Anmerkung des Autors: Dies ist die überarbeitete „Version 2.0“ einer Geschichte, die ich hier ursprünglich im Oktober 2003 veröffentlicht habe. Die Fortsetzung, nach der in den Kommentaren gefragt wurde, folgt in Kürze!
Meine Freundin Nackt im Theater (Version 2.0)
Seit ihrer Kindheit schlug ihr Herz für das Theater. Nach dem Abitur war jedoch Schluss mit der Schultheatergruppe, und sie suchte verzweifelt nach einem neuen Ensemble. Doch trotz unzähliger Bewerbungen hagelte es nur Absagen. „Wir sind zur Zeit personell ausgelastet“ – diesen standardisierten Satz kannte sie mittlerweile auswendig.
An jenem Samstagmorgen saßen wir schweigend am Küchentisch. Ich versteckte mich, wie so oft in letzter Zeit, hinter meiner Tageszeitung, während sie fast schon mechanisch den neuesten Umschlag aufschlitzte. Die ständigen Rückschläge hatten Spuren hinterlassen: Ihre Schultern hingen herab, sie rührte lustlos in ihrem längst kalt gewordenen Kaffee und seufzte leise.
Plötzlich hielt sie inne. Das Knistern des Papiers verstummte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich ihre Augen weiteten und sie unbewusst die Luft anhielt. Ein Hauch von völliger Fassungslosigkeit glitt über ihr Gesicht. Bevor ich fragen konnte, was los war, durchbrach ein schriller Freudenschrei die Stille der Küche. Sie sprang so abrupt auf, dass ihr Stuhl scheppernd nach hinten kippte, tanzte außer sich vor Begeisterung durch den Raum und wedelte wild mit dem Brief.
Ein Blick auf das Schreiben erklärte den plötzlichen Freudentaumel: „Ohne Ihren Gegenbericht erwarten wir Sie diesen Samstagmorgen um exakt 10:00 Uhr zu einem Casting an unserem Theater. Der Direktor.“
Die Aufregung der kommenden Tage gipfelte an jenem Samstagmorgen. Wir hatten beschlossen, dass ich sie als moralische Unterstützung begleiten würde. Das Theater befand sich in einem älteren, etwas versteckten Gebäude – ein kleines, aber in der Szene hochgeschätztes Haus, das für seinen rohen Underground-Charakter und seine jungen, wagemutigen Darsteller bekannt war.
Als wir kurz vor zehn Uhr vor der schweren Eingangstür standen, umklammerte sie unruhig den Trageriemen ihrer Tasche. Ich spürte, wie angespannt sie war, und drückte aufmunternd ihre Hand, bevor sie schließlich tief durchatmete und die Klingel drückte. Die Sekunden dehnten sich endlos, bis die Tür mit einem metallischen Klicken aufschwang.
Vor uns stand ein erstaunlich jugendlich wirkender Mann in dunkler Kleidung. Sein Blick war wach und durchdringend. „Guten Tag! Da sind Sie ja, wir haben Sie bereits erwartet“, begrüßte er uns freundlich und stellte sich als der Direktor des Theaters vor. Sein Blick glitt lächelnd zu mir. „Ihren Freund haben Sie auch gleich mitgebracht!“
„Ist das denn überhaupt in Ordnung?“, fragte sie hastig und trat unmerklich einen halben Schritt zurück.
„Aber natürlich. Wir erleben es oft, dass Partner während des Castings anwesend sind. Das lindert erfahrungsgemäß die Nervosität. Treten Sie doch ein, wir können gleich loslegen!“
Casting. Das Wort hing plötzlich schwer in der Luft. Ich sah, wie sie unwillkürlich schluckte und sich unsere Blicke trafen. Im Brief war lediglich von einem Vorstellungsgespräch die Rede gewesen. Ein Casting bedeutete, dass sie nicht nur erzählen, sondern ihr Können aus dem Stegreif beweisen musste – hier und jetzt.
