Die Akt-Sitzung geht weiter


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11.09.2010
Kunst

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Andreas knallt mir eine medizinische Backpfeife rein, die mich wieder zurück in die Realität holt, zieht mich vom Podest und sagt zu den Teilnehmern seines Aktkurses: „Schluss für heute. Leute, ich bitte euch inständig: erzählt das bloß nicht herum, was hier passiert ist, sonst bin ich meine VHS-Zulassung los.“

Und leise zu mir: „Komm, Jonny, du brauchst jetzt was Anständiges zwischen die Rippen.“ Ich denke noch: Zwischen die Rippen? Na, übertreibe mal nicht gleich so schamlos, Andreas. So einen Langen Kerl hast du ganz bestimmt nicht. Diese Männer! Jeder ein geborener Gebrauchtwagenverkäufer. Viel Schein statt Sein. Oder was hat der denn sonst gemeint? Essen gehen?

 

Aus den Reihen der Teilnehmer erhebt sich Protest. „Es ist noch mindestens eine Stunde Zeit. Wir haben schließlich unseren Beitrag bezahlt und wir legen auch gerne noch etwas drauf, wenn es sein muss. Aber wir haben kein Problem mit Johanna, ganz im Gegenteil.“ Helmut macht den Wortführer.

Sein Platznachbar Martin pflichtet ihm bei: „Genau, wir haben kein Problem damit. Aber du, Andreas könntest ein Problem kriegen, wenn du uns hier so einfach vor der Zeit an die Luft setzten willst. Ich möchte sogar vorschlagen, dass wir heute mal ausnahmsweise den Kurs um eine Stunde verlängern, weil wir ja schließlich heute fast eine Viertelstunde auf das Modell warten mussten.

Nichts gegen dich, Johanna, Frauen dürfen das, aber der Kurs dauert nun mal 2 Stunden.“

Auch unser Jüngster, der Mike, schließt sich dem Protest an:

„Ja, genau. zwei Stunden länger heute, das wäre gut. Ich brauche noch viel Zeit. Bin noch lange nicht fertig, da fehlen noch der Kopf, die Arme und die Beine.“

Ich denke: Aha, aber Möse und Titten hast du schon drauf auf deinem Blatt. Wo soll denn da der Rest noch hinpassen?

 

Andreas ist verunsichert. Ich merke, dass ihm der Abendkurs sehr am Herzen liegt und dass er es sich mit den Teilnehmern nicht verderben will. Aber mich kennt er eben noch zu wenig. Oder im Gegenteil, in einigen Dingen kennt er mich zu gut. Ich kann ihm ansehen, dass er jetzt befürchtet, ich würde so was ähnliches, wie meine Küchen-Show hier noch einmal aufführen. Das würde so gar nicht zu einem seriösen VHS-Mal- und Zeichenkurs passen. Wenn sich das herum spricht… Andreas sucht nach einem Kompromiss.

 

„Also gut, einverstanden, aber ich muss euch zuvor einiges erklären, was Johanna und den heutigen Tag betrifft. Ihr habt es ja selbst bemerkt, dass Johanna heute hier, na sagen wir mal, ziemlich aufgekratzt agiert und schnell mal dabei die althergebrachte Grundegel der akademischen Aktmalerei verletzt: Emotionen, Gefühle und gar Sex  haben draußen zu bleiben. Andererseits ist aber heute für sie ein ganz besonderer Tag: Sie hat heute zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Hemmungen und Vorurteile zusammen mit ihrer Bekleidung vor einem fremden Menschen abgelegt. Ihr seid ebenfalls die erste Gruppe für sie vorerst fremder Menschen, denen sie sich ohne Furcht und Scham nackt gezeigt hat. Jeder hier wird wohl ahnen können, was ihr dieser Schritt an Mut abverlangt hat.“

 

„Eh. Mann, toll! Und ich dachte, du bist Vollprofi, Johanna.“ ruft Mike begeistert. Das geht aber fast unter in einem spontanen Beifall. Jetzt werde ich zum zweiten Mal an diesem Tage knallrot. Vor Verlegenheit. Dann bin ich einfach stolz.

