Lothar


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14.07.2009
Voyeurismus

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Oh nein, Klassentreffen!! Das war meine erste Reaktion, als ich den fotokopierten Brief aus meinem Kasten nahm. War das Abi denn irgendeine runde Zahl von Jahren her oder warum fingen sie sonst jetzt damit an.
 
Der grausige Gedanke ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Aber irgendwie hatte ich dann doch das 17 Jahre alte Abifoto in der Hand. Mal sehen, wie weit es mit meiner Demenz war: Kaum zu glauben, ich kannte noch alle Namen. Sogar an Details konnte ich mich erinnern. Hans, der auch mit 18 noch keinen echten Stimmbruch hatte, Gaby, die so wahnsinnig schöne Aufsätze schreiben konnte, Lothar konnte Gitarre spielen und war der Held am Baggersee und Ingo konnte Geige und war das arme Schwein, das zum Schulorchester musste, wenn wir am Baggersee waren, Jutta, wenn Du neben ihr gingst, wurde Ich unsichtbar. Alle wollten Dich und ausgerechnet Jens hast Du rangelassen, danach wohl noch einige; aber mit Jens Sammlung bist Du nie mehr mitgekommen, Du hattest ihn praktisch geadelt. Und da war ja auch ich, Helen. In der zweiten Reihe, hinter den kleineren Mädchen. Die Schultern leicht eingezogen, die Haare sportlich kurz, nicht aufregend kurz, eher so 8cm lang Ohren bedeckt. Für die Farbe gibt es noch nicht mal heute ein Wort. Mehr konnte ich nicht von mir sehen und dabei hatte ich mir extra für das Foto ein neues Kleid gekauft.
 
Wirklich wahr, ich habe fast eine Stunde mit dem Foto verbracht. Und von den paar Leuten, die in der Stadt geblieben waren, wusste ich sogar in etwa, was aus ihnen geworden war. Nein, ganz ohne Spaß, Helen, an dem Abend bleibst Du schön zuhause, Du musst noch dringend das Besteckfach neu beschriften.
 
Schöner Gedanke, doch Wunder passieren immer wieder, schon am nächsten Tag traf ich Ilse, eine der Autorinnen des Briefes, beim Einkaufen. „Mensch Helen, Zufall. Na, hast Du unseren Brief gekriegt? Dann brauchst Du auch gar nicht mehr die Anmeldung zu schicken und sag mal dann kannst Du eigentlich auch den Saal mit fertigmachen. Die meisten wohnen ja nicht mehr hier.“ Damit war dann alles klar, Jutta war immer so gewesen. Regel das eben; aber lass die anderen nicht alles durcheinander bringen.
 
OK, liebe Helen, dann also viel Spaß mit den jungen Müttern und den Karrierehengsten. Ich freute mich schon auf die Frage: „Was, keine Kinder, och, ein Kind gibt Dir so viel.“ Oh ja, Königin der Augenringe, ich sehe es. „Was zur Miete, komm mal vorbei, ich zeig Dir mal, wie einfach Du heute zu Wohneigentum kommst.“ Oh ja, aber weißt Du auch, wie man 20 kg Übergewicht verliert, dann mach es einfach. Sei nicht zynisch, freu Dich!
 
Die Freude hielt sich in Grenzen; aber ehrlich gesagt machten mir die 3 Vorbereitungsnachmittage mit Ilse und ihrer Truppe richtig Spaß und irgendwie fand ich mich dann auch prompt zuerst in allen 6 Klamottenläden der Stadt bis ich dann doch das hochgeschlossene schwarze Kostüm mit dem doch eher kurzen Rock und der sensationellen Bluse aus dem ersten Geschäft kaufte. Ach, so ein Zufall, erst 4, vielleicht hat Miriam, meine Friseuse, ja noch einen Termin frei, nur mal nachschneiden. Ich will mich ja nicht blamieren. „Was, ich kann mich gleich hinsetzen, klasse. Los, lass uns mal ganz blond probieren. Nein, lass die Folien einfach weg, Miriam, ich sag nur eins: Platin ist edler als Gold.“ Dazu zeigte ich etwa 2cm mit Daumen und Zeigefinger. Miriam hatte verstanden. Der 2cm kurze blonde Schopf machte mich tatsächlich jünger und meine Urlaubsbräune tat ein Übriges und meine Augen strahlten wie Scheinwerfer aus dem Gesicht. Ich war zufrieden.
 
