Zusammen gingen sie das Treppenhaus hinab und Sabine musste wegen der von ihnen verursachten Geräuschkulisse ein wenig grinsen. Das harte Klacken der Absätze von Herrn Voss Lackschuhen, das leichte Quietschen von Matthias Sneakern und dann das leise Patschen ihrer nackten Füße, alle drei vermischt im schweigenden Gang hinab in den Keller. Zumindest war es hier etwas kühler als in ihrem Büro und Sabine war sich insgeheim bewusst, dass sie wohl aufgrund ihrer leichten Bekleidung den meisten Nutzen davon haben würde.
Im Keller warteten sie kurz vor einer unscheinbaren Metalltür, bis Herr Voss einen Schlüssel aus seinem Jacket gekramt hatte. Während dieser kurzen Wartezeit kamen Sabine Gedanken, Bilder von alten Filmen und Erinnerungen an die Geschichten, die sie früher insgeheim verschlungen hatte. Immer waren junge, unschuldige Frauen in irgendwelche Keller geführt worden, wo sie hinter dicken Türen… Nun, wahrscheinlich war es der Stil der damaligen Zeit gewesen und heutzutage würde so etwas nur noch als schlechter Porno oder Schmuddelgeschichte durchgehen, doch damals hat es sie angesprochen, vielleicht sogar den Weg für das bereitet, wie sie heute war.
Mit einem leisen Kratzen öffnete Herr Voss die Tür und im aufflackernden Licht einer Leuchtstoffröhre wurden Reihen von aufeinander gestapelten Kisten sichtbar.
“Die alle müssen hier raus.”, verkündete Herr Voss und klopfte gegen den nächstgelegenen Karton. “Fangen Sie schon mal an, die ersten Kisten hoch zu bringen, ich fahre schon mal den Wagen vor.”
“Ja Harry.”, flüsterte Matthias so leise, dass nur Sabine es mitbekommen hatte.
“Dann mal los, ich möchte keine Nachtschicht einlegen.”, forderte sie ihn auf und griff sich die erste Kiste. Zu ihrer Freude war sie nicht schwer und so tapste sie die Treppe wieder hinauf und stellte ihre Fracht an der Eingangstür ab.Auf dem Weg nach unten kam ihr Matthias entgegen, und so begegneten sie sich ein paar Mal auf der Treppe, bevor Sabine beim Abstellen ihrer aktuellen Kiste den ankommenden Lieferwagen bemerkte. Herr Voss parkte ein und öffnete die hinteren Türen, während sie ein kleine Pause einlegte und ihm zusah.
“Brauchen Sie schon eine Pause?”, fragte Herr Voss, als er zu ihr in den Flur kam.
“Nein.”, log Sabine. Das sich immer wiederholende Treppensteigen war doch anstrengender, als sie es sich eingestehen wollte. “Ich dachte, Sie hätten vielleicht Hilfe beim Einparken gebrauchen können, aber da lag ich wohl falsch.”
Er schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein, da er nichts weiter darauf erwiderte. Stattdessen zeigte er auf den Stapel Kisten neben Sabine.
“Ich lade die schon mal ein. Alle neuen Kisten, die Sie hochbringen, können Sie dann auch gleich in den Wagen stellen.”
Sabine deutete einen Salut an und machte sich wieder auf den Weg in den Keller. Auf der Treppe traf sie Matthias, an dem sie den Arbeitsauftrag direkt weitergab. So stellte sich schon bald eine Monotonie ein, in der Kiste um Kiste verladen wurde. Sabine schaltete geistig ab, ihr Körper war praktisch auf Autopilot gestellt. Einzig die Untergründe unter ihren Füßen gaben ihr Abwechslung. Zuerst war da der staubige und kühle Betonboden des Kellers,dann die ebenfalls kühlen aber glatten Fliesen des Treppenhauses. Anschließend ein kurzer Abschnitt warmen Asphalts, gefolgt vom unebenen Bodenblech des Lieferwagens, wenn sie ihre Kiste ablegte. Und weil es ja so viel Spaß machte, ging es dann auf dem gleichen Weg wieder zurück. Immer wieder begegnete sie Matthias und Herrn Voss, die die gleiche Route hatten. Matthias wirkte ebenso abwesend wie sie selbst, lediglich Herr Voss wirkte so, als ob es ihm irgendwie gefiel, sich hier körperlich zu betätigen. Sabine fand das erstaunlich, besonders da er noch immer im vollen Anzug zusammen mit ihnen die Kisten verlud. Sie selbst zumindest spürte, wie sich ein kleines Rinnsal zwischen ihren Schulterblättern bildete.