Bevor sie sich sammeln konnte, führte uns der Direktor bereits einen abgedunkelten Flur hinunter. „Darf ich Ihnen unsere neue Bewerberin vorstellen? Sie ist in Begleitung ihres Freundes hier.“
Ihr entwich ein leises, überraschtes Keuchen, als wir durch eine Schwingtür traten. Anstatt eines gemütlichen Büros erwartete uns der fast leere Bühnenraum. Und dort, im Halbdunkel hinter einer langen Tischreihe, saß aufgereiht eine mehrköpfige Jury, die uns nun schweigend und prüfend musterte. Der Direktor nahm zielsicher in ihrer Mitte Platz. Die Falle war zugeschnappt.
Mir wurde schweigend ein Stuhl in der hintersten Ecke des Raumes zugewiesen, von dem aus ich das Geschehen wie ein unsichtbarer Beobachter verfolgen konnte. Sie durfte auf einem einzelnen, ungemütlich wirkenden Holzstuhl im grellen Lichtkreis vor dem Jurytisch Platz nehmen.
Ohne Umschweife begann das Verhör. Die Fragen prasselten aus verschiedenen Richtungen auf sie ein, abwechselnd kühl und fordernd abgefeuert.
„Welche Rollen haben Sie bisher gespielt?“
„Was ist Ihre absolute Lieblingsrolle?“
„Wie steht es um Ihre Improvisationsfähigkeit auf der Bühne?“
„Warum ausgerechnet unsere Theatergruppe?“
Sie schlug sich wacker, antwortete konzentriert und versuchte, ihre aufsteigende Panik hinter einer professionellen Fassade zu verbergen. Mir fiel jedoch eine Dame am äußersten Ende des Tisches auf. Während die anderen eifrig Notizen machten, lag ihr Stift unberührt auf dem Holz. Sie musterte meine Freundin unablässig, wie ein Raubvogel – jede noch so kleine Geste, jedes Zucken der Mundwinkel wurde gnadenlos analysiert. Es ging ihr offensichtlich schon lange nicht mehr um die Antworten, sondern um die psychologische Belastbarkeit meiner Freundin.
„So! Ich glaube, das genügt erst einmal“, schnitt die Stimme des Direktors plötzlich scharf durch den Raum und unterbrach das Interview. Er betätigte eine kleine Tischklingel. Das helle Bing hallte fast schon unheilvoll durch den großen, leeren Raum.
Kurz darauf öffnete sich leise eine Seitentür und eine junge Frau betrat die Bühne. Sie trug ein warmherziges, beinahe beruhigendes Lächeln auf den Lippen. Doch das Absurdeste an ihrem Auftritt war der Gegenstand in ihren Händen: Sie trug einen banalen, geflochtenen Wäschekorb.
„Würdest du dich jetzt bitte erheben?“, bat sie meine Freundin freundlich, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. Sie stellte den Korb am Boden ab und zog den Holzstuhl kurzerhand weg.
Dem völlig verwirrten Gesichtsausdruck meiner Freundin konnte ich ansehen, dass ihr exakt dieselbe Frage durch den Kopf schoss wie mir in meiner dunklen Ecke: Wozu um alles in der Welt brachte man einen Wäschekorb zu einem Casting mit?
Zum Grübeln blieb jedoch keine Zeit. Der Direktor lehnte sich über den Tisch, verschränkte die Hände und fixierte sie. „Wir treten nun zum eigentlichen Casting über. Haben Sie für heute irgendwelche Monologe vorbereitet?“
„Ähm… nein, direkt vorbereitet habe ich nichts. Aber ich habe ein paar Monologe im Kopf, die ich vorführen kann“, hörte ich sie mit leicht zittriger Stimme antworten.
