Meine Rolle als nackte Statistin


ulrikeb

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01.12.2013
CMNF

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In meiner letzten Geschichte habe ich euch erzählt, wie ich dazu gekommen bin als Aktmodell für Kunstkurse zu arbeiten und dass ich gefragt wurde, ob ich als Statistin in unserem Stadttheater ein Aktmodell darstellen würde.

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken nackt vor der ganzen Stadt auf der Bühne zu stehen. Ich würde zwar im Hintergrund agieren aber trotzdem könnten mich alle sehen - Nachbarn, Freunde, Kollegen … sie brauchten sich nur eine Eintrittskarte zu kaufen.

Mein Mann fand die Idee toll. Er drängte mich geradezu den Job anzunehmen. Ich glaube er war stolz auf mich und die Vorstellung, dass ich nackt auf der Bühne stehen sollte macht ihn auch etwas an.

Nach ein paar Tagen mit vielen Diskussionen und nach langem Überlegen habe ich dem Theater zugesagt.

Dann wurde ich zu einer Besprechung mit der Regisseurin und der Komparsenbetreuerin gebeten. Ich dachte, dass Einzelheiten besprochen werden sollten. Aber es kam anders. Die beiden erklärten mir, dass das Aktmodell in dem Stück durch die Schauspielerin dargestellt wird, die auch die Geliebte und die Muse des Malers spielt.
Ehrlichgesagt war ich nicht böse und sogar etwas erleichtert. Doch mir wurde sofort eine Alternative angeboten.

Nach der Sommerpause sollte die französische Oper „Pelléas und Mélisande“ von Debussy aufgeführt werden. Zum Ende der Oper stirbt Mélisande und ich sollte den Tod in der Szene spielen. Dieser wird in Frankreich als nackte Frau dargestellt. Dass bedeutete für mich langsam aus dem Bühnen Hintergrund zu kommen und während der gesamten Sterbescene nackt neben der sterbenden Mélisande zu stehen und sie anschließend von der Bühne zu führen. Also viel öffentlicher zu agieren als bei der Darstellung des Aktmodells. Die Regisseurin meinte, dass es kaum einen Unterschied zu der ursprünglich geplanten Rolle wäre und es doch sicher kein Problem für mich sei. Ich wollte oder konnte nicht kneifen und sagte zu.

Zuhause wurde mir erst klar was da auf mich zukam. 16 Vorstellungen waren geplant und ich würde in jeder splitternackt mitten auf der Bühnen stehen. Bei dem Gedanken wurde mir schlecht. Mein Mann war begeistert und bestärkte mich. Er besorgte sich sogar eine Karte für die Premiere. Aber bis dahin verging noch viel Zeit und es waren noch jede Menge Proben notwendig.

Der Reihe nach:

Die Proben begannen einige Wochen vor der Premiere. Es wurde zunächst zwei bis dreimal pro Woche geprobt. Kurz vor der Premiere täglich. Zunächst ohne Kostüm also mit normaler Kleidung. Dabei lernte ich auch die Schauspieler kennen. Insgesamt herrschte eine lockere und angenehme Atmosphäre und ich ging gerne zu den Proben. Alles war völlig seriös – Theater eben.

Dann kam die erste Kostümprobe. Die Regisseurin war sehr behutsam und hatte vorher schon ein paar Mal mit mir über die Szene gesprochen.

Nun war es soweit. Ich musste mich das erste Mal ausziehen. Bei der Probe hatte ich das Gefühl, dass viel mehr Leute als sonst dabei waren. In der Garderobe zog ich mich also aus. Eine Maskenbildnerin puderte mich am ganzen Körper, damit ich im Scheinwerferlicht nicht glänzte. Nun ging ich mit einem Bademantel bekleidet zur Probenbühne. Hier musste ich diesen nun auch ablegen und völlig nackt zur Bühnenmitte zu den beiden dort agierenden Sängern gehen. Die Szene wurde noch mehrmals geprobt und ich gewöhnte mich langsam daran nackt zu sein. Es dauerte eine ganze Weile, bis das Licht stimmte und alles zur Zufriedenheit der Regisseurin war. Insgesamt war meine erste Nacktprobe gar nicht so schlimm wie befürchtet. Und es beruhigte mich, dass man von der Bühne kaum Einzelheiten im Zuschauerraum erkennen.

Dann kam der Hammer. Der Vorverkauf der Eintrittskarten lief noch nicht gut und sollte angekurbelt werden. Deshalb wurde zu der nächsten Probe die Lokalzeitung eingeladen um über das Stück zu berichten. Was sollte ich machen, wenn sie ausgerechnet über meinen Nacktauftritt schreiben und vielleicht sogar Fotos machen wollten?