‚Seid unbedingt um halb acht da, wir müssen noch die Kerzen anzünden und so.’ ‚Nein, liebe Ilse, nicht für alles Geld der Welt verzichte ich auf diesen Auftritt!!!’ Sie würde die zehn Kerzen schon allein ankriegen.
 
Neun Uhr, jetzt!!!! Der Saal war voll, oh, das hatte ich gar nicht gewusst, auch die beiden Parallelklassen waren da.
 
„Helen?“ Diese Stimme, das musste Hans sein, sein Lockenhaar war schon ziemlich weit von der Stirn geflüchtet. „Mensch, Du siehst ja toll aus, schade, dass ich es nicht so mit Frauen hab.“ Das fing ja gut an, Hans hatte also für heute sein Coming out geplant. Ich tat ein wenig überrascht und beendete das Gespräch dann mit: „Danke noch mal, dass Du mir damals Justus nicht ausgespannt hast.“ Er lachte etwas tuckig und sagte, wenn ich mal nach Hamburg käme, könnte ich gerne bei ihm schlafen. Ilse kam auf mich zu: „Echt Helen, das mit den Strähnchen geht einfach nicht so gut allein, warum hast Du nichts gesagt, ich hätte Dir doch geholfen.“ Oh, Ahnungslose, dieses weiße nichts von einer Mähne hat mich 80€ gekostet und ist mir exakt jetzt, wo ich alle Männeraugen auf mir spüre, wenigstens 1000€ wert.
 
Da war ja auch Jutta, wie unsichtbar war ich immer neben ihr gewesen und dass ausgerechnet sie auf meinem Abifoto vor mir stand, konnte ich ihr schon mal gar nicht verzeihen. Ich ging zu ihr rüber: „Hallo Jutta, gut siehst Du aus.! Hast Dich gar nicht verändert.“ Und wie das stimmte, nichts hatte sie verändert, genau mit diesem Outfit hatte sie Erfolg bei den Jungs gehabt, genau wegen dieses Outfits hatte Jens Trentmann sie gewollt, da ändert man doch nichts. Sie schaute mich fragend an. „Helen? Du siehst ja fantastisch aus!“ Nicht 1000€, 100.000€ war mir in dem Moment mein ganzes Outfit wert. Ich genoss die Blicke der Männer, die damals als Jungs so wenig mit der schlacksigen Helen zu tun haben wollten. Die auch dann noch nur mit Mühe zu einem Tanz bei den Partys zu bewegen gewesen waren, als diese Helen soviel Leichtathletik gegen ihre Schlacksigkeit gemacht hatte, dass sie Landesmeisterin im Hochsprung wurde.
 
Doch was war das, den Mann kannte ich doch. Er hatte gestern noch im Eiscafe ganz offen mit mir geflirtet. Er sah ganz gut aus, einer der wenigen Anzugträger hier, doch er trug seinen wirklich souverän. Ein Mann von Welt. Geschmackvoller Schlips, schönes Hemd und die leicht angegrauten Schläfen taten das Ihre. Ich hatte zurückgelächelt, war dann aber ziemlich schnell gegangen. Als ich an ihm vorbei gegangen war, hatte er gemurmelt.“ Schade.“ Bestimmt aus einer Parallelklasse. Irrtum, Jutta steuerte auf ihn zu und auch Gaby stand bei ihm.
 
Was tun? Diese Frage erübrigte sich schnell. Er steuerte direkt auf mich zu. „Meine Güte, hat es eigentlich sehr weh getan, als Du vom Himmel gefallen bist?“ Oh, konntest Du nicht schwiegen? „Helen, nicht wahr? Ilse und Jutta haben mir das erzählt, Jutta ist ganz eifersüchtig auf Dich, hat wohl extra noch mal ihre Klamotten von damals rausgekramt.“ Ich konnte ihn immer noch nicht unterbringen, dann rettete mich Lothar, ihn erkannte ich auf den ersten Blick und seine Gitarre lag ja tatsächlich auch schon dort in der Ecke. „Mensch, Trentmann, wen hast Du denn da aufgegabelt?“ Trentmann, Jens Trentmann. Das Geheimnis war gelüftet.
 
