Das Interview
Dieses Gespräch führte Lena-Marie vor einigen Jahren mit mir. Ich darf es hier veröffentlichen, da der ursprüngliche Blog inzwischen erloschen ist. Es verlangt etwas Ausdauer beim Lesen; ein Kürzungsversuch ließ zu viele Aspekte wegfallen.
Das Interview
Ich habe mich auf ein Interview eingelassen, zu einem Thema, zu dem ich bisher keinen Zugang, ambivalente Gefühle hatte, habe in einem einschlägigen Blog recherchiert und bin so auf ›SIE‹ gestoßen. Und dann wird aus dem anfänglichen Interview ein sehr intimes, tiefgründiges Gespräch mit vielen Facetten.
Das kleine Bandgerät ist unauffällig am Tisch aufgebaut.
Eine aparte, sehr selbstsicher wirkende Dame, groß, sportlich schlank, elegant, sexy im bordeauxroten Businesskostüm, ihre welligen aschblonden Haare fallen ihr lang über die Schultern, dezent geschminkt, ihre Lippen jedoch auffällig tiefrot nachgezogen, zierliche Brille mit ovalen Gläsern, sitzt mir gegenüber. Ihr Lächeln ist sympathisch, gewinnend, um ihre klaren blauen Augen viele kleine Lachfältchen. Ein Hauch feinen Parfums umgibt sie.
Diese Frau sagt von sich: ›Ich bin eine Masochistin!‹ Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass diese Frau, die Selbstbewusstsein und Stolz ausstrahlt, sich in demütiger Körperhaltung einem Mann unterwirft, sich erniedrigen, von ihm Schmerzen zufügen lässt. Und was bitte soll ich, darf ich mir vorstellen. Mit diesem Gedanken werde ich unser Gespräch beginnen, geht es mir durch den Kopf. Ich darf sie ›Constanze‹ nennen, hat sie mir im Telefonat zur Verabredung zu diesem Interview angeboten, hat mir dieses Caféhaus vorgeschlagen, in dem sie offensichtlich nicht unbekannt ist, wird sie doch mit ›Frau Magistra‹ angesprochen. Sie hat mich eingeladen, der Ober bringt mir einen Verlängerten, einen Apfelstrudel, Constanze hat sich Schokolade mit extra Schlag bestellt, hat dabei ein bisserl süffisant gelächelt, erst jetzt begreife ich die Doppeldeutigkeit dieses Wortes.
»Constanze«, beginne ich, nachdem ich am Kaffee genippt habe, »Sie erfüllen …« »Du!«, unterbricht sie mich. »Entschuldige, Du erfüllst äußerlich nicht im Entferntesten das Klischee, das Bild, das ich von einer Masochistin im Kopf hatte. Das Klischee, das in der Öffentlichkeit mit BDSM-Sex verbunden wird.«
Constanze lächelt wohlwollend. »Wie schaut denn dieses Bild aus?«, fragt sie ein wenig herausfordernd. »In einer Session in einem finsteren Gewölbe, mit Ketten gefesselt, an ein schwarzes Andreaskreuz angebunden, in eine Ledercorsage gezwängt?«
Ihre Stimme ist angenehm warm, ihre Wiener Herkunft kann sie nicht leugnen, dann lacht sie. Ihr Lachen ist hell, beinahe ein bisserl mädchenhaft, ansteckend. Ja, was habe ich mir vorgestellt?
»Ich weiß nicht recht, jedenfalls keine Frau wie Du!«
Wieder lacht sie. »Na ja, so ganz falsch würdest Du nicht liegen!«
»Wie meinst Du das?«
»Fesseln, Andreaskreuze, Ledercorsage gehören mitunter schon zu unseren Sessions, insoweit erfülle ich vielleicht doch Klischees.«
»Landläufig verbindet man Masochismus mit Lust und Erregung durch Schmerzen, trifft das auf Dich zu?«
»Nein, nicht die Schmerzen! Ich habe ebenso Furcht davor, wie die meisten Menschen. Masochismus ist weit mehr, als Schmerzen zu erleben. Es sind die Handlungen meines Gebieters, wenn er mich fesselt, anbindet, mich mit der Gerte schlägt, mich auspeitscht und mir so Schmerzen zufügt, die mein Empfinden triggern, besondere Emotionen wecken. Und die mich, die Spuren, die Striemen auf meinem Körper mit Stolz und Selbstbewusstsein tragen lassen. Aber ich brauche keine expliziten masochistischen Erlebnisse, keinen Schmerzreiz, um zu Orgasmen zu kommen. Ich mag ebenso gerne sanften Vanillesex, Kuscheln, Zärtlichkeiten, ich lasse mich gerne streicheln, zart berühren, streichele und liebkose selber gerne.«
»Vielleicht solltest Du zunächst etwas über Dein Leben schildern.«
Constanze nickt, wirkt nachdenklich, beginnt zu erzählen, erzählt, dass sie Juristin, Anwältin ist, im Vertragswesen tätig, verrät mir ihr Alter, was mir die Sprache verschlägt. Ich habe sie zehn Jahre jünger eingeschätzt. Erzählt von ihrer Familiengeschichte, dass ihre Mama Witwe wurde, als sie zwei Jahre alt war, nach vier Jahren einen Witwer heiratete mit einer sechs Wochen jüngeren Tochter, bald ihre beste Freundin. Berichtet von ihrer glücklichen, wohlbehüteten Kindheit, Jugend, von ihrem ursprünglichen Musik-, dann Jusstudium, von ihren ersten zwei Ehen mit demselben Mann und dann dem Schicksalsschlag, Brustkrebs, mit dreiunddreißig, dass sie sich einer Totalmastektomie unterzogen hat.