Also wieder Diskussionen in der Familie. Gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass es letztlich keinen großen Unterschied macht, ob ich nur nackt auf der Bühne stehe oder wenn zusätzlich in der Zeitung darüber berichtet würde. Nach der Premiere wäre es sowieso Thema in der Presse.

Ein Reporter und ein Fotograf kamen zur nächsten Probe und fanden die Nacktszene so interessant, dass diese natürlich einen großen Raum in dem Bericht einnehmen sollte. Fotos wurden so aufgenommen, dass meine Blößen nicht zu sehen waren.

Dann machte der Reporter ein Interview mit mir. Motto: „Eine mutige Frau aus unserer Stadt tritt nackt im Theater auf“. Er fragte, wie ich dazu gekommen bin, was meine Familie dazu sagt, wie meine Umwelt reagiert, ob es mir nicht peinlich sei und und und…

In der Wochendausgabe erschien der Bericht. Fast eine ganze Seite unter der Rubrik „Lokale Kultur“. In dem Interview war auch mein Name abgedruckt und es wurde vollständig wiedergegeben. Auch die Regisseurin hatte ein Interview gegeben und darin die Nacktszene begründet. Die Bilder zeigten mich zwar nackt, aber das Wichtigste war wirklich verdeckt.
Es dauerte nicht lange und die ersten Leute, die mich kennen, riefen bei mir an. Die meisten Reaktionen waren sehr positiv. Viele wollten sich auch Eintrittskarten kaufen. Auch beim Einkaufen wurde ich angesprochen. Mir war das alles eher unangenehm.

Dann kam der Tag der Premiere- ein Samstag. Die Vorstellung war ausverkauft. Die Werbung hatte den gewünschten Erfolg gebracht. Ich hatte die ganze Nacht vorher kaum geschlafen und war furchtbar aufgeregt. Mein Mann fuhr mich rechtzeitig zum Theater. Er selbst hatte ja eine Eintrittskarte. Nach der Vorstellung wollten wir gemeinsam an der Premierenfeier teilnehmen.

Als wir am Theater ankamen trafen auch schon die ersten Besucher ein. Wir ging an ihnen vorbei zum Bühneneingang. Sie ahnten ja nicht, dass sie mich gleich nackt auf der Bühnen sehen würden. Mein Mann verabschiedete sich und wünschte mir toi toi toi.

In der Garderobe zog ich mich aus und wurde wieder von der Maskenbildnerin gepudert. Die Zeit bis zu meinem Auftritt dauerte eine ganze Ewigkeit und ich wurde immer nervöser. Dann war es soweit.

Splitternackt ging ich hinter die Bühne. Mein Herz schlug extrem. Dann kam das Zeichen für mich auf die Bühnen zu gehen. Unendlich langsam, wie geprobt, schritt ich zu den beiden Sängern. Ein Raunen kam aus dem Zuschauerraum. Von der Bühnen aus konnte ich zwar keine Personen erkennen aber mir war klar, dass dort etwa 1.500 Menschen sitzen, die mich jetzt alle sehen können. Bei dem Gedanken daran raste mein Herz noch schneller und mir wurde fast schlecht.

Gefühlt war ich eine ganze Stunde auf der Bühne, bis ich endlich mit Mélisande abtreten konnte. Tatsächlich waren es aber nur ein paar Minuten. Als wir von der Bühne gingen bekamen wir Szenenapplaus.

Ich lief regelrecht zur Garderobe, atmete erst mal tief durch und zog mich wieder an. Langsam wurde ich wieder ruhiger.

Nach der Vorstellung holte ich meinen Mann am Bühneneingang zur Premierenfeier ab. Er war restlos begeistert und sehr sehr stolz auf mich. Auch von den Schauspielern und Gästen bekam ich viel Lob und Anerkennung für meinen Mut. Die Feier dauerte bis zum Morgen. Was danach noch bei uns im Schlafzimmer stattfand will ich hier nicht näher beschreiben. Es war einfach super.

Am Montag stand die Kritik in der Zeitung. Sie war sehr positiv ausgefallen. Mein Auftritt wurde als Dramaturgisch begründet beschrieben und mein Mut herausgestellt.
In der folgenden Zeit wurde ich öfter von Leuten, die mich gesehen hatten, angesprochen. Dies war mir schon etwas peinlich.

In den folgenden 15 Vorstellungen wurde ich immer sicherer und genoss schließlich die Auftritte. Es machte mir nichts mehr aus nackt auf der Bühne zu stehen. Im Gegenteil – jeder Auftritt erregte mich sogar. Nach der letzten Vorstellung fehlte mir beinahe etwas.


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