Zu dritt waren sie zumindest etwas schneller, aber für Sabines Empfinden dauerte es trotzdem noch immer eine Ewigkeit, bis der Keller ausgeräumt war. Matthias hatte die Ehre, den letzten Karton in den Wagen zu drücken und auch er machte den Eindruck, dass er froh war endlich fertig zu sein.
Während Herr Voss wieder hinein ging, um den Keller abzuschließen, nutzten Sabine und Matthias die Gelegenheit für einen kleinen Plausch.
“Ins Fitnessstudio muss ich heute schon mal nicht mehr.”, meinte Matthias und schüttelte die Beine aus.
“Mein Schrittziel für die Woche sollte ich auch erreicht haben.”, stimmte Sabine zu und drückte den Rücken durch. “Aber jetzt haben wir es ja geschafft, das ist alles, was zählt.”
Matthias nickte zustimmend, als Herr Voss wieder zu ihnen stieß.
“So, dann alle Mann an Bord. Das gilt natürlich auch für Sie, Frau Menzel.”, verkündete er einen Tick zu fröhlich.
Sabine und Matthias sahen sich verwundert an. Er überwand seine Überraschung zuerst: “Ich dachte, wir sind fertig.”
“Mit dem ersten Teil, ja. Aber die Akten müssen ja auch wieder ausgeladen werden, oder dachten Sie, wir lagern den ganzen Wagen ein?”, erwiderte Herr Voss mit einem amüsierten Unterton.
Jetzt war es an Sabine, das Wort zu ergreifen.
“Aber bis zur Hauptstelle brauchen wir doch locker fünf Stunden.”, gab sie leicht empört zu bedenken. Wenn sie sich nicht völlig verrechnet hatte, würden sie gut und gerne elf bis zwölf Stunden brauchen, bis sie wieder hier wären.
“Darum fahren wir ja auch nicht zur Hauptstelle. Unser Ziel ist ein zentrales Lager, wo alle Zweigstellen ihre Akten für den finalen Transport hinbringen. Und das ist zum Glück nur etwa vierzig Minuten entfernt.”, belehrte sie Herr Voss.
Das klang in Sabines Ohren schon wesentlich besser. Natürlich bedeutete es immer noch, dass ein nicht unwesentlicher Teil ihres Feierabends verschwinden würde, aber immer noch besser als ihre anfängliche Befürchtung. Als sie weiter darüber nachdachte, wurde ihr auch bewusst, warum Herr Voss heute Mittag so eine Bemerkung gemacht hatte. Sie war jetzt praktisch gezwungen, mit den beiden zusammen barfuß zu einem ominösen Lager zu fahren, nur um dann alle Kartons erneut zu schleppen. Herr Voss sah sie leicht fragend an, als ob er nur darauf warten würde, dass sie irgendwelche Einwände vorbringen würde, um doch nicht mitfahren zu müssen.
Aber Sabine war mittlerweile schon weit über den Punkt hinaus, wo es ihr etwas ausmachte, wenn sie außerhalb der eigenen vier Wände oder des Büros ohne Schuhe unterwegs war.
‘Oder wie heute, fast ganz ohne etwas.’, meldete sich die kleine Stimme in ihrem Kopf. Außer ihrem Kleid, das mittlerweile bestimmt den ein oder anderen Schweißfleck abgekommen haben dürfte, hatte sie ja heute sonst keinen Fetzen am Leib.
“Worauf warten wir dann noch? Je eher wir losfahren, desto eher sind wir fertig.”, sagte sie energisch und machte sich zur Fahrerkabine auf.
Jetzt saß sie hier im Lieferwagen, eingepfercht zwischen Herrn Voss, der am Steuer saß, und Matthias auf der Beifahrerseite. Sie musste ja unbedingt eilig vorpreschen, um ihre Entschlossenheit zu zeigen. Hätte sie mal lieber etwas gewartet, dann würde sie jetzt am offenen Fenster sitzen und den Fahrtwind genießen. Stattdessen klemmte sie zwischen den beiden Männern und war der Gnade der Lüftung ausgeliefert. Anscheinend musste Herr Voss beim Mietwagenverleih das älteste Modell bekommen haben, denn eine Klimaanlage war nicht vorhanden.