Ich bin erschrocken, geschockt, dreiunddreißig, so alt wie ich jetzt. Ich betrachte sie genauer, der Blick in den tiefen Ausschnitt ihres Kostümblazers lässt es erahnen. Unsere Blicke treffen sich, ich fühle mich ertappt, spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt, ich rot werde.
Gedankenvoll erzählt Constanze leise weiter: »Weißt Du, ich habe mich damals bewusst so entschieden. Furcht hatte ich weniger vor der Operation, der Tumor war früh erkannt, vor dem Verlust meiner eh kleinen Brüste, ›Cup AA‹, vielmehr Furcht hatte ich vor den anderen Folgen der Krankheit. Was würde sich in meinem Leben verändern? Ich wollte so wenig Einschränkungen wie möglich, lehnte Chemotherapie, Bestrahlungen und auch Brustrekonstruktion ab. Irgendwie hört es sich im Nachhinein beinahe lächerlich an, anfangs haben mir nur meine sensiblen Nippel gefehlt. Später hat mich mein Gebieter …« - Gebieter oder W., so nennt Constanze ihren Partner in unserem Gespräch - »… entdecken lassen, wie empfindsam und empfänglich für Berührungen, ob hart, ob zart, meine glatte, flache Brust, die nun kaum mehr sichtbaren Narben geworden sind. Im Übrigen begehrt mein Gebieter meinen Körper, so wie er ist, und lässt es mich immer wieder spüren.«
»Hattest Du damals Angst, Dich einem Mann so zu zeigen?«
»Ja, nicht nur Männern, überhaupt. Rasch nach der Operation begann ich aber mein Leben zu ändern, begann mit Yoga, regelmäßigem Sport, Laufen, Schwimmen, akzeptierte zunehmend meinen veränderten Körper. Zeigte mich anfangs noch verschämt, dann immer provokanter, habe begonnen, mich ›oben ohne‹ in die Öffentlichkeit zu wagen, so schwimmen zu gehen. Mitunter gab’s damals noch Ärger. Es gab und gibt Menschen, ganz gleich ob Frau, ob Mann, die finden das Aussehen von Frauen nach einer Mastektomie anstößig.«
Constanze schaut ziellos durchs große Fenster, erzählt, wie die Trennung ihres damaligen Mannes von ihr während ihrer akuten Erkrankungsphase sie gekränkt, gedemütigt und zutiefst verletzt habe. Sie fühlte sich abgelehnt, verstoßen, nicht mehr liebenswert.
Sie rührt in ihrer Schokolade, nimmt einen Schluck.
»All das habe ich überspielt, nur meine Stiefschwester hat es wahrgenommen. Kraft schöpfte ich aus meinem Beruf, meinem gesellschaftlichen Engagement. Ich begann Artikel in Fachorganen zu publizieren, stürzte mich in feministische Aktivitäten, engagierte mich gegen Gewalt an Frauen, damals noch ein Tabuthema. Auch als Anwältin konnte man seinerzeit noch arg anecken.