Auch die vier Frauen haben mit Beifall geklatscht. Sogar die schmale langhaarige rabenschwarze Grit, die vorhin noch so empört über meine offenherzige Beckenboden-Gymnastik war. Ihre dunklen Augen glühen ganz seltsam. Was hat die denn plötzlich? Sie saß immer ziemlich weit entfernt vom Podest und hat immer so aufgeregt zu mir hingesehen.

Wenn sie meine Nacktheit empört, warum besucht sie dann einen Aktkurs? Oder ist sie neidisch auf meine Figur? Nein. Sie ist zwar sehr zierlich und schlank, aber sie hat schöne betont weibliche Formen, soweit man das in dem weiten dünnen, von vorn geknöpften Kleid erkennen kann. Und sie hat sehr schöne große schwarze Augen. Ihr Haar glänzt fast bläulich. Ihre Nase ist lang, schmal und spitz. Ich nenne sie einfach Prinzessin Blauhaar.

 

Andreas hat inzwischen weitergesprochen:

„Also, für heute soll dann folgendes gelten: Ich kann meinerseits nicht für das Verhalten und die Emotionen von Johanna garantieren. Ich überlasse sie eurer Toleranz und eurem Verständnis. Ich möchte Johanna jedenfalls diesen besonderen Tag nicht gleich wieder durch Verbote und Einschränkungen verderben. Sie möchte ihre neue Freiheit heute in vollen Zügen genießen. Und das soll sie auch dürfen. Im Gegenzug kann heute jeder ohne Tabus und ohne Hemmungen fragen und sagen, was er meint und was er möchte. Geistige Freizügigkeit für alle. Bestimmte Wünsche an das Modell können erfüllt werden, wenn das Modell, also Johanna damit einverstanden ist. Anfassen bleibt aber verboten. Seid ihr damit einverstanden? Zuerst du, Johanna.“

 

„Ja, ja, ja, ich bin einverstanden.“ Und ich umarme ihn gleich mal, drücke meine nackten Brüste an ihn ran und gebe ihm einen Kuss.

„Danke, Andreas, das hast du schön gesagt.“

Auch die anderen sind einverstanden. Jedenfalls hat keiner was dagegen gesagt. Also ist es beschlossen. Andreas möchte sich wohl doch noch gegen jede Eventualität absichern. Deshalb wendet er sich direkt an die Frauen, speziell an Gertrud:

„Gertrud, was meinst du? Ich möchte wirklich nicht, dass es hier irgendwie eine Missstimmung gibt. Bist du, seid ihr auch einverstanden oder geht euch das vielleicht doch zu weit?“

Gertrud lacht halb, als sie sagt:

„Ach, Andreas, Jungchen. Was habt ihr Männer denn bloß für verschrobene Vorstellungen von uns Frauen? Du würdest dich wundern und manch einer von den Kerlen hier vielleicht noch viel mehr. Weißt du, dass ich früher, in meinen jungen wilden Zeiten selber Aktmodell gestanden bin? Und auch heute noch. Wir haben es faustdick hinter den Ohren. Die Frauen von unserer Wandergruppe haben sogar einen Aktfotokalender von sich machen lassen und da war ich begeistert dabei, das kannst du wissen. Wir haben nämlich auch noch unsere Schönheiten, wenn man auch vor manches Teil mal einen Blumentopf hinstellen musste. Nein, mir gefällt die Idee sehr gut. Da kann ich mir mal die Dichterlesung „Erotische Geschichten für das reifere Alter“ sparen. Da ist ja zurzeit fast gar nix mehr los.“

 

Alle lachen mit und über Gertrud. Also machen wir weiter. Auch ich. Den Stuhl hatte ich ja vom Podest gestoßen. Also greife ich mir eines von den Schaumgummikissen, die überall auf den Stühlen liegen und setze mich darauf. Oben auf dem Podest natürlich. Da gehe ich in den Schneidersitz, mache mein Joga und meine Beckenboden-Gymnastik  und erwarte die Wünsche der Kursteilnehmer. Es herrscht wieder Stille. Manche fangen an zu Zeichnen, andere sind unschlüssig und warten ab, was da noch kommt. Sie können mit der neuen Freiheit noch nichts Rechtes anfangen. Aber sie sind alle näher an mich ran gerückt. Martin bricht das Schweigen:

„Was war denn eigentlich los mit diesem Björn? Warum ist  der denn so plötzlich abgehauen? Oder hast du ihn rausgeschmissen, Andreas?“

 

Damit hat wieder mal einer den Stein ins Rollen gebracht.

