Das Mädchen von Nebenan Kap3 Wie bin ich denn?
Hatte ich schon erwähnt, dass ich lesbisch bin?
Ja, und zurzeit ohne Partnerin. Eine Frau wenigstens für einen ONS zu gewinnen ist für mich nicht wirklich leicht, ich kann das irgendwie nicht. Eigentlich bin ich ja nicht schüchtern, aber zurückhaltend.
Meine Partnerin hat sich nach 2 Jahren Gemeinsamkeit ziemlich brüsk verabschiedet, wegen einer anderen. Naja, ich bin zwar drüber hinweg, aber es hatte mir doch sehr wehgetan. Wir hatten zwei so schöne Jahre, die ich niemals missen möchte, und von denen ich gehofft hatte, sie würden für immer bleiben.
Die einschlägige Szene gibt leider nicht so viel her, wenn du zu konservativ bist, außerdem glaube ich an die Liebe und nicht nur an Sex. Das allein ist schon hinderlich. Ich hatte auch einige Männer, ich sehe schließlich ganz süß aus. Aber für länger? Irgendwie hatte mir immer der Reiz gefehlt. Ins Bett gehen kann ich mit einem Mann schon, aber verlieben? Würde ich mich nur in eine Frau.
Ich habe auch Freundinnen, die von meiner Veranlagung (ein scheußliches Wort ! ‚Vorliebe‘ ist schöner!) wissen und mich trotzdem mögen, ohne Sex. Jawohl, trotzdem! Bei meinen gescheiterten Männerbekanntschaften meinten sie dann immer >Da ist halt der Richtige bloß noch nicht dabei gewesen< . Dabei hätten sie doch wissen müssen, dass ich DEN Richtigen gar nicht suche. Und dann kam unvermeidlich der Spruch mit den vielen Fröschen und DEM Prinzen. Muss ich mich denn durch ein ganzes Stadtviertel vögeln? Soviel Lust auf Abenteuer habe ich nicht. Mit Frauen kam mir das immer harmonischer vor und ich sag’s jetzt so: intimer. DIE Richtige kommt schon noch. Sicher. Ich hoffe, sie ist gar nicht so weit weg.
„Iris, was hältst du von einem griechischen Salat? Ich bin gerade am Schnippeln!“ Ich sah, dass Iris auf ihrem Balkon beschäftigt war und bin hinaus gegangen, um sie zu fragen. „Wow, das wäre super. Ja, gerne. Darf ich einen griechischen Wein beisteuern?“
„Immer gerne“
Als wir mit dem Essen fertig waren, sagte ich zu ihr „Setz dich doch rüber auf die Couch und mach es dir gemütlich. Ich bringe schnell das Geschirr in die Küche“ „Nichts da, ich helfe dir.“ Das bisschen Haushalt hatten wir schnell erledigt. Iris nahm die Weingläser und setzte sich auf die Couch. Sie zog die Beine an und schlang ihre Arme um sie. Das sah so gemütlich aus, gefiel mir gut.
Sie entdeckte meine Musikanlage „Du hast noch einen Plattenspieler? Echt!“ staunte sie. „Ja, hab’ ich von meinem Opa bekommen. Und seine Plattensammlung auch. Da sind so viele tolle alte Platten dabei, 70er, 80er, so in der Richtung…. Ich bin halt ein bisschen hinten an, scheiß konservativ!“ Iris schmunzelte „Ich finde das gut, ich mag solche Musik gerne! Was hast du denn so anzubieten?“ „Was willst du denn hören?“ Sie überlegte „Wäre dir Leonhard Cohen zu besinnlich?“ „Nein, gar nicht. Hab’ ich da.“
Ich legte die Platte auf und setzte mich zu ihr.
„Hast du eigentlich einen Freund?“ wollte ich wissen. Ich wollte doch erfahren, wie ich meine Chancen so einschätzen sollte.