Ich hatte einige Liaisons mit Frauen, die ich als sehr liebevoll und sexuell höchst erfüllend empfand. Damals hab’ ich viel über Simone de Beauvoirs Hauptthese aus ihrem Buch ›Das andere Geschlecht‹ - man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht - nachgedacht. Mein fehlendes Interesse an Männern war kein intellektuell begründetes, es war kein Verlangen da. Das änderte sich erst mit W. Er war mein erster Mann nach meiner Operation und ist es seither geblieben. Zu ihm fühlte ich mich sofort auf seltsame Weise hingezogen, von ihm körperlich angezogen, rasch warb er um mich, zeigte mir sein Begehren. Mit ihm ging ich entgegen meinem Vorsatz gleich am ersten Abend, in einem Hotel ins Bett. Als ich mich ihm nackt zeigte, war mein sonst so provokantes Selbstvertrauen fort, ich war voller Scham und Furcht. Aber W. nahm mich, wie ich bin, er war respektvoll, voller Zartgefühl, empathisch, gab mir Geborgenheit und Wärme, strahlte aber dennoch eine Dominanz aus, wie ich sie bisher nicht kannte. Nie zuvor hatte ich einen solchen Mann kennengelernt. Vielleicht war es genau dieser Moment, der uns zu Geliebter und Geliebten, Gebieter und Sub, zu einem D/s-Paar machte?«
»Wie habt ihr euch kennengelernt? Kontaktanzeige …?«, will ich wissen.
Constanze schüttelt lachend den Kopf. »Ganz banal, während einer langen Zugfahrt nach Wien. Damals gab’s noch nicht diese unseligen Smartphones, die beinahe jedes Gespräch, jeden Flirt erfolgreich verhindern.«
»Und woher wusstet ihr …?«
»Wir wussten es nicht, wir haben es irgendwie sofort gespürt, haben uns gefunden, aber nicht gesucht, wir können es nicht erklären, wir hatten gewiss verborgene Phantasien, Träume, vielleicht auch Begehren. Aber Phantasien und ausleben im Realen …, wir hatten beide keinerlei Erfahrungen mit BDSM. Auch heute sprechen wir noch darüber, finden aber immer noch keine Antwort.«
»War es gleich SM-Sex?«
»Kommt darauf an, wie man es versteht. W. hat mir ganz klassisch den Hintern versohlt. Hat dann auch seinen Gürtel benutzt.« Sie schmunzelt. »Etwas, was ich nicht kannte, als Kinder wurden wir, meine Stiefschwester und ich, damals durchaus gesellschaftlich akzeptiert, nie übers Knie gelegt. Ziemlich rasch hat sich mein Gebieter Instrumente besorgt, wir haben vieles ausprobiert. Und in der Küche findet sich auch viel Brauchbares!« Bei dem Wort schmunzelt sie wieder. »Wir haben uns immer weiter vorgewagt, haben auch keine Scheu, gemeinsam in einschlägige Shops zu gehen.«
»Du nennst W. immer wieder ›Gebieter‹, bedienst Du Dich damit nicht des Vokabulars des Patriarchats, der männlich geprägten Gesellschaft? Dieser Begriff ist doch ein Indiz dafür, dass Du die Machtasymmetrie akzeptierst. Wie bringst Du das mit Deiner emanzipierten, feministisch geprägten Persönlichkeit überein?«
Constanze schaut mich ernst an, meint dann: »Das ist gewiss schwierig zu verstehen. Ja, ich unterwerfe mich W. sexuell, er gebietet über mich, wenn ich mich ihm hingebe, das ist Teil meiner Widersprüchlichkeit und Ambivalenz.«
»Du hast gesagt, Du hast Dich schon früh gegen Gewalt an Frauen engagiert, wie steht W. diesem Thema gegenüber.«
»Ich weiß, das hört sich wahrscheinlich deppert an, aber W. wird regelrecht wütend, wenn er so etwas hört oder liest. Gewalt an Frauen für ihn ein No-Go, überhaupt, blöde Sprüche über Frauen, der alltägliche Sexismus regt ihn auf.«
»Und welche Art Mann ist W. dann, Dein Gebieter? Wie darf ich mir ihn vorstellen? Ein Macho ist er Deinem Erzählen nach gewiss nicht. Wie zeigt sich aber seine Dominanz?«
Constanze denkt lange nach, lächelt, wohl bei ihren Gedanken an ihn. Dann findet sie Worte. »Jedenfalls nicht im Alltag. Simone de Beauvoir hat viel Richtiges und Gescheites über Männer, über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen geschrieben. Ich versuche es mal damit, mein Gebieter ist das Gegenteil von dem, was sie in dem Satz ›Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist‹ zu beschreiben versucht hat. Ja, wie soll ich W. sonst schildern?«
Sie schließt kurz die Augen, lacht dann.
»Woran hast Du gerad‘ gedacht?«, möchte ich wissen.
Constanze schmunzelt: »Möchtest Du es wirklich wissen?«
Ich nicke.