Andreas sagt nur so beiläufig:

„Och, nichts Besonderes. Er hat mir gesagt, dass er den Anblick und den Geruch von Weiberschnecken auf den Tod nicht ertragen könne und dass er die Vulva, die Brüste und den Hintern von Johanna außerdem abstoßend, abnormal und hässlich findet. Er ist eben schwul und hatte ein männliches Modell erwartet“.

 

Ein anfängliches Murren und Grummeln steigert sich schnell zum lauten Protest. „So ein unverschämtes Schwein! Bei aller Toleranz, das geht aber zu weit!“ Mike ruft schwärmerisch aus: „Johannas Muschi ist die schönste, die ich je gesehen habe!“ Und Helmut fragt scherzhaft nach: „Von wie vielen denn, Mike?“

 

Andreas beschwichtigt. „Bitte keine Exzesse. So was gibt es eben und er hatte sich leider irrtümlich hierher verirrt. Er ist kein schlechter Mensch, er tickt eben nur anders. Aber es muss doch einen Grund haben, dass es manche Menschen tatsächlich so empfinden. Warum denn? Fragen wir doch einfach mal die Eigentümerin, was sie dazu meint. Johanna, findest du irgendwas an dir hässlich? Und speziell, wie findest du deine Vulva?“

Aha, denke ich. Jetzt beginnt der freie Gedankenaustausch. Die erwarten jetzt von mir eine ehrliche Antwort. Möglichst begründet. Also anschaulich. Und das Anschauungsmaterial habe ich dabei, zufällig. Jetzt geht es  ans Eingemachte. Da stelle ich mich doch erst mal hin, damit ich einen Überblick habe.

Ich fange also mal oben an. Meine Haare: hüftlange aschblonde Wellenlocken mit hellblonden und braunen Strähnen darin.

Ich breite sie mit meinen beiden Händen zum Schleier aus und sage: „Die sind schön, na manchmal, wenigstens.“

Meine Augen. Ich kann sie zwar jetzt nicht sehen, aber ich weiß, dass sie stahlblau sind, mit langen Naturwimpern. Ich zeige mit je zwei Zeigefingern darauf. „Schön.“ Kommt es im Chor. Im drehe mich um meine Körperachse herum und klatsche mir dabei auf die Pobacken. „Schööööön.“ Sagt der Chor. Ich nicke dazu bestätigend, obwohl ich sie gar nicht sehen kann, nur fühlen. Ich streiche mir über den linken und den rechten Arm. „Schön.“

Ich hebe meine runden mittelgroßen Brüste mit beiden Händen hoch und lasse sie wippen und rollen. Ich drücke mir mit zwei Fingern die nach oben stehenden Nippel ein und lasse sie wieder herauspoppen. „Wunderschööön!“ meldet der Chor. Ich bücke mich und streiche mit den Händen von den Füßen an aufwärts die Beine hoch. An den Unterschenkeln fühle ich ein paar weiche Blondhärchen, aber die sieht man kaum. Die Oberschenkel sind rund und glatt. „Schön.“

Ich mache mir O-Beine, drücke die Knie weit nach außen und den Bauch nach vorn. meine Hüftknochen sind jetzt die vordersten Punkte, meine Schamlippen die zweitvordersten. Aber bevor noch jemand „Schöön!“ rufen kann, mache ich damit das Gleiche, was vor gut einer Stunde Andreas damit gemacht hatte. Ich greife mir in die Schamlippen und ziehe meine Möse zum Vulkankrater auseinander. Das „Schö…“ bleibt Mike und noch jemandem im Halse stecken. Mike starrt auf diese Erscheinung, als hätte er den aufgerissenen Rachen des bösen Wolfs gesehen. Der arme Mike. Die älteren Männer werden rot und grinsen leicht verlegen.