‘Oder er war einfach nur zu geizig um das Mindestmaß an Komfort zu bekommen.’, dachte sie sich und schielte leicht zu ihrem Chef hinüber.
Es war ihr immer noch ein Rätsel, wie er selbst hier in dieser aufgeheizten Blechdose noch nicht einmal den obersten Hemdknopf geöffnet hatte. Zumindest ihr und dem halb aus dem Fenster hängenden Matthias war es eindeutig zu warm. Der einzige kleine Vorteil, den sie hatte, war ihr minimalistischer Kleidungsstil. Auch wenn ihr blaues Leinenkleid jetzt nicht zu kurz war, oder etwa freizügig geschnitten, war es die einfache Abwesenheit jeglicher anderer Kleidung, die es etwas erträglicher machte. Aber nach der Schlepperei der Akten war sie schon gut ins Schwitzen gekommen und sie war sich sicher, dass der Stoff mittlerweile ein klein wenig dunkler war als heute morgen. Aber jetzt konnte sie eh nichts dagegen tun, außer hier zu sitzen und darauf zu warten, endlich an diesem Zwischenlager anzukommen. Sabine hoffte, dass nicht allzu viel Betrieb herrschen würde, auch wenn sie es inzwischen eigentlich gewohnt war, dass die Leute sie barfuß sahen. Trotz allem war es für sie immer noch ein kleiner Kick und wie um sich ihre Situation zu verdeutlichen, strich sie mit ihren Zehen über die Rillen der Gummimatte im Fußraum.
‘Wenn die Schlepperei nicht wäre, würde Matthias wahrscheinlich auch deutlich mehr Spaß daran haben.’, überlegte sie. Im Büro hatte sie ihn ja endlich mal so weit bekommen, dass er zumindest etwas Körperkontakt hergestellt hatte. Sabine sah das als vielversprechenden Fortschritt, den sie in Zukunft ausbauen wollte.
So fuhren sie schweigend weiter, bis Herr Voss ein umzäuntes Gelände ansteuerte und gekonnt rückwärts an einer Verladebucht hielt.
“So, dann mal wieder munter weiter.”, sagte er und schwang sich aus dem Wagen. Matthias und sie selbst waren nicht so enthusiastisch und ließen es etwas ruhiger angehen. Als Sabine auf dem warmen Beton stand, streckte sie sich erst einmal, um die Steifigkeit nach der Fahrt loszuwerden. Dabei verschaffte sie sich ganz nebenbei einen Überblick.
Es handelte sich um ein tristes, kantiges Gebäude, ohne jegliche Verzierungen oder Fenster. Lediglich die regelmäßig angeordneten Tore boten eine Abwechslung in der Fassade. Auch der Parkplatz vor dem Gebäude war schmucklos und bis auf einen etwas abseits geparkten Pkw, sowie einen anderen Lieferwagen ein paar Buchten weiter vollkommen verlassen.
Sabine Gefühle waren zwiegespalten. Zum einen war sie erleichtert, das praktisch keine anderen Personen anwesend waren, zum anderen aber auch enttäuscht.
‘Möchte ich mich unbedingt vor anderen zeigen, mich präsentieren?’, überlegte sie, doch dieser Frage konnte sie nicht weiter nachgehen, da Herr Voss auffordernd auf die Seite des Wagens klopfte.
“Auf auf, oder wollen Sie den Abend hier verbringen?”, fragte er sie und nahm sich bereits den ersten Karton von der Ladefläche.
Mit einem kleinen Seufzer trottete Sabine heran, griff sich ebenfalls eine Kiste und folgte Herrn Voss hinein, mit Matthias in ihrem Schlepptau.
“Gibt es in solchen Einrichtungen nicht immer so kleine Transportwägelchen?”, wollte Sabine wissen.
“Schon,.“, räumte Herr Voss ein, “Aber sie würden uns nicht viel nützen.”