»An den Duft seines Schwanzes!«
Hell und schallend lacht sie, ich pruste los, vom Nachbartisch schaut man etwas missbilligend herüber. Wir werden rot, kichern wie ertappte Teenager. Es dauert ein bisserl, bis wir uns beruhigen.
»Aber zurück zu Deiner ursprünglichen Frage«, meint sie immer noch heiter, »W. ist gewiss rein äußerlich kein Traummann, die gibt es eh nicht. Er kommt aus Norddeutschland, hat keine Angehörigen mehr, ist heut‘ ein distinguierter Herr, ein bisserl größer und älter als ich und er trägt Bart. In seinem Leben gibt es Brüche und Rückschläge. Sein Ingenieurstudium musste er, wegen Todesfällen in seiner Familie, abbrechen, hat sich dennoch in eine leitende Funktion hochgearbeitet. Mir gefällt diese andere Art von Ehrgeiz oder besser, Zielstrebigkeit, zeugt sie doch von Klugheit, Durchsetzungsvermögen und Beharrlichkeit. Eigenschaften, die ich bei einem Mann schätze. Und W. ist nicht nur mein Gebieter, ebenso ist er mein Partner. Auch wenn unsere Fernbeziehung sehr stark auf unserer gegenseitigen körperlichen Anziehung, auf der Erfüllung unseres sexuellen Verlangens, unserer Begierde, auf BDSM-Sex beruht, so leben wir doch eine gleichberechtigte Partnerschaft, die auf Vertrauen, Einvernehmen, gegenseitigem Respekt und Achtung gründet. Und W. ist ein progressiver, freier Geist, hat Interesse am Zeitgeschehen, an Kunst und Kultur und er hat Witz, einen hintergründigen, mitunter spitzbübischen Humor.«
Ein amüsiertes Lächeln huscht über Constanzes Gesicht.
»Na ja, es gibt natürlich auch Dinge, die mich an ihm nerven. Mitunter kann er nicht aufhören zu arbeiten, dann muss ich ihm den Laptop fast fortnehmen. Aber er hat einen ungemein wertvollen Vorzug, er kann wunderbar kochen, ein Talent, das mir leider abgeht.«
Constanze lacht.
»Meine Mama hätte ihn sogleich zum Schwiegersohn auserkoren.«
»Du hast erwähnt, ihr führt eine Fernbeziehung, wie darf ich mir das vorstellen, ihr lebt nicht zusammen? Habt ihr dies so gewählt, oder hat sich das so ergeben und belastet diese räumliche Trennung nicht eure Partnerschaft?«
Constanzes Blick wird lebhaft.
»Ja, es stimmt, wir leben nicht unter einem Dach, haben keine gemeinsame Wohnung. Letztlich haben wir uns bewusst dazu entschieden, und nein, das belastet uns nicht, es bewirkt das Gegenteil. Nach einer anfänglichen Krise, die schon unsere Liebe bedrohte, mir kamen Zweifel während eines nicht mehr rückgängig zu machenden, längeren beruflichen Auslandsaufenthalts, konnten wir zunächst mit unseren Gefühlen nicht richtig umgehen. Ich war vom Wiedersehen überwältigt, meine Gefühle fuhren Ringelspiel mit mir. Meine Hormone spielten verrückt. Ich wollte das neue Leben mit W. genießen, habe alles, was mich bedrängte, beiseitegeschoben. Nach zwei gemeinsamen Wochen, Tag und Nacht zusammen, kamen die Zweifel wieder. Mir wurde meine innere Spaltung wieder bewusst. Es gibt einen Teil meiner Persönlichkeit, den ich als ›Sklavin‹ bezeichne, der in mir schlummert. Diese Sklavin hatte ich all die Jahre ins Unterbewusste verdrängt, sie hatte sich in meinen Phantasien beim Onanieren immer wieder bemerkbar gemacht. In eine Nische gesperrt, hinter einer Maske versteckt, hatte sie mich, die beruflich erfolgreiche, emanzipierte Frau, gut mit ihr Leben lassen. Und dann hat W. die Tür einen Spalt, einen winzigen Spalt geöffnet, hat der Sklavin einen Weg in die Freiheit gezeigt. Und diese Freiheit forderte sie nun ein, wollte ihr Recht, suchte die Oberhand über die Frau zu gewinnen, was ich nicht zulassen wollte und durfte. Ich musste ihr Grenzen setzen.«
»Hast Du W. von diesem Zwiespalt erzählt?«
»Eines Abends sprach ich davon, wir redeten lange darüber, viele Tränen. W. machte sich ernsthafte Sorgen um mich, nahm mich liebevoll in die Arme, wischte mir die Tränen, die mir über die Wangen rannen, fort, küsste mich zart, nicht fordernd, wie sonst. W.s Fürsorglichkeit tat mir gut. Auch ihm wurde bewusst, wir mussten Grenzen aushandeln, mussten verhindern, dass unsere Beziehung ins Toxische abglitt. Unsere Beziehung durfte nicht in Gewohnheit enden. Nur so könnte es mir gelingen, die Sklavin in ihre Schranken zu verweisen. Wir mussten einen Konsens finden, zwischen unseren beruflichen und Privatleben, unseren Rollen als Geliebter und Geliebte, dem Ausleben unserer Neigungen als Gebieter und Sklavin. Ebenso wurde uns klar, unser berufliches und soziales Umfeld erforderte Rücksichtnahme und Zurückhaltung. Wir sprachen über unsere Sessions, unsere Phantasien und Wünsche, über unsere gemeinsamen Grenzen, darüber, dass wir kein ›Safeword‹ brauchten.