„Ah … ja!“ Sie schnaufte tief durch „Ich weiß nicht, ob dich das interessiert.“ „Na hör mal, sonst hätte ich nicht gefragt. Du bist meine Freundin …. Aber sorry, ich wollte nicht aufdringlich sein.“ „Nein, Nein“ beeilte sie sich „so habe ich das nicht gemeint, entschuldige.“ Sie trank einen Schluck und lehnte sich auf der Couch zurück. „Ich habe einen festen Freund, er heißt Gerhardt, wir sind seit über zwei Jahren zusammen, jetzt ist er in Glasgow.“
„Glasgow !?“
„Ja, er ist Entwicklungs- und Produktionsleiter bei einem Chiphersteller. Das ist von Haus aus schon mal ein Over-Time Job. Vor gut einem Jahr hat die Firma dann beschlossen, in Schottland eine neue Fertigungsstätte aufzuziehen …. Ja, und Gerhardt ist zum verantwortliche Leiter für dieses Projekt bestimmt worden.“ Sie atmete durch. „Das ist schon eine tolle Karrierechance. Absolut. Aber auch ein Beziehungskiller, das kann ich dir flüstern. Wir sehen uns seit einem Jahr quasi nur noch alle 4 Wochen! Martina! Einmal im Monat!“ Ich biss mir auf die Lippen, ich konnte nachfühlen, was das heißt.
„Weiß du, wöchentlich heimfliegen ist halt aufwendig und teuer natürlich auch. Die Firma bezahlt auch nur einen Flug im Monat.“ „Wie lange wird das denn noch gehen?“ wollte ich wissen, um irgendwie auch mein Mitgefühl auszudrücken. Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht“ „Und warum bist du nicht mitgegangen? Bei der Firma gäbe es doch für deine Fähigkeiten sicher Arbeit.“ „Anfangs war da nichts, das Werk wurde ja erst geplant und ist auch heute noch in Aufbau. Es soll aber Anfang übernächstes Jahr in Betrieb gehen, dann wäre da vielleicht die Möglichkeit, wenn …“ „Wenn was?“ Sie schwieg.
„Wenn ich dann überhaupt noch will!“ „Iris!“
„Na, ist doch wahr“ Sie kam den Tränen immer näher. „Weißt du wie sich das anfühlt, noch mindestens ein oder anderthalb Jahre getrennt sein, eine Fernbeziehung, alle 4 Wochen deinen Mann im Bett, der dann mit seinen Gedanken auch nicht bei dir ist …“ „Aber ihr telefoniert doch sicher häufig.“ „Immer weniger, Martina. Anfangs jeden Tag, manchmal sogar zweimal am Tag. Schnucki hin, Schnucki her. Jetzt telefonieren wir vielleicht noch zweimal in der Woche und einmal am Wochenende.“ Mir fiel nicht so recht ein, was ich sagen könnte, um sie ein wenig zu trösten. Ich hätte sie gerne in den Arm genommen, aber das traute ich mich nicht. „Das tut mir leid Iris.“
Ich nahm einen großen Schluck Wein. „Wie packst du das … Entschuldigung, äh … sexuell?“ „Du musst dich nicht entschuldigen Martina, ich bin froh, dass ich mit dir reden kann. …. Na so“, sie machte eine eindeutige Geste. „Ich hab gesunde Finger und einiges an Spielzeug !“ Sie lachte verzweifelt „Dafür brauche ich aber keinen Mann, weder hier noch in Glasgow.“ Iris leerte ihr Glas, dann blickte sie auf.