Ich sage: „Nö, schön finde ich das ja nun gerade nicht.“ Die Frauen kichern. Gertrud sagt: „Aber unentbehrlich. Ja, nutze die Zeit, Mädel, solange die Männer noch „schön“ sagen. Leider ist das nur immer viel zu schnell vorbei.“

 

Helmut will sich aber noch immer nicht geschlagen geben.

„Und dennoch, ich bin jetzt fast 50 Jahre alt und mich fasziniert das Ding immer noch und immer wieder. Ich bin manchmal ganz verrückt danach. Auch wenn „schön“ und „hässlich“ nicht gerade die richtigen Kategorien von Eigenschaften dafür sind. Ich käme mir echt verarscht vor, wenn ein weibliches Aktmodell hier in Höschen herumsitzen würde. Auch dann, wenn du es wärest, Gertrud. Ich hätte dann immer das Gefühl, dass mir was Wesentliches vorenthalten wird. Also, was ist es denn dann?“

 

„Ich muss mal auf Toilette, bin gleich wieder da.“ Sagt Mike und macht sich dünne. Er hatte gerade noch einmal bei mir nachgesehen, ob der böse Wolf sein gefräßiges Maul wieder zu gemacht hat und ihn nicht mehr fressen will. Dann hat er zufrieden und glücklich die Augen verdreht.

 

„Vielleicht ist es mystisch. So, wie zum Beispiel der heilige Gral.“ meint Holger, der, den ich zuerst begrüßt hatte. Der Taubenfreund.

„Alle suchen danach. Von einem unergründlichen Gesetz getrieben. Man weiß nicht mal, was es eigentlich ist, ein Kelch, eine geheimnisvolle Höhle, ein Wunderschloss oder ein Jungbrunnen. Wenn man es dann endlich gefunden hat, geht man entweder daran zugrunde oder man weiß nichts damit anzufangen und sucht den nächsten Gral ganz anderswo.“

 

Ich liege breitbeinig auf dem Rücken und kämpfe schon wieder mit dem Lachen. Der heilige Gral. In meiner Möse? Wie geil ist das denn?

 

Auch Martin muss seinen Senf dazugeben:

„Genau, der Heilige Gral, eine geheimnisvolle Höhle. Und dann wie Ritter Gawein, mit eingelegter Lanze nichts wie rein. Der ist ja dann auch daran gestorben. Wie das Männchen der Schwarzen Witwe. Erst ist er darin erstarrt und dann zu Staub zerfallen“

 

„Och, der Arme.“ sage ich, „na wenigstens ist er vorher noch darin erstarrt.“  Jetzt fangen die Weiber hinten gewaltig an zu kichern. Die Prinzessin Blauhaar begibt sich mit ziemlich rotem Kopf  ebenfalls auf die Toilette. Irgendwie ist das ansteckend. Ich muss auch mal.

Es ist eine gemischte Toilette, aber sie hat zwei Kabinen. In der Tür begegne ich Mike. Die Tür ist eng und er muss sich an mir, der nackten Johanna vorbeiquetschen. Er ist viel zu überrascht, um einfach auszuweichen, vielleicht will er das aber auch gar nicht. Ich gehe also mal bei ihm mit der Hand auf Tuchfühlung. Sein Ritter Gawein ist nicht mehr erstarrt, aber auch nicht gerade zu Staub zerfallen. Er wird bald wieder auferstehen. Jedenfalls beginnt er sich schon wieder aufzuraffen.

Tapferer Ritter. Du wirst deinen Gral schon finden. Hoffentlich staubfrei. Aber die Kabine werde ich vorher erst mal überprüfen und mit Papier auslegen müssen. Vorsicht, kleine Gralsritter! Gritters?

 

Grit, die blauhaarige Prinzessin muss noch hier sein. Also frage ich aus meiner Kabine aufs Gradewohl: „Grit, bist du auch hier?“ „Ja.“ Kommt es zurück. „Du, sag doch mal, hast du was gegen mich? Du schaust mich immer so seltsam an, mit diesem Blick. Da wird mir ja ganz komisch. Was ist denn los mit dir? Findest du mich wirklich so unmöglich?“

 

Ihre Antwort braucht ein Weilchen. Dann sprudelt es aus ihr heraus:

