sich solange hierhin setzen. Sie wies auf einen Stuhl neben der Tür zur Ausstellungshalle.

Die beiden gingen durch die Tür: Frau Bergmann nahm ihren Platz in der ersten Reihe ein. Sie sah unheimlich elegant aus in ihrem grauen Kostüm, den hochtoupierten Haaren und den hochhackigen Pumps. Marco begann seinen Vortrag mit einem kurzen Überblick über mein bisheriges Schaffen. Er schloss seinen Vortrag mit einigen Worten über mein Interesse am menschlichen Körper und seine Ausdrucksmöglichkeiten. Ich zog mein Kleid über den Kopf und meine Flip Flops von den Füßen. Nun stand ich splitternackt da und wartete auf meinen Auftritt. Mein Magen zog sich zusammen und ich bekam kaum Luft. Ich zwang mich ruhig und tief zu atmen. Langsam normalisierte sich meine Atmung wieder. Nun wird Frau Austen einige Worte an Sie richten; hörte ich Marco durch die Tür. Ich ging langsam auf die Tür zu, drückte die Klinke hinunter und trat in die Ausstellungshalle.

Die Fliesen der Halle fühlten sich eiskalt unter meinen nackten Füßen an. Alle Blicke der Zuschauer waren auf mich gerichtet. Die Stuhlreihen waren voll besetzt und standen im Halbdunkel. Ungefähr 100 Personen waren zur Vernissage gekommen. Marco drehte ich um zu mir und streckte seinen Arm einladend aus. Hallo Corinna. Möchtest du nun etwas sagen? Ja danke. Äh..meine sehr verehrten.. äh.. Damen und Herren; begann ich etwas stockend und fuhr dann fort: Sie wundern sich sicher, ähm,dass ich heute so vollkommen nackt vor Ihnen stehe. Das ist aber kein so großer Schritt für mich gewesen wie Sie vielleicht denken mögen. Natürlich habe ich bis zur letzten Minute überlegt, ob ich mir nicht vielleicht doch etwas anziehen soll, bevor ich vor Sie trete.

In der Tat allerdings denke ich, dass meine Bilder so viel über mich aussagen, dass Sie nachdem Sie sich die Bilder in der Ausstellung angesehen haben, genau wissen, wie es in mir aussieht. Dann können Sie, dachte ich, auch ebenso gern genau wissen, wie ich von außen aussehe. Außerdem möchte ich mit meinem heutige Verzicht auf Kleidung meinen Aktmodellen die Reverenz erweisen, die sich mehr oder weniger bereitwillig für mich ausgezogen haben und mehr oder weniger geduldig die Sitzungen über sich ergehen ließen. Ich sehe, dass einige von ihnen heute auch zur Vernissage gekommen sind. Vielen Dank dafür. Jeder, der sich für mich als Modell für ein Porträt oder ein Aktgemälde zur Verfügung stellt, bringt eine ganze Portion Mut auf. Ich versuche, meine Modelle realistisch abzubilden. Das heißt, dass ich sowohl Licht als auch Schatten der Persönlichkeit in den Bildern einzufangen versuche. Besonders wenn die Bilder der Fertigstellung entgegen gehen und vielleicht nicht ganz so ausgefallen sind, wie sich die Modelle das im Vorfeld vorgestellt haben, wird es für sie zunehmend schwieriger, bei der Stange zu bleiben. Jedes Modell muss zu Anfang der Sitzungen seine Scham überwinden und entspannt werden, sonst wird das Ergebnis verfälscht. Deshalb nehmen wir uns bevor wir mit den eigentlichen Sitzungen für das Bild beginnen viel Zeit, in der sich Modell und Malerin gegenseitig kennenlernen können. Genauso wie meine Modelle musste ich heute meine Scham überwinden. Bei meinen ersten Sätzen war ich unendlich aufgeregt, zum Einen, weil ich Ihnen heute meine Bilder präsentiere, zum Anderen weil ich am liebsten durch meine Bilder spreche und zum Dritten natürlich, weil ich heute nackt vor Sie trete.

Ich fuhr noch einige Minuten fort und wurde mit der Zeit immer sicherer. Meine Arme, die ich am Anfang einfach herabhängen ließ, setzte ich nun ein, um meine Worte zu unterstreichen. Meine Körpersprache wurde immer lockerer. Als ich zum Schluss kam, wollte der Applaus gar nicht enden, schien mir. Jemand drückte mir ein Glas Sekt in die Hand. Ich fühlte mich leicht und beschwingt. Ein weißhaariger Mann gab mir seine Visitenkarte und sagte aufgekratzt: Sie müssen meine Frau und mich unbedingt malen. So eine tolle Vernissage habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht mitgemacht. Rufen Sie mich an. Er ließ mich stehen und ging zu seiner Frau zurück, einer distinguierten grauhaarigen Dame in einem eleganten grauen Kleid. Ich stand da mit seiner Karte in der Hand. Was sollte ich jetzt damit? Marco kam auf mich zu mit einem Journalisten im Schlepptau, der mir ein paar belanglose Fragen stellte.

Dann kam auch schon Frau Bergmann mit einem Kunstliebhaber im Schlepptau, der eines der Landschaftsbilder kaufen wollte. Wir sahen es uns gemeinsam an und er stellte einige Fragen zum Motiv. Ich war sofort so in Anspruch genommen, dass ich gar nicht dazu kam, davonzuhuschen und mir etwas überzuziehen. Zunächst hatte ich ja gar nicht vorgehabt, den ganzen Abend nackt zu sein, aber es fühlte sich inzwischen so natürlich an, dass mir erst nachdem der letzte Gast gegangen war bewusst wurde, dass ich den ganzen Abend splitternackt auf der Vernissage herumgelaufen war. Frau Bergmann, Marco und ich saßen noch auf ein letztes Glas Sekt zusammen. Ich habe noch nie eine so lebendige Eröffnungsparty erlebt. Ich denke, das war eine tolle Idee von Ihnen. Und so mutig. Meine Hochachtung. Sagte Frau Bergmann. Ich war anfangs total aufgeregt, aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe, erwiderte ich. Wo ist eigentlich mein Kleid geblieben? Marco machte sich auf die Suche und kam mit dem Kleid und meiner Handtasche zurück. Ich zog mich wieder an und stieg in meinen Wagen. Sogar mein Auto war gut gelaunt und sprang sofort an. Zuhause lag ich noch lange in meinem Bett wach und freute mich über die gelungene Vernissage.


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