„Das reicht völlig“, erwiderte der Direktor nickend. „Wie Sie wissen, leben wir hier von absoluter Authentizität. Wenn Gefühle auf der Bühne nicht echt wirken, wird es schnell lächerlich. Unser Publikum durchschaut gespielte Emotionen sofort. Wir wollen rohe, ungefilterte Gefühle sehen.“
Was dann folgte, glich einem psychologischen Spießrutenlauf. Auf Zuruf musste sie tiefste Trauer zeigen, herzhaft lachen oder in Panik verfallen. Die Kommandos der Jury peitschten als einzelne Worte durch den kargen Raum: „Lachen! … Verzweiflung! … Jetzt weinen! … Ein Wutausbruch, los!“
Ich saß in meiner dunklen Ecke und hielt unbewusst den Atem an. Als sie plötzlich nach vorne schnellte und die Jury mit einer derart unbändigen, rasenden Wut anschrie, dass ihre Stimme von den nackten Wänden widerhallte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich dachte, ich würde diese Frau in- und auswendig kennen, aber diese explosive Wandelbarkeit war mir völlig neu. Ich staunte einfach nur.
Als sie nach ihrem Wutausbruch schwer atmend in der Mitte der Bühne stand, kehrte eine bedrückende, erwartungsvolle Stille ein.
Ein anderes Jurymitglied ergriff das Wort. Seine Stimme war ruhig, fast schon sanft. „Gut. Wir sind ein junges, aufgeschlossenes und sehr alternatives Haus. Wir zeigen auf der Bühne das pure Leben, den alltäglichen Wahnsinn. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass man manchmal… etwas mehr von sich preisgeben muss. Verstehen Sie, was ich meine?“
Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und zögerte. „Ich… ich glaube ja.“
„Um nicht lange um den heißen Brei herumzureden“, fuhr er fort, „haben Sie bereits Nacktszenen gespielt?“
„Bisher nicht“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Ihre Stimme klang leise, aber fest.
„Das wird in unserem Ensemble früher oder später unweigerlich gefordert. Können Sie sich überhaupt vorstellen, völlig nackt auf der Bühne zu stehen?“
„Nun… ich denke schon. Wenn das Drehbuch es verlangt…“, tastete sie sich vorsichtig vor.
„Und genau dessen müssen wir uns sicher sein, bevor wir jemanden in unser Ensemble aufnehmen“, schaltete sich der Direktor wieder ein, sein Blick unergründlich. „Hemmungen spürt das Publikum sofort. Wir wissen, dass dies vermutlich kein angenehmer Moment für Sie ist, aber es ist in Ihrem eigenen Interesse, im Ernstfall nicht unvorbereitet zu sein. Wenn wir Sie nun bitten dürften, all Ihre Kleider abzulegen.“
Er nickte der jungen Assistentin zu. Diese trat mit ihrem warmen Lächeln wieder einen Schritt vor und deutete auf den geflochtenen Korb. „Du kannst deine Kleidung hier hineinlegen. Du wirst sie für den restlichen Verlauf des Castings nicht mehr benötigen.“
Das Rätsel um den ominösen Wäschekorb war gelöst – und die Realität der Situation traf mich wie ein Schlag. In der ohrenbetäubenden Stille des Raumes konnte ich aus meiner dunklen Ecke förmlich hören, wie sie leer schluckte.
Sie wusste: Wenn sie diese einmalige Chance ergreifen wollte, gab es jetzt kein Zurück. Mit leicht zitternden Fingern griff sie nach dem Saum ihres Pullovers. Ich klammerte mich in der Dunkelheit an die Kanten meines Holzstuhls. In mir tobte ein Kampf – zwischen dem Impuls, aufzuspringen und sie da rauszuholen, und dem Wissen, dass ich ihr diesen Traum nicht kaputtmachen durfte.
Stück für Stück glitt die Kleidung von ihrem Körper und landete weich im Weidengeflecht des Korbes. Als sie schließlich vollkommen nackt im grellen Lichtkreis vor der Jury stand, wirkte sie im ersten Moment unglaublich verletzlich. Unbewusst schlug sie die Arme vor der Brust über Kreuz.