„Ich soll was gegen dich haben? Wie kommst du bloß darauf? Ganz im Gegenteil, ich bewundere dich. Ich beneide dich. Weißt du, ich wollte mich schon lange einmal hier als Modell bewerben. Habe immer wieder Anlauf genommen und stand bei Andreas vor der Tür. Aber getraut habe ich mich nie. Bin immer wieder weggegangen. Wie ist das denn? Wie fühlst du dich dabei? Bei mir prickelt es schon wie verrückt, wenn ich dich nur sehe, wie locker du das machst und wie dich alle ansehen und bewundern. Ich glaube, ich kann das nicht. So locker wie heute war es auch noch nie. Wenn mal hier ein nackter Mann Modell steht und auch noch gut aussieht, dann kriege ich richtig Pickel vor Aufregung. Wenn ich das so könnte, wie du, dann würde ich mich auch trauen, ihn anzusprechen und so weiter, du weißt schon. Der Martin zum Beispiel, der steht hier auch manchmal Modell. Da gehe ich immer mittwochs hin. Ich habe auch schon mal ganz vorn, direkt bei ihm gesessen. Ich hatte mir extra dazu ein Kleid  mit sehr großem Ausschnitt angezogen und keinen BH darunter. Aber der Martin hat mich dann gebeten, mich weiter nach hinten zu setzen, weil er sonst Probleme kriegt. Seitdem lächelt er mich immer so nett an, wenn er mich sieht.“

 

Jetzt bin ich aber erleichtert und gleichzeitig verwundert. Darauf wäre ich bei Grit ja nie gekommen. Wächst mir da eine Konkurrenz heran? Oder könnte es eine gute Freundin werden. Sie hat es auf den Martin abgesehen. Ich entscheide mich für Freundin.

„Weißt du was, Grit? Wenn du das wirklich willst, dann wäre doch heute der beste Tag, die beste Zeit und der beste Ort dafür. Die Stimmung ist gut und locker, du bist nicht ganz alleine hier nackt und der Martin, der ist auch hier. Was meinst du, willst du es nicht versuchen? Lass doch deine Sachen einfach hier oder packe sie in einen Beutel und spaziere ganz einfach nackig oben rein, als wenn nichts wäre. Da wird bestimmt niemand was dagegen haben. Ich auch nicht.“

 

„Meinst du wirklich? Oh, Mensch, wäre das schön, wenn ich mir das trauen würde. Gut, ich überlege es mir. Gehe du mal lieber wieder hoch, sie werden schon auf dich warten. Ich komme nach, ja?“

 

„Aber ohne Klamotten!“ hake ich noch nach und gehe wieder an meinen Arbeitsplatz. Ob sie sich überwinden kann? Einfach wird es nicht für sie werden, weil sie schon so oft gezögert und abgebrochen hat. Das verfestigt die Angst. Da wachsen die Hemmungen. Das kenne ich vom Zahnarzt.

Oben im Dachatelier hat Andreas das Ruder wieder in die Hand genommen. Es soll jetzt ernsthaft zur Sache gehen.

Auf dem Podest liegt jetzt eine Matratze mit einem Laken darüber.

Andreas sagt: „ Du hast jetzt gleich den schönsten Job von allen hier, Johanna, du sollst dich schlafen legen, einfach so, wie du es immer machst. Ist ein Wunsch von Helmut.“

 

Nichts leichter als das. Ich klettere also auf die Matratze und rolle mich ein, wie ein Igel. So schlafe ich fast immer. Die Oberschenkel an den Bauch gezogen, die Hände auf den Kniescheiben und die Nase dazwischen. Ich richte mich so ein, dass ich zwischen den Knien hindurch die Tür im Auge behalte. Ich will den Auftritt von Grit ja schließlich nicht verpassen. Von einer Seite sieht man jetzt nur noch meine Haarflut und meine Knie mit Schienbeinen. Von der anderen Seite sieht man meinen Rücken, meine Pobacken und dazwischen zwei runde Partywürstchen mit einem Schlitz dazwischen und natürlich mein Poloch. Mostrich sollte nicht dran sein. Ich war ja gerade auf dem Klo und habe alles noch mal  kontrolliert. So gefällt es mir.

