Großmutters Ring


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Vor einigen Wochen war meine Oma verstorben.

Es kam nicht überraschend. Ihre Krankheit hatte sich lange hingestreckt und ihr Tod war letztendlich eine Erlösung für alle. Dennoch erfüllte er mich mit tiefer Trauer. Oma war für mich immer wie eine zweite Mutter gewesen. Dadurch, dass meine Mutter früh wieder ihren Beruf aufgenommen hatte, verbrachte ich als Kind mehr Zeit bei ihr, als Zuhause.

Die ganze Familie hatte sich eingefunden, um ihr Haus zu räumen. Container wurden aufgestellt, um alles Überflüssige zu entsorgen. Brauchbares reihten wir sorgfältig im großen Wohnzimmer auf. Ich hatte mich bereit erklärt, den Dachboden in Angriff zu nehmen.

Hilflos saß ich in Mitten von Kisten und überlegte, wo ich anfangen sollte. Ich öffnete den ersten Karton. Ein Lächeln überkam mich, als ich alte Puppensachen darin entdeckte. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie sie mit mir vor dem Kamin saß. An ihrer alten Puppe Helga, hatte sie mir beigebracht, wie man einen französischen Zopf flochte.

Eine Träne kullerte über meine Wange, als ich das alte Ding in meinen Händen hielt. Die langen, blonden Kunsthaare, waren zu einem sorgfältigen Zopf geflochten.

Ich verschloss den Karton wieder und schrieb mit einem Filzstift meinen Namen drauf. Es wäre zu schade, wenn diese Erinnerungen in der Müllverbrennung enden würden.

Ich arbeitete mich weiter vor. Immer wieder mühte ich mich die schmale Treppe auf und ab. Entsorgte einen Stapel Zeitschriften, uralte Schuhe und Kisten voller Hemden, die wohl noch von Opa stammten. Dazwischen kamen gelegentlich Schätze zum Vorschein, die es wert waren, sie ins Wohnzimmer zu tragen. Ein Karton voller alter Fotoalben, ein antikes Radio und sogar eine Münzsammlung, die vielleicht sogar einen gewissen Wert haben könnte.

Als ich die nächsten Kisten ins Licht schob, kam hinter ihnen ein kleines Schmuckkästchen zum Vorschein. Total verstaubt, stand es hinter den anderen Sachen in der Dachschräge. Es machte fast den Eindruck, als hätte Oma es hier versteckt.

Neugierig hielt ich es in meinen Händen und befreite es von einer dicken Schicht Staub. Es sah aus, wie selbst gebaut. Zusammengenagelt aus dünnen Holzbrettchen und mit Muscheln verziert. Ich öffnete den Deckel und betrachtete seinen Inhalt.

Hatte Oma hier etwa Erinnerungen an eine vergangene Liebe versteckt? Mit großen Augen, holte ich eine kleine, getrocknete Rose aus dem Kästchen. Sie war inzwischen fast schwarz und fühlte sich an, wie poröses Papier. Vorsichtig legte ich sie neben mich und erkundete den restlichen Inhalt. Ein Ring lag, in Watte gepolstert auf einem kleinen Buch. War das etwa ein Tagebuch?

Ich konnte kaum erwarten, einen Blick in das Buch zu werfen, doch der Ring zog mich magisch an. Er sah sehr wertvoll aus. Ein riesiger, weißer Stein war darin eingefasst. War das ein Opal? Sicher war es nur eine Nachbildung. Der Stein schimmerte im fahlen Licht des Dachbodens und beinahe erweckte er den Eindruck, als ob sich sein Inneres bewegen würde. Er war unglaublich schön. Erfüllt von Ehrfurcht, ließ ich ihn auf meinen Ringfinger gleiten.

Es überkam mich ein merkwürdiges Gefühl, als der Ring sich um meinen Finger schloss. Mir wurde plötzlich ganz heiß, als hätte jemand die Heizung aufgedreht. Es gab jedoch keine Heizung hier oben. Sicherlich nur Einbildung, dachte ich insgeheim und widmete mich dem geheimnisvollen Buch.