Die folgende Nacht war voller Sinnlichkeit, zärtlicher Liebe. Mein Gebieter schenkte mir zahlreiche sanfte, erfüllende Orgasmen. Die Frau war befriedigt, die Sklavin musste diese Nacht warten.«
»Und seitdem führt Ihr eine Fernbeziehung, wie kann ich mir das vorstellen?«
»Ja genau, nach dieser Einsicht hat sich unsere Beziehung entwickelt. Seither haben wir nie über banale Dinge gestritten, keine nicht hinuntergebrachten Mistkübel, kein nicht erledigter Einkauf … Die räumlichen und zeitlichen Trennungen haben uns die erotische Spannung erhalten, wir brauchen den Wechsel aus erwartungsvoller, mitunter qualvoller Sehnsucht, erregter Wiedersehensfreude, Verlangen, befriedigter Lust, Nähe, Geborgenheit und Abschiedsschmerz. Wir haben unsere Orte, auch ungewöhnliche Orte, wo wir unser Begehren zelebrieren können, Hotels, mitunter im Freien. W. besitzt ein Haus in Ungarn unweit der Grenze zu Österreich, inzwischen nicht mehr nur sein intimer Rückzugsort. Ein Haus, das W.s Stil, seine Art zu leben greifbar macht, in dem ich mich ihm vollkommen unterwerfen, mich ihm ganz ergeben kann, wir uns frei fühlen. Und meine Atelierwohnung im XIII., die wir in unser Reich verwandelt, für unser gegenseitiges Begehren hergerichtet haben, mit großen Wandspiegeln, dem riesigen Bett, den Haken an den Balken des Dachstuhls, an denen er mich anbindet, fesselt für unsere Lust.«
Während Constanze sprach, beobachtete ich sie, sie spielte die ganze Zeit unbewusst mit den Ringen an ihrem rechten Ringfinger.
»Du trägst einen interessanten Ring, sehr auffällig. Er schaut sehr edel aus, gewiss hat er eine besondere Bedeutung?«
Constanze streckt die Finger, sehr gepflegte Fingernägel im gleichen Rot, wie ihre Lippen, ihrer rechten Hand aus, dreht den Ring zurecht, fixiert ihn mit ihrem Blick.
»Ja, es ist ›unser‹ Ring, er ist aus Platin und natürlich, er hat seine Bedeutung. Jeder, der ihn kennt, weiß, so wie ich ihn trage, dass ich eine Sub in einer festen Beziehung bin. Er ist der ›Geschichte der O‹ entlehnt. Mein Gebieter trägt ihn links am Ringfinger.«
»Der Roman, die ›Geschichte der O‹, in welchem Zusammenhang steht er mit eurer Beziehung, Constanze?«
»Eigentlich in keinem. W. und ich haben das Buch als Teenager gelesen, er später den Film gesehen. Gewiss hat es unsere Phantasien beeinflusst. Wie wohl bei den meisten D/s-, BDSM-Paaren gibt es gewiss Parallelen zu einzelnen Facetten der geschilderten sexuellen Praktiken, Fesseln, Schlägen …, zu Teilen der Symbolik. Wir haben uns auch Anregungen zu meiner besonderen Kleidung geholt. Aber all das hat mit dem eigentlichen Inhalt des Romans nur sehr wenig zu tun.«
»Wenn ich richtig den Inhalt des Romans wiedergebe, wird die ›O‹ von ihrem Freund gefügig gemacht, bis hin zur freiwilligen Selbstaufgabe, wird von ihm unterworfen, anderen Männern überlassen, ist das auch eine, Du hast es Facette genannt, Eurer Dom-/sub-Beziehung?«
Constanze schaut mir bestimmt in die Augen.