Doch die Jury kannte kein Mitleid. Unter ihren kritischen, fast schon sezierenden Blicken musste sie weitere Monologe abrufen. Was ich dann sah, faszinierte mich zutiefst: Die anfängliche Scham verflog Minute für Minute. Mit jedem gesprochenen Satz richtete sie sich weiter auf, ließ die Arme sinken und füllte den riesigen Raum mit ihrer Präsenz. Es war, als würde sie die Nacktheit plötzlich als eine Art unantastbares Kostüm begreifen.
„Noch eine letzte Frage“, warf der Direktor ein. „Wie hielten Sie es in Ihrer Schultheatergruppe mit Kussszenen? Gespielt oder echt?“
„Einfache Küsse waren echt, Zungenküsse haben wir nur angedeutet“, antwortete sie, nun spürbar selbstbewusster.
Der Direktor schüttelte den Kopf. „Damit sind wir früher böse auf die Nase gefallen. Das Publikum hat unsere Schauspieler für vorgetäuschte Leidenschaft ausgelacht. Bei uns sind sämtliche Küsse in leidenschaftlichen Szenen hundertprozentig echt – mit vollem Körpereinsatz. Unsere Darsteller schwören darauf, dass es ihnen hilft, mit ihrer Rolle zu verschmelzen. Und von den Lebenspartnern…“, er warf einen kurzen, vielsagenden Blick in meine Richtung, „…gab es bisher nie Beschwerden. Käme das für Sie in Frage?“
Sie zögerte keine Sekunde. „Mein einziges Bestreben ist es, eine glaubwürdige Schauspielerin zu sein. Ich wäre dem nicht abgeneigt.“
Dann schlug die Stunde der Wahrheit. Die Jury steckte kurz die Köpfe zusammen. Ein leises Murmeln, dann richtete sich der Direktor wieder auf. Sein strenger Blick wich einem breiten, herzlichen Lächeln. „Willkommen in unserer Theatergruppe!“
Die Anspannung der letzten Stunde entlud sich in einem ohrenbetäubenden Freudenschrei. Völlig vergessend, dass sie keinen Fetzen Stoff auf der Haut trug, riss sie die Arme hoch, rannte auf die Jury zu und fiel jedem Einzelnen stürmisch um den Hals. Die Assistentin trat lächelnd mit dem Wäschekorb heran, doch ihr war das in ihrem Freudentaumel längst egal.
Dann stürmte sie auf mich zu. Ich stand auf und fing sie auf. Da hielt ich sie fest in meinen Armen, nackt, erschöpft und zitternd vor Glück. Ich platzte fast vor Stolz auf ihren unglaublichen Mut. Doch tief in mir bohrte sich gleichzeitig ein spitzer, kalter Stachel der Eifersucht in meinen Magen. Ich wusste, ich würde sie genau so, in all ihrer hemmungslosen Hingabe, von nun an mit dem Publikum teilen müssen. Und nicht nur mit dem Publikum.
Dieser Moment ist nun Monate her. Heute beginnen die heißen Proben für das neue Stück. Es ist das erste Mal, dass sie nackt auftreten wird. Und es ist das erste Mal, dass die ausgiebigen Kussszenen geprobt werden. Ausgerechnet mit dem arroganten, aber einflussreichen Co-Regisseur des Stücks, den sie eigentlich absolut nicht ausstehen kann...
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Kommentare
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Ich fand die Geschichte großartig, und das Thema ist genau mein Ding. Man kann förmlich mit ihr mitfühlen. Einziger Wermutstropfen - zumindest für mich - ist, dass das Aussehen der Protagonistin zu sehr im Dunkel bleibt bzw. es keine Beschreibungen ihres Aussehens, der Kleidung, Körpermerkmale und -reaktionen gibt. Das lässt natürlich der Fantasie des Lesers freie Hand, persönlich bevorzuge ich jedoch etwas detailiertere Hinweise damit das Kopfkino so wirklich anspringt.
Trotzdem, hervorragende Geschichte! Ich bin gespannt auf die Fortsetzung(en).