Das Buch war in schwarzes Leder gebunden. Ein goldenes Muster war darin eingeprägt. Es erinnerte mich an einen Film, den ich als Kind gesehen hatte: Die unendliche Geschichte. Ich schmunzelte, als ich bei den Verzierungen an das Medaillon aus dem Film denken musste. Omas Dachboden weckte so viele Kindheitserinnerungen in mir. Es war beinahe wie eine Zeitreise.

Ich öffnete das Buch und starrte auf wilde Kritzeleien. Wörter, die keinen Zusammenhang ergaben, Zahlen, Zeichnungen und Muster. Was war das? Ich hatte erhofft, Omas Tagebuch gefunden zu haben. Wie gerne hätte ich mehr aus ihrem Leben erfahren. Was ich hier in den Händen hielt, war nichts, als eine große Enttäuschung. Ich legte das Buch und die Rose zurück in das Kästchen. Den Ring behielt ich an und machte mich wieder an die Arbeit.

 

Am nächsten Tag, es war Sonntag, kam meine beste Freundin Jenni zu Besuch. Wir kannten uns schon seit dem Sandkasten und auch jetzt, wo wir mit der Schule fast fertig waren, hingen wir noch immer zusammen, wie Pech und Schwefel. Wir saßen auf meinem Bett und ich erzählte ihr, was ich ich auf dem Dachboden alles gefunden hatte.

„Wow!“, hauchte sie, als sie den Ring an meinem Finger betrachtete. „Glaubst du, der ist wertvoll?“

„Ich weiß nicht.“, gestand ich. „Aber sieht ziemlich alt aus, findest du nicht?“

Jenni streckte ihre Hand aus und berührte mit dem Finger den Opal. Ich hatte keine Ahnung was geschah, aber irgendwie setzte der Stein plötzlich eine Energiewelle frei. Ich erschrak und zog meine Hand zurück, als ein grelles Licht das ganze Zimmer überflutete. Sterne tanzten vor meinen Augen und ein Geräusch wie eine elektrische Entladung, ließ meine Ohren summen.

Als die Blitze verstummten, war es vollkommen dunkel. Obwohl es erst kurz nach Mittag war und meine Rollos nicht verschlossen, konnte ich nicht einmal die Hand vor Augen sehen.

„Mia?!“

Es war Jenni, die sich ziemlich ängstlich anhörte.

„Mia? Wo bist du? Was zur Hölle war das?!“

Es hörte sich an, als käme es vom anderen Ende des Zimmers. Sie saß doch eben noch neben mir.

„Jenni!“

„Mia!“

Ich stand vom Bett auf und tastete mich durch den Raum in die Richtung, aus der ihr Rufen kam.

„Mia, wo bist du? Mach bitte das Licht wieder an!“

Ich tastete nach dem Lichtschalter, konnte ihn aber nicht finden. Wo war die Tür? Alles war plötzlich so anders. Mein Schreibtisch war weg, genauso wie mein Kleiderschrank.

„Mia? Du machst mir Angst!“

Ihre Stimme kam näher. Vorsichtig streckte ich die Hände aus und wir fanden uns.

„Mia!“, schluchzte sie und ich hörte, dass sie weinte.

„Jenni!“

Erleichtert nahm ich sie in die Arme.

„Wieso bist du nackt?!“

Ich tastete ihren Rücken entlang. Jenni war tatsächlich nackt. Meine Hände wanderten tiefer.

„Wo ist deine Hose?“

„Ich weiß nicht? Was ist geschehen? Wieso ist es plötzlich so dunkel?“

Ich überlegte, was passiert war. Jenni hatte doch nur den Ring berührt.

„Wieso ist es hier eigentlich so warm?“

Ich hielt Jenni noch immer in den Armen. So lange wir uns nun schon kannten, konnte ich mich nicht erinnern, sie schon einmal nackt berührt zu haben. Nur beim Duschen nach dem Sportunterricht, hatte ich ihren Körper gesehen.