Sabine zog die Stirn kraus und wollte schon fragen, was er damit meinte, doch da sah sie den Grund schon mit eigenen Augen. Vor ihnen führten zwei kleine Stufen den Gang hinab, auf dem eine Reihe von Rolltoren lagen. Herr Voss führte sie den Gang weiter entlang, bis er vor einem Tor stehen blieb, das sich nicht von den anderen unterschied. Als er es geöffnet hatte, wartete ein leerer, leicht staubiger Raum auf sie.
“Stapeln Sie die Kartons einfach bis zur Decke, es werden im Laufe der Woche noch andere Lieferungen hierhin gebracht. Versuchen Sie den Platz so effizient wie möglich zu nutzen.”, wies er sie an und machte direkt den Anfang.
Sabine und Matthias stellten ihre Kisten dazu und gingen dann wieder den Weg zurück zum Wagen. Das ganze wiederholte sich immer und immer wieder und Sabine fiel schon bald in eine selbst ablaufende Routine.
Das Licht der immer tiefer stehenden Sonne und der warme Beton unter ihren Füßen, wenn sie vor dem Lieferwagen stand.
Das Gewicht eines Kartons in ihren Armen, das mit jedem Gang schwerer zu werden schien.
Das Geräusch ihrer nackten Sohlen auf dem kühler werdenden Beton, je weiter sie ins Gebäude ging und der Wechsel von Sonnen- zu dem Kunstlicht der brummenden Leuchtstoffröhren.
Dann die zwei Stufen, mehr kühler Beton und der staubige Boden des Lagerraums, wo sie ihre Last ablegte und sich wieder auf den Rückweg machte.
Regelmäßig begegnete sie Herrn Voss und Matthias auf dem Gang, wobei sie jedes Mal verwundert war, wie fit ihr Chef wirkte, während sie und Matthias eher schlurfend ihrer Arbeit nachgingen.
Sie hatten etwa ein Drittel des Wagens entladen, als Matthias auf den Stufen ins Stolpern kam. Zum Glück konnte er sich wieder rechtzeitig fangen ehe etwas schlimmeres passieren konnte, doch einen entsprechenden Kommentar von Herrn Voss konnte er trotzdem nicht vermeiden.
“Immer hoch die Beine. Sie sind noch jung, da wird so ein wenig körperliche Ertüchtigung sie doch nicht in die Knie zwingen.”, sagte er fröhlich.
Erneut musste sich Sabine fragen, wie ihr Chef noch immer so ausgeruht sein konnte. Er war ja schließlich ein paar Jahre älter und auch wenn er nicht von Anfang an beim Tragen mitgemacht hatte, hätte sie doch zumindest ein paar Anzeichen der Erschöpfung bei ihm erwartet.
Sie ging dem Gedanken nach, während ihr Körper weiter Kisten stapelte. Zwischenzeitlich bildete sie verschiedene Theorien, die aber immer weiter ins lächerliche abdrifteten, je länger sie darüber nachdachte. Erst dachte sie, Herr Voss würde ein rigoroses Fitnessprogramm absolvieren, das er mindestens drei Tage oder mehr nach der Arbeit Gewichte stemmte. Dann kam ihr die Vorstellung, er hätte sich irgendwie aufgeputscht, um ja nicht hinter seinen jüngeren Untergebenen zurückstecken zu müssen. Der Gedanke, dass er sich vor der Fahrt mit Energydrinks zugeschüttet hatte, wurde aber schon bald von dem Bild verdrängt, wie er in einem unbeobachteten Moment etwas Kokain zog. Zuletzt war sie schon fast davon überzeugt, dass er ein Roboter sein musste oder sogar ein Alien. Das war dann aber doch so absurd, dass sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht abzeichnete.
Sabine holte die nächste Kiste aus dem Wagen und sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie zwei Männer in Overalls, die dabei waren, den anderen Lieferwagen ein paar Buchten weiter zu beladen.
‘Dann sind wir ja doch nicht ganz allein.’, dachte sie sich, konnte aber nicht erkennen, dass die Männer irgendein Interesse an ihr gezeigt hätten.
Mit der Kiste in den Händen ging sie wieder ins Gebäude und nickte Matthias zu, der ihr entgegenkam. Er erwiderte das Nicken, sagte aber nichts. Sabine ging weiter, genoss die Kühle im Gebäude und war auf Höhe der Stufen, als sie Herrn Voss vor sich bemerkte. Seine Stirn glänzte im Licht und Sabine überlegte, ob sich jetzt doch endlich Anzeichen bemerkbar machten, dass er doch nicht ganz so übermenschlich war, wie sie es sich ausgemalt hatte.