 

Die Frauen finden, dass ich jetzt aussehe, wie ein großes Baby ohne Schnuller oder wie ein Osterei und sie finden das sehr interessant. Die Männer auf  der Kopf- und Haar-Seite wechseln die Position und interessieren sich mehr für meine Partywürstchen. Verfressen, wie sie nun mal sind. Dadurch wird der Blick zur Tür für mich ganz frei und auch ich bin zufrieden.

 

Grit ist nicht zu sehen. Wo bleibt die nur? 12 Minuten sind schon vorbei, seit wir uns abgesprochen hatten. Ich zweifle an ihrem Mut.

 

Ich kann ja jetzt noch nicht wissen, was sie mir dann eine Stunde später erzählen wird:

Sie hatte geübt, um sich erst langsam an das Gefühl zu gewöhnen. In der Toilette hatte sie sich ausgezogen und war ganz vorsichtig  und pudelnackt ins Treppenhaus hinaus gegangen. Dann die Treppe hoch zum Atelier. Vor der Tür hatte sie dann aber gezögert, und ist den ganzen Treppenabsatz wieder zurück bis zur Toilette gegangen.

Gerade da kam aber der Holger von oben aus dem Atelier zur Toilette und sie ist die Treppe weiter nach unten geflüchtet. Nackt und mit Herzrasen und Nervenflattern. Einen ganzen Treppenabsatz tiefer. An der nächsten Wohnungstür hörte sie Stimmen. Es schien so, als wolle jemand von innen die Tür öffnen. Was nun? Nach oben konnte sie nicht, also weiter nach unten.

Noch einen Treppenabsatz, 1. Etage. Da kamen aber wirklich Schritte und Stimmen von unten und sie saß in der Falle. Zum Glück fand sie im letzten Moment noch eine offene Toilettentür auf halber Treppe und schlüpfte hinein. Als endlich alles ruhig schien, öffnete sie die Tür und stand plötzlich einem älteren Herrn im Blaumann gegenüber. Sie ist vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen. Aber der ältere Herr hat sie nur ganz nett angesehen und gefragt: „Oh, junge Frau, ist etwa die Doppeltoilette oben beim Andreas kaputt? Das tut mir aber leid. Ich werde das gleich mal überprüfen, ich bin hier nämlich der Hausmeister, wissen Sie.“ Und dann sagte er noch: „Ein sehr hübsches Modell hat der Andreas aber heute wieder. Ich muss mich wohl doch mal bei ihm anmelden.“ Dann hat er die Grit von oben bis unten angesehen und bewundert und sagte:

„Wenn Sie möchten, kann ich das auch gleich in Ordnung bringen, dann komme ich doch einfach gleich mit Ihnen mit nach oben und sie können mir den Schaden selber zeigen.“

Der Grit war das aber dann doch zu suspekt und sie hat nur gestottert:

„Äh, äh, nein, nein. Ich habe noch was im Auto vergessen, ich, ich muss da noch mal hin.“

Der Hausmeister hat nur genickt und sagte: „Na, wie Sie wollen. Diese Jugend heute. Immer alles so schnell, schnell und keine Zeit mehr, sich was überzuziehen.“ Dann ging er kopfschüttelnd die Treppe hoch.

Grit stand wie vom Donner gerührt und war auch gleichzeitig unendlich erleichtert und befreit von ihrer größten Angst.

So einfach und so selbstverständlich ist das? Wirklich? Sie wollte es fast nicht glauben. Doch dann packte sie gleich aufs Neue der Schreck.

Was habe ich dem Hausmeister da gerade eben gesagt? Dass ich zu meinem Auto muss? So? Bin ich denn wahnsinnig? Mein Auto steht doch da draußen auf der anderen Straßenseite. Und was, wenn der mich jetzt aus dem Fenster oben beobachtet? Dann bin ich ja eine peinliche Lügnerin. Was jetzt?

Irgendwie hat sie sich aber auch durch die Begegnung plötzlich so frei gefühlt und ihren Körper durchlief eine warme Welle von Blut, dass sie in sich die brennende Sucht verspürte, dieses Gefühl immer noch zu steigern und möglichst lange zu verspüren. Sie wurde plötzlich mutiger, als sie es sich in ihren verrücktesten Träumen jemals zugetraut hätte und sagte sich: „Na los, Grit. Packe es an! Jetzt oder nie.“

Noch 2 Treppenabsätze bis nach unten. Diesmal aber nicht schüchtern, ängstlich und mit eingezogenen Schultern, sondern stolz und aufrecht mit freier Brust und freien Bauch und locker pendelnden Armen. Ganz normal.  Da kam dann auch schon die zweite Begegnung auf sie zu.