„Gott sei dank, bist du nicht weg. Ich hatte solche Angst.“, flüsterte sie an meinem Ohr und plötzlich fühlte ich ihre Lippen an meinem Hals.

„Was machst du da?“, fragte ich entsetzt und versuchte mich aus ihrem Griff zu befreien.

„Du riechst so gut.“

Sie hörte sich an, als wäre sie nicht bei Verstand. Wie hypnotisiert, zog sie mich wieder zu sich heran und ich fühlte ihre vollen Brüste gegen meinen Oberkörper drücken. Ihre Hände schoben sich in den Bund meiner Jeans und zogen mein T-Shirt aus der Hose.

„Bist du verrückt geworden?“

War das der Ring? Ungläubig tastete ich hinter Jenni's Rücken nach dem Ring an meiner rechten Hand. Er war noch da und er fühlte sich ganz warm an.

Jenni schob mich rückwärts durchs Zimmer, bis ich mit den Unterschenkeln an die Bettkante stieß. Ich fiel aufs Bett und Jennie auf mich. Ihr nackter Körper schob sich über mich und sie stöhnte leise. Ich hörte die Erregung in ihrer Stimme und mit gespreizten Beinen rieb sie sich an meinem Unterkörper. Ihre Scham drückte gegen meinen Venushügel und sie ließ ihr Becken kreisen, während sie mit wilden Küssen an meinem Hals saugte. Sie war völlig außer sich.

Ich packte mit einer Hand den Ring und zog ihn mir vom Finger.

Als er über meinen Knöchel in meine Hand fiel, wurde es augenblicklich wieder hell und geblendet kniff ich die Augen zusammen.

„Du solltest ihn schätzen lassen. Vielleicht kannst du ihn zu Geld machen?“

Als ich meine Augen öffnete, saß mir Jenni wieder gegenüber auf dem Bett.

Wie hatte sie sich nur so schnell wieder angezogen?

„Alles okay? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen?“, fragte sie mit besorgter Mine.

War das etwa alles nur eine Halluzination?

„Hast du das gerade auch erlebt?“

„Was meinst du?“

„Die Blitze...die Dunkelheit?“

„Ist wirklich alles okay?“

Ich sah sie verdutzt an, entschied aber nicht weiter nachzufragen. Entweder sie wusste wirklich nicht mehr, was gerade geschehen war, oder ich hatte mir alles nur eingebildet.

Aber es fühlte sich so real an.

Verwirrt saß ich auf dem Bett und hörte die Stimme von Jenni. Meine Gedanken waren jedoch ganz wo anders. Eben noch lag meine Freundin nackt auf mir und hatte mich hemmungslos geküsst.

Ich suchte eine Ausrede um sie los zu werden. Vielleicht sollte ich mir das Buch noch einmal genauer ansehen.

„Würde es dir was ausmachen, wenn wir uns ein andermal treffen? Ich glaube mir geht es nicht gut.“

„Langsam mache ich mir Sorgen um dich.“

„Es ist nichts. War nur ein anstrengender Tag gestern. Ich hab höllische Kopfschmerzen.“

„Dann Schlaf dich mal ordentlich aus.“

Sie machte sich auf, zu gehen, sah mich aber noch immer besorgt an. Sie kannte mich schließlich seit vielen Jahren und sah mir an, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Ruf mich heute Abend mal an. Ich will wissen, ob es dir besser geht.“

„Mach ich.“

„Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst.“

„Glaub mir, es ist alles in Ordnung.“

 

Meine Mutter klopfte an der Tür.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt.

„Jenni hat gemeint ich solle nach dir sehen.“

„Alles gut, Mama. Es war nur alles ein wenig viel. Ich möchte einfach etwas alleine sein.“

Sie wusste, wie sehr mich Omas Tot beschäftigte und verständnisvoll schloss sie die Türe und ließ mich allein.