Ich hatte Lothar immer gemocht und ein paar Mal hatte es auch etwas zwischen uns gefunkt; aber ein Paar waren wir nie gewesen. Lothar hatte jetzt ein Architekturbüro. Wir unterhielten uns noch eine ganze Zeit, immer noch ein richtig netter Kerl. Ich mochte es sogar, dass er irgendwann einfach über den Stehtisch meine Hände griff und sie festhielt. Doch dann machte ich den Fehler, nach seinem Gitarrenspiel zu fragen.
 
10 Sekunden später saß er auf einem der Barhocker und ‚Suzanne, takes you down, to her boat on the river..’ Gespräche verstummten und wir waren wieder 18 und scharrten uns um unseren lokalen Helden. Jemand stand sehr nah hinter mir. Ich drehte den Kopf und Jens drückte mir einen Kuss auf die Wange. Dann legte er seine Arme um mich. So standen wir eine Weile und lauschten Lothars Musik. Jens legte seinen Kopf an meinen Kopf und küsste meinen Hals. Es war nicht unangenehm. Lothar sah zu uns rüber und guckte etwas traurig.
 
Helen, hast Du es ganz vergessen, Du bist doch die Jägerin, das Reh warst Du früher. Ich drehte mich ganz zu Jens und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Er war perplex, doch nur für Sekunden, dann spürte ich seine Zunge, seine Hände, seinen Oberschenkel überall. Das war nicht sein Ernst, was hatte ich denn da für Reflexe ausgelöst. Ich nahm seinen Kopf in die Hände und sagte, „Lass mal gut sein Jens, das wir nichts.“ Er blickte erstaunt und hatte aber offensichtlich nach 10 Minuten bei Jutta Erfolg. Ja, ihr beiden passt zusammen, ihr seid irgendwie immer noch in der 13.
 
Als Lothar sah, dass Jens nicht mehr neben mir stand, legte er seine Gitarre weg und kam zu mir rüber. Lieber Lothar, Du konntest immer so traurig gucken. Ein Satz von Cohen fiel mir ein: „ You are ugly, but you have the music.“ Ich ging auf ihn zu, küsste ihn auf die Wange und sagte nur: “Danke, das war schön.” Und als wenn das das Natürlichste der Welt ware, legte ich meinen Arm um seine Hüft. Warum war mir das nie so aufgefallen, Lothar war tatsächlich ziemlich groß. Er konnte seinen Arm ganz bequem auf meine Schulter legen.
 
Wie sollte es weitergehen, ich wollte Lothar nicht verletzen, ich wollte Sex mit ihm, ich wollte keine Freund. Ich dachte daran, was Tina tun würde. „Lothar, ich habe Dich immer gemocht; aber irgendwie hat es nie mit uns geklappt. Ich würde sehr gerne mit Dir schlafen; aber ich kann einfach in meinem Leben keinen Mann gebrauchen.“ Er lächelte: „Heute kannst Du jedes Versprechen haben, auch wenn ich weiß, dass ich es morgen bereue.“
 
Wir gingen zu mir und wenn ich vorher noch sehr froh gewesen war, dass ich nie bei Jens in die ‚Lehre’ gegangen war, so sah ich jetzt bei diesem netten und einfühlsamen Kerl neben mir, dass ich unter Umständen doch auch viel in meiner Schulzeit versäumt hatte. Mit wem war er eigentlich gegangen? Mir fiel keine ein. Irgendwie waren wir beiden wohl tatsächlich oft zusammen aufgetaucht. Lothar war ein ungeheuer zärtlicher Liebhaber, da war keine Routine, alles kam einfach so, es gab keine bevorzugte Stellung, er nahm mich einfach auf jede Art und ganz und gar. Doch er kam dabei nicht. Ich drehte ihn dann ganz sacht auf den Rücken und begann, ihn zu blasen. „Helen, das musst Du nicht.“ „ Gefällt es Dir nicht?“ „Doch sehr.“ „Dann gefällt es mir auch sehr.“
 
Am nächsten Morgen war er schon gegangen. Schade? Ein kleiner Zettel auf dem Tisch sagte, siehst Du, ich halte meine Versprechen. Dann war da noch eine Telefonnummer. Ich heftete den Zettel an meine Pinwand. Lothar war ein toller Mann für eine Nacht, oder zwei.


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