Als er die erste Stufe nehmen wollte, hörte Sabine ein Kratzen, gefolgt von einer Mischung aus Keuchen und unterdrücktem Fluchen. Mit dem Karton vor ihrer Brust konnte sie nicht viel erkennen, doch auf einmal verschwand Herr Voss aus ihrer Sicht. Ihre in der Monotonie versunkenen Gedanken versuchten, sich darauf einen Reim zu machen, doch stattdessen spürte sie etwas, das sie zuerst ebensowenig zuordnen konnte.
Sie spürte einen Zug an ihrer Seite, der sie aus dem Gleichgewicht brachte. Er wurde immer stärker und sie verlor die Kontrolle über den Karton in ihren Händen. In dem Versuch ihn nicht fallen zu lassen, ging sie einen Schritt voran und spürte schon die Kante der Stufe unter ihren Zehen, doch der Zug wurde immer stärker, bis sie nahe an ihrem Kopf zweimal kurz hintereinander ein knallendes Geräusch hörte, das sie auch nicht einordnen konnte. Der Zug veränderte mit dem Knallen seine Richtung, anstelle dass er versuchte Sabine zu Boden zu bringen, zerrte er nun nach hinten und brachte sie erneut ins Wanken.
Sabine stemmte sich instinktiv nach vorne, was ein neues Geräusch an ihre Ohren brachte. Doch diesmal war es kein Knall, sondern ein langgezogenes Ratschen. Je länger das Ratschen anhielt, desto weniger stark war der Zug, auch wenn es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Sabine dem Ruf der Schwerkraft folgen würde.
Doch etwas anderes drängte sich stärker in ihr Bewusstsein und stellte die Angst vor dem Fallen in den Hintergrund. Zusammen mit dem Knall hatte sie etwas gespürt, als ob etwas sanft, aber doch bestimmt über ihre Schultern streichen würde. Sie hatte es ignoriert, war sie doch nach aller Kraft damit bemüht, nicht zu fallen. Doch jetzt, mit dem Ratschen, kam eine neue Empfindung hinzu, die sich nicht ignorieren ließ. Sie spürte, wie sich ihr Kleid verzog und zwar auf eine Art und Weise, wie es weder das Material noch der Schnitt des Stoffes jemals vorgesehen haben. Doch auch diese Empfindung hielt nicht lange an, sie wich dem Gefühl von… nichts.
Obwohl, nichts war nicht die richtige Beschreibung. Sie spürte das Fehlen, die Abwesenheit ihres Kleides, stattdessen einen Luftzug an ihrem Körper, der nicht hätte da sein dürfen. Die Erkenntnis wälzte sich durch ihre Gedanken, während ihr Körper den Kampf um sein Gleichgewicht aufgab und sie nach hinten kippte.
Sie hörte noch einen Schrei, der nicht aus ihrer Kehle stammte und sah den Karton, den sie eben noch in den Händen gehalten hatte, wie er sich von ihr entfernte, bevor ihr Hintern mit einem seltsam hallenden Klatschen auf dem Beton auftraf. Verzweifelt versuchte Sabine ihren Kopf zu schützen, damit dieser nicht auch noch irgendwo aufschlagen konnte und dabei krümmte sie sich zusammen, so dass sie durch den Schwung getrieben nach hinten kugelte.
Sie brauchte ein paar Augenblicke, um sich wieder zu orientieren, in denen sie an die Wand gelegt dasaß und sich mit den Händen den Kopf hielt. Sabine fühlte in sich hinein, auf der Suche nach möglichen Verletzungen, die Augen hielt sie geschlossen.
‘Ok, der Kopf hat scheinbar nichts abgekommen. Kein Blut, keine Beule.’, stellte sie erleichtert fest.
‘Keine ernsthaften Schrammen und gebrochen ist wohl auch nichts.’, ging die Bestandsaufnahme weiter. Aber ihr Hintern fühlte sich durch den Sturz taub an. Da würde der Betonboden bestimmt einen guten Abdruck hinterlassen haben. Auch