„Und wie sieht es bei dir aus?“
„Ich bin momentan solo, die letzte Beziehung hat halt nicht gehalten… kommt vor“ Mehr wollte ich nicht dazu sagen. Sie sah mich an. „Und was Neues? Du bist doch eine sehr attraktive Frau, hübsch und charmant, du musst doch an jedem Finger einen haben!“
„Naja, du träumst schon etwas ...“ „Nein, ehrlich. Ich wollte, ich würde so aussehen wie du. Sieh mich doch an! Wo was ist, sollte besser nichts sein!“ Ich lächelte. „Isis, jetzt übertreibst du aber gewaltig. Du hast eine so wunderschöne weibliche Figur, von wegen irgendwas zu viel. Ich denke die Jungs mögen das ...“ „Jaaa ..“, sie machte einen Ansatz, weiterzusprechen und konnte sich nicht so recht überwinden. „Was ist, Iris, du bist noch nicht fertig, ich sehe es dir an der Nase an.“ Sie sah mich an, dann meinte sie stockend:„Die Jungs mögen das! Stimmt. Das macht es meistens einfach.“
Ich verstand nicht. „Wie meinst du das? Meistens einfach?““
„Martina … ich geh auch fremd, ich betrüge Gerhardt ... manchmal. Ich nehme schon mal einen Kerl mit ins Bett …“
„Okayyy … was meinst du?“
„Aber nur zum vögeln, nur fürs Bett. Ich antworte manchmal auf die Anzeigen im Wochenblatt ...“
Jetzt war ich sprachlos, ich schluckte. „Iris!“
Sie stand auf. „Sorry Ich gehe jetzt. Entschuldige bitte … Vergiß das alles bitte.“ Ich hielt sie am Handgelenk fest. „Du gehst jetzt nicht. So stelle ich mir Freundschaft nicht vor. Abhauen!“ Sie setzte sich wieder, presste die Lippen zusammen und schaute betreten auf den Boden. „Ich hab das noch nie jemand erzählt, das weiß keiner. Nur du jetzt. Ich will nicht, dass es jemand erfährt. Es ist mir so peinlich.“ Sie schluchzte und setzte sich wieder.
„Ich bin doch keine Nutte, bloß abgehängt….“ Jetzt legte ich doch den Arm um sie. „Nimmst du Geld“ fragte ich überflüssigerweise. Sie schüttelte den Kopf. „Ab und zu lädt mich mal einer ein … aber das ist alles!“
Ich zog sie sanft an mich. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich kann meinen Mund halten.“ Sie sah mich mit ihren verheulten Augen dankbar an. „Aber, sag mir, Iris, warum denn Anzeigen. Das ist doch wahnsinnig gefährlich, da treibt sich doch alles Mögliche herum ….! Du hättest es doch viel leichter. Wenn du in einen Club gehst, kommst du mit 5 Typen im Schlepptau nach Hause, wenn du es darauf anlegst. Du bist doch ein hübsches Mädchen, ich würde mich als Mann sofort in dich vergucken.“
Auch als Frau … ! dachte ich.
„Danke, das ist lieb, aber leider läuft es nicht so einfach, du warst wohl schon länger nicht mehr auf der Piste… Ich will auch keinen, der sich an mich klammert, das kann ich doch nicht brauchen. Verstehst du das?“ „Ja.“ Ich hatte meinen Arm immer noch um sie gelegt und streichelte ihr Schulter ein wenig. Wir hingen eine Weile unseren Gedanken nach.
„Warum hat dich denn dein Freund verlassen?“ fragte Iris nach einer Weile.
„Freundin“ , korrigierte ich, „Meine Partnerin hat mich verlassen.“ Sie löste sich aus der Umarmung und starrte mich an.„Ach so.“ Sie schluckte. „Suchst du Ersatz? Ich kann nicht mit Frauen, wenn das deine Absicht ist ... ich bin nicht so.“
Ich rückte etwas ab. „Wie bin ich denn? War ich vielleicht vor zwei Minuten noch anders?“
„Äh .. nein, ich meine nur …“ Ich war aufgebracht. „Du meinst nur … ! Du meinst, weil ich lesbisch bin, will ich mit jeder Frau vögeln, die in meine Nähe kommt?“
„Martina!“
„Hat sich was mit Martina! Du fickst dich durch die Annoncen und unterstellst mir, dass ich nur eine fürs Bett suche, weil ich lesbisch bin. Siehst du das so?“ Manchmal konnte ich mich schön in Rage reden und ich zeterte weiter. „Vielleicht stimmt mit deinem Weltbild was nicht. Lesben wollen ja nur lecken und vögeln. Es ist wirklich besser, wenn du jetzt gehst.“
Sie stand abrupt auf. „Martina, das ist doch ...“ Sie sah mich nochmal an und verließ meine Wohnung.
So ein Mist, dachte ich und setzte mich wieder. Musste das sein? Martina warum rastest du denn so aus? Schalte doch erst mal dein Hirn ein.
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