Ein Paar,  Anfang 30. Grit kam von oben auf leisen nackten Sohlen und die beiden sahen sie erst, als Grit vorsichtig sagte: „Guten Abend.“

Die Frau erschrak erst mal und schimpfte: „Huch! So was aber auch, muss das denn immer wieder sein?“  der Mann schmunzelte genießerisch, betrachtete Grit ungeniert von hinten und beschwichtigte: „Lass sie doch, Marianne, sieht doch wirklich gut aus, das musst du schon zugeben. Wahrscheinlich malen sie heute im Hinterhof und die Toilette ist nun mal da oben. Da kann man sich doch nicht immer erst was anziehen, das gibt doch dann Streifen auf der Haut und sieht nicht mehr ganz so gut aus. Hast du den süßen schwarzen Schamhaarstreifen gesehen, Marianne? So könntest du das bei dir auch machen.“

Die Frau gab zurück: „Kurt, du alter Lustmolch du, na rate mal, wer von uns beiden heute Nacht Streifen auf der Haut haben wird! Aber nicht im Schambereich!“ Dann lacht sie laut und lüstern auf. Geiles Weib!

Alles klar. Die beiden sind aus dem Milieu. Denen ist auch nichts Menschliches mehr fremd. Grit hatte sich fast schon an einseitig nackte Begegnungen gewöhnt. Nur zwei Prüfungen standen noch aus. Die erste: Durch die Haustür, raus auf den Bürgersteig, über die Straße bis zu ihrem Auto und wieder zurück. Danach die zweite: Die Treppen hoch und durch die Tür der Angst ins Atelier, zu Martin und den anderen.

Welche davon wird die Schwierigste werden?

Sie zog die Haustür auf und lugte vorsichtig hinaus auf die Straße und den Bürgersteig entlang. Kein Polizist zu sehen? Nein, auch gar keine Leute. Es ist 20:15, Fernsehzeit. Die kleine samtschwarze Armbanduhr ist jetzt ihr einziges Bekleidungsstück. Da drüben steht das Auto.

Also los jetzt, raus und rüber!

Die Haustür fällt ins Schloss. „Ach du Schei…. Auch das noch!“

Und dann wurde ihr auch noch klar, dass sie ja gar keinen Autoschlüssel dabei hatte.

Was jetzt? Sie stand armbanduhrennackt mitten auf der Straße und war sich nicht so sicher, dass sie nicht aus tausenden von Fenstern dabei beobachtet wurde. Augen zu und durch! Sie spielte, genau wie ich vor zwei Stunden in der Küche, ihre Show ab.

Sie richtete sich auf, drückte den Rücken durch und machte ganz auf cool und auf Laufstegmodel. Grit, das nackte Mannequin. Hin zum Auto, an der Tür rütteln und scheinbar verzweifelt tun. Kein Schlüssel! Arme ausbreiten, die Resignierende spielen. Tausende Augen auf sich fühlen. Vielleicht sieht es ja auch gar keiner. Zurück zur Haustür.

Der rettende Hauseingang. Und wenn er nun nicht aufgeht?

 

Noch bevor sie die Mitte des Bürgersteiges erreichte, ging die Haustür wie von selber auf, Sie hatte sich nicht geirrt, Der Hausmeister hatte sie beobachtet. Ihre erste nackte Begegnung wurde zu ihrem Beschützer.

Er erwartete sie im Hauseingang.