»Nein, das ist kein Thema für uns. Ich habe mal meinem Gebieter anvertraut, dass ich hin und wieder solche Phantasien habe, wenn er mich nimmt, mich fickt, habe ihn danach gefragt, ob auch er solche Phantasien, mich anderen Männern auszuliefern, kennt? Er gestand mir, es wäre eine erregende Vorstellung, eine sehr erregende sogar, aber auch eine sehr riskante. Ich fragte, wieso. ›Weil Du mir als Frau zu wertvoll bist, nichts von Dir kann ich in die Hände eines anderen Mannes geben. Es könnte etwas zwischen uns beschädigen, zerstört werden‹, war seine Antwort. Heute bin ich ihm dankbar dafür, es nicht ausprobiert zu haben.«
Constanze lächelt.
»Hatte Euer Gespräch Folgen, wie ist Dein Gebieter mit Deinem Eingeständnis umgegangen?«
»Ja, W. zeigte mir, wie sehr er mich begehrt.«
»Wie meinst Du das?«
»Er zeigte es mir.« Constanzes Blick ist gedankenvoll. »Wie explizit verträgst Du Schilderungen?«
»Äh, ja schon, sehr direkt?«
Mir wird ein bisserl mulmig, das Gespräch entgleitet in eine nicht beabsichtigte Richtung, will ich mich darauf einlassen? Constanze nimmt meine Skepsis wahr.
»Ich werde mich zurückhalten, aber es wird schon arg deutlich.
Nach unserem Gespräch führte mich mein Gebieter in die Küche seines Hauses, dort drückte er meinen Oberkörper fast derb bäuchlings über den etwas wackligen, mit Küchenutensilien zugestellten Tisch, sodass ich ihm meinen Hintern entgegen reckte. Ohne Umschweife streifte er mir den Rock über meinen Po. Ich spürte die Kühle, die vom Garten in die Küche drang. Zweimal klatschte es laut, die Rechte meines Gebieters ließ meine Backen erglühen, ich biss mir auf die Lippen, unterdrückte einen Aufschrei. Wärme erfasste meine Mitte, die zu vibrieren begann. Verlangen ergriff von mir Besitz, ich wollte ihn in mir fühlen, jetzt, hier, in dieser entwürdigenden Position. Ich spürte meine Nässe. Laut stöhnte ich auf, als er grob und ungestüm meine längst angeschwollenen Lippen öffnete, in mich drang, sein steinharter Schwanz mich ausfüllte. Krampfhaft griff ich nach der Tischplatte, suchte Halt, erwiderte die Stöße. Mein Becken begann zu rotieren. Mit jedem seiner Stöße wurde ich nasser. Immer ungestümer puderte er mich, nahm mich hart, bis wir beide laut kamen. Stoßweise pumpte er sein Sperma in mich, ich ejakulierte, mein Saft und sein Sperma rannen mir an den Schenkeln herunter. Kraftlos sackten wir auf dem Tisch zusammen, atmeten schwer. Lange brauchten wir, bis er mich aufrichtete, mir den Rock zurecht strich und mich zärtlich in die Arme nahm. Dann küssten wir uns so innig, als gelte es damit, ein Versprechen zu besiegeln.«
»Okay, das war schon recht explizit. Du hast jetzt eine Situation geschildert, die, meiner Einschätzung nach, sehr spontan entstanden ist. Das wird doch gewiss nicht meist so sein?«
»Das stimmt und stimmt auch nicht. Wenn wir uns länger nicht gesehen haben, und das ist häufig so, dann ist unser Begehren, unsere Lust, unser Verlangen meist so groß, dass wir spontanen Sex brauchen. Dann nimmt mich mein Gebieter einfach. Wir suchen dann einen Ort, nehmen wenig Rücksicht auf die äußeren Umstände und ficken.«
»Soll das bedeuten, dass Du immer für Deinen Gebieter zur Verfügung stehst. Wie bringst Du das mit Deiner Autonomie, mit Deinem Selbstwertgefühl überein?«
»Nein, genau das bedeutet es nicht. Unsere Treffen sind immer sehr bewusst erotisch geprägt, werden von W, arrangiert, häufig inszenierte Sessions. Von der Trennung des Auslebens unserer BDSM-Neigung und unserer übrigen Leben, beruflich, privat hab‘ ich eh bereits gesprochen.«
Constanze legt ihre Brille vor sich am Tisch, rührt gedankenverloren einen Löffel Schlagobers in ihre Schokolade, nimmt einen großen Schluck, dann schaut sie ziellos auf eine am Fenster vorbeifahrende Tram. Ich spüre, wie sie ihre Gedanken aufwühlen, um das Gesagte kreisen. Ich lasse mir Zeit.