Ich zog Omas Kästchen unter dem Bett hervor und nahm mir das Buch heraus. Keine Ahnung, was ich erhoffte, darin zu finden. Schließlich hatte sie nur wirres Zeug hinein gekritzelt. Als ich jedoch einen erneuten Blick auf die Seiten warf, glaubte ich kaum, meinen Augen zu trauen.

Das war gestern alles noch nicht lesbar!

Hastig blätterte ich die Seiten durch, die nun bis zum Rand gefüllt mit Text waren.

Ich zog mir die Decke bis zum Hals und begann darin zu lesen. Seite für Seite, studierte ich Omas Aufzeichnungen. Nach jedem Absatz hielt ich inne und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das kann doch nicht wirklich war sein!“

Sie hatte den Ring wohl vor langer Zeit von einem Antiquitätenhändler erworben. Seine Kräfte hatte sie, genau wie ich, durch reinen Zufall entdeckt. Über Jahre hinweg, hatte sie ausgiebig davon Gebrauch gemacht und all ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Das Buch las sich, wie eine erotische Fantasiegeschichte. Hätte ich die Wirkung nicht eben am eigenen Leib erfahren, hätte ich kein einziges Wort darin geglaubt und meine Großmutter für verrückt gehalten.

Für mich war Oma immer eine alte Frau. Hier von ihren sexuellen Erlebnissen zu lesen, war irgendwie befremdlich. Sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, ihren Nutzen aus dem Ring zu ziehen, allerdings schien sie ebenso wenig zu wissen, welche Macht dafür verantwortlich war, wie ich.

Sie hatte sogar den Antiquitätenhändler aufsuchen wollen, um mehr über seine Herkunft zu erfahren, doch dieser war nicht mehr auffindbar. Irgendwann hatte sie sich einfach damit abgefunden, dass es Dinge im Leben gab, die nicht erklärlich waren.

Ich legte das Buch zur Seite, drehte mich auf den Rücken und hielt den Ring in die Höhe.

Es kam mir vor, als wäre ich Teil einer Fantasiegeschichte, die ich selbst gestalten könne. Ich besaß einen Ring, der seinem Träger eine unglaubliche Macht verlieh. Jeder der den Opal berührte, würde mir nackt gegenüber stehen und mir augenblicklich verfallen. Bis zu dem Moment, an dem ich den Ring wieder abnehmen würde. Danach sollte alles so sein, wie zuvor. Niemand, außer dem Träger selbst, konnte sich daran erinnern, was geschehen war. Einen einzigen Nachteil schien das ganze allerdings zu haben: Die Dunkelheit. Alles was im Zauber des Rings geschah, passierte in völliger Finsternis, fast wie eine Parallelwelt. Ich würde also nie meinen süßen Lehrer, Herr Zimt nackt zu Gesicht bekommen, lachte ich. Aber was bedeutete das schon, wenn man viel mehr bekommen konnte!

Ich dachte an Oma und über das, was sie geschrieben hatte. Sie liebte jahrelang einen anderen Mann. Eine einseitige Liebe, wie sich herausstellte. Der Ring ermöglichte ihr, wieder und wieder, seine Liebe zu erfahren, doch leider konnte sich der Mann nie daran erinnern. Letztendlich hatte sie ihn aufgegeben und Opa kennengelernt. Seit diesem Tag, lag der Ring in diesem kleinen Kästchen. Der Ring hatte eine Macht, die mit Vorsicht zu genießen war.

Ich wiederholte den letzten Satz ihres Buches und die Stimme meiner Großmutter hallte in meinem Kopf.

„Wahre Liebe kann dir der Ring nicht geben.“

Aber was soll's? Ich malte mir gerade die unglaublichsten Fantasien in meinen Gedanken aus.

 

-------------------- Fortsetzung folgt ---------------------------

 


Kommentare

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qwertzu77 schrieb am 31.10.2019 um 17:25 Uhr

Interessanter Anfang...

kah299887 schrieb am 01.11.2019 um 10:26 Uhr

Liest sich wie gewohnt interessant und sehr fantasievoll.

Ich hoffe nur das Du Deine andere Geschichte dadurch nicht vernachlässigst.