„Meistens schließt sie ja nicht richtig, aber ab und an fällt sie auch mal richtig ins Schloss und klemmt dann, dieses Miststück. Ich habe Ihnen zugesehen und fand, dass Sie wirklich wunderhübsch und doch noch so aufgeregt sind. Ein Modell von Andreas und dann mit so einem roten Kopf? Das gibt es selten. Da habe ich mir gleich gedacht: Die muss ja ganz neu hier sein. Die quält sich bestimmt noch mit ihrer Schamhaftigkeit ab. Müssen Sie wirklich nicht, junge Frau, wir sind hier alle sehr tolerant, wir sind das schon lange gewöhnt, hier im Haus und auch hinten, im Garten. Gehen wir zusammen nach oben?“

Jetzt wurde Grit doch noch verlegen. „Ich bin Grit, Sie können ruhig „du“ zu mir sagen.“ Sie gingen, Seite an Seite.

Grit immer eine halbe Stufe zurück. Sie hatte es jetzt gar nicht mehr  ganz so eilig.

 „Schön, ich heiße Frank, Frank Obermann und du kannst natürlich auch „du“ zu mir sagen. Aber sag doch mal Grit, deine Brüste, die sind ja so riesig im Verhältnis zu deinem schlanken Oberkörper. Sind die wirklich echt und welche Körbchengröße hast du denn? Die haben mich gleich so an meine Frau erinnert, die leider vor vier Jahren verstorben ist. Die hatte auch so schöne runde große Brüste wie du. Aber ganz so schlank wie du war sie nicht. Mir war das auch lieber so. Du bist aber auch eine sehr schöne Frau und wirklich nett.“ Dabei schaute er ihr immer nur auf die nackten großen schönen runden Brüste.

Dann wanderten seine Blicke aber auch höher und tiefer an ihr.

Grit fühlte sich immer unsicherer und versuchte, trotzdem cool zu bleiben. „Meine Körbchengröße? Ich trage ganz selten BH, weil ich nie was ganz richtig Passendes finde. D18 hat mir noch vor einem Jahr leidlich gepasst, wenn ich den  Untergurt etwas eingekürzt habe.“

 

Na der geht ja ran! Grit fühlte sich immer weniger wohl. Da war auch wieder die Angst. Wo sind meine Sachen? Wo ist mein Kleid? Oh Shitt!

Frank Obermann ist noch nicht am Ende seiner Betrachtungen von Grit. „Du hast auch ganz wunderschöne Haare, Grit, so seidig und glänzend.“ Welche Haare meint er denn jetzt?

Da kommt er auch schon damit raus: „Oben und unten. Die glänzen so schön. Die schimmern ja fast bläulich. Und deine Haut. Die ist so schön gebräunt und die riecht so herrlich nach junger Frau…“ Grit wurde die Sache langsam unheimlich. War das die Kehrseite der befreienden Nacktheit? Musste man als nackte Frau, musste sie, Grit, sich etwa darauf einlassen? Na hoffentlich nicht.

Zum Glück hatten sie jetzt endlich die Doppeltoilette von Andreas’ Atelier erreicht. Sie gingen hinein und Grit schnappte sich schnell ihre Sachen nebst einer Plastiktüte mit der Aufschrift: „Toilettenpapier, dreifach, softweich und fest“ von Aldi, sagte noch hastig zu Frank Obermann: „Da, die linke Kabine, da tröpfelt es nur und es macht so komische pfeifende Geräusche.“

Und raus da. Nun gab es für sie nur noch einen Weg: nach oben, ins Atelier. Aber ihre Sachen passten nicht in diese kleine Tüte. Es war nur eine Zweierpackung. Genug für ihre Unterwäsche. Also zog sie sich ihr Kleid hastig wieder über und schlüpfte durch die Tür.

Das alles habe ich aber erst später von ihr erfahren.

 

Grit kommt wieder herein. Endlich! Aber sie hat immer noch ihr Kleid an. Ach Grit! Du Feigling! Hat es dir doch an Mut gefehlt?

Was kann man da denn nur noch machen, mit dir?

Doch sie ist nicht mehr so, wie sie sonst war. Ich sehe, dass sie schelmisch lacht und auch, dass sie ihr Kleid nur notdürftig mit zwei  Knöpfen, und das auch noch versetzt, zugemacht hat, darunter trägt sie nichts. Das kann ich sehen, weil ihr Kleid vom Luftzug leicht geöffnet wird und im Gegenlicht durchscheinend wird. Grit ist nackt unter dem flüchtig zugeknöpften Kleid. Was hat sie jetzt vor? Was wird hier gleich geschehen?

 


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