»Da drängt sich mir die Frage auf, Du hast gesagt, die Zeiten, in denen Ihr Euch nicht seht, wären oft länger, wie oft, sind denn, sagen wir mal, Eure Sessions?«
»Das ist recht unterschiedlich, immer wenn wir es mit unseren anderen Aktivitäten vereinbaren können, häufig treffen wir uns auch auf beruflichen Reisen, unterwegs in Hotels, dann meist ein, zwei Nächte. Wir haben Stammhotels, in denen man uns kennt, wir uns zuhause fühlen, in denen, wenn es sich ausgeht, wir ›unsere‹ Zimmer bekommen.«
»Ich verstehe das richtig, auch in Hotels habt Ihr Sessions? Habt Ihr keine Sorge, dass Ihr dort auffallt, ich denke, dass das, was ihr dort macht, sich nicht immer geräuschlos vollzieht?«
»Gewiss.«
»Wie gewiss?«
»Ja, wir haben Sessions in Hotels, zelebrieren dort unsere Rituale und ja, es ist gewiss nicht geräuschlos. Man kennt uns dort!«, meint Constanze süffisant lächelnd.
»Rituale …?«
Constanze winkt dem Kellner, bestellt nochmal das Gleiche, schaut wieder aus dem Fenster, schweigt. Der Ober setzt unsere Bestellung am Tisch ab, blickt uns entschuldigend an, murmelt etwas. Beide nicken wir.
»Entschuldige, ich war mit meinen Gedanken woanders«, meint Constanze leise. »Ja, viele BDSM-Paare haben ihre Rituale, schaffen damit eine besondere Ebene zwischen sich, bei uns auch den Rahmen für unser Doppelleben, die Abgrenzung zu unserem Alltag. Es beginnt mit ganz banalen Dingen, Äußerlichkeiten, etwa meinem Schmuck, nicht nur dem Ring, mit dem Handkuss meines Gebieters, mit seinen kleinen Aufmerksamkeiten, den Blumen als verborgene Nachricht, kleinen Präsenten als Andeutung, mit denen er mich überrascht. Dann das Rasieren, das ausschließlich ihm vorbehalten ist und damit, dass ich keinen Slip unter dem kurzen Rock bei unseren Begegnungen trage.
Constanze macht eine Pause, blickt mich schelmisch an.
»Schockiert Dich das?«
»Nein, jetzt nicht mehr wirklich, ich denke, es passt zu Dir! »Und Du fügst Dich seinem Wollen, erfüllst seine Erwartungen?«
»Ja, meist, dann tue ich es bewusst.«
»Und wenn nicht?«
»Dann, um ihm ein provozierendes Zeichen meiner Widerspenstigkeit zu geben.«
Sie überlegt, meint dann: »Ich denke, ich schildere Dir einfach eine Session.«
Ich nicke zustimmend.
Dann erzählt sie, dass es meist mit einem Candle-Light-Dinner beginnt, ihr Gebieter besondere Kleidung von ihr erwartet, elegant, erotisch gewagt, provokant, den dezenten Halsreif. Ihr Gebieter im legeren Abendanzug. Dann das Zimmer, ihr Gebieter hat es hergerichtet, am Tisch die Instrumente ihrer Lust: Gerte, geflochtene Peitsche, Lederflogger, Metallklammern. Daneben Seidentücher, Ledermanschetten, Führleine, das Wartenbergrad. Ihr Gebieter lässt sie Top und Rock ausziehen, sodass sie nur noch in schwarzen Halterlosen und roten High Heels in der Mitte des Raumes steht.
Constanze unterbricht ihre Erzählung, ich spüre, wie es sie bewegt.
Dann fährt sie fort: »Im Fauteuil sitzend betrachtet mich mein Gebieter, lange, lässt mich dunsten. Ich bebe vor Scham, Furcht, Erwartung und Begehren. Er weiß, wie sehr mich das erregt. Er beobachtet mich wortlos, gibt mir den Wink, auf den ich so sehnlich warte; stumm gehorche ich, trete vor ihn hin. Ein weiteres Zeichen von ihm, ohne Widerspruch spreize ich meine Beine, so wird meine Vulva zugänglich. Fast körperlich spüre ich W.s Blick, wie er sie fixiert. Endlich streckt er seine rechte Hand aus, streicht mit dem Handrücken über meinen Hügel, spürt die Stoppeln. Eine Hand wandert weiter, öffnet die Spalte zwischen meinen längst angeschwollenen Lippen, prüft meine Nässe, spielt an meinem, nein seinem Schmuck, dringt ein, lässt mich aufstöhnen. ›Leg‘ Dich auf die Bettbank, ich will Dich jetzt rasieren.‹
Später dann legt er mir das dunkelrote Seidentuch über die Augen, verbindet mir den Mund, hakt die Führleine an den Halsreif. Er hilft mir bäuchlings aufs Bett, bindet mich an, schiebt mir Polster unter Bauch und Kopf, wie ein X, mit hervorgerecktem Po, weit geöffnet liege ich für ihn da. Sanft verteilt W. kühlendes Öl auf meinem Körper. küsst mich überall, alles an mir ist nur noch Begierde, ich könnte es herausschreien. Finger suchen sich den Weg durch die tiefe Furche meines Hinterns, finden ihn, finden die Zugänge. Mein Aufseufzen wird vom Seidentuch erstickt. Ich winde mich, zerre an den Fesseln, als ich komme.
Der erste leichte Hieb, es muss die Gerte sein, quer über meinen Rücken kommt unerwartet. Ich stöhne ins Kopfpolster, ziehe an den Fesseln. Ich spüre die Lippen, die Hand meines Gebieters, die mich liebkosen, mir Schauer durch den Körper jagen. Der nächste Schlag trifft erneut meinen Rücken, diesmal deutlich. Das Seidentuch vor meinem Mund lässt keinen Schrei zu, nur ein dumpfes Röcheln. Ich erlebe den Wechsel zwischen immer härter werdenden Schlägen auf meinen Rücken, meine Lenden, meinen Hintern mit Gerte, Flogger, Peitsche, die sich steigernden Schmerzen und den sanften, sachten Berührungen meines Gebieters, der mich langsam in eine andere Welt führt, mich in das Seidentuch weinen lässt, bis mein Höhepunkt von mir Besitz ergreift, mich konvulsiv überwältigt. Die Sklavin ist diese Nacht befriedigt, die Geliebte sehnt sich nach ihrem Geliebten, nach seinem Schwanz und er ist für sie da, liebevoll, zärtlich, den Rest der Nacht.«
Constanze schweigt, schaut versonnen auf die Tasse, die vor ihr steht, spielt mit dem kleinen Löffel.
»Am Morgen danach«, nimmt sie die Schilderung wieder auf, »im großen Spiegel des Bades betrachte ich mich voller Stolz, Striemen und Flecken auf meiner Haut, das Muster, das mir mein Gebieter auf den Hintern gezeichnet hat.
Im Restaurant, die Bedienung weißt uns den Frühstückstisch, rote Rosen, Kerzen, eine Flasche Sekt. W. rückt mir beim Setzen galant den Sessel zurecht. Ich spüre die kühle Sitzfläche an meinem gezeichneten Hintern, ich werde noch länger etwas von ihm haben. Die Leut‘ am Nachbartisch schauen auf, niemand von ihnen ahnt, wie wir diese Nacht verbracht, was wir miteinander getan haben. Sie sehen nur ein ›reifes‹ Paar, aufgeräumt, beim zärtlichen Tête-à-Tête.«
Da ist wieder Constanzes helles Lachen: »W. ist das Beste, was mir in meinem Leben widerfahren ist!«
Wieder schauen die Leute, diesmal hier im Café vom Nachbartisch herüber, auch diese ahnen nicht, was Constanze mir erzählt hat.
Das Gespräch mit Constanze hat mich tief bewegt. Die Frau, die mir so elegant und selbstbewusst gegenübersitzt, ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, vielschichtig, wohl auch voller innerer Widersprüche, aber glücklich.
Kommentare
Um einen Kommentar zu schreiben, musst du dich einloggen.
Trotz seiner Länge, ein sehr gelungener Text: Er besitzt Niveau, literarische Qualität und Tiefe und hebt sich hier bemerkenswert vom Üblichen ab. Im Unterschied zu vielen Darstellungen von BDSM verzichtet er weitgehend auf übertriebene Dramatisierung. Stattdessen wird Erotik als ein psychologischer Zustand dargestellt.
Das Gespräch zeigt, dass für Constanze Schmerz kein Selbstzweck ist, sondern ein emotionaler Auslöser für Hingabe, Vertrauen und Intensität. Der Text behandelt Feminismus, Macht und BDSM auf komplexe und teilweise widersprüchliche Weise, ohne dabei explizit erotische Szenen auszublenden. Zugleich zeigt er subtil, dass sexuelle Rollen und gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht immer eindeutig sind.
Gerne mehr Beiträge auf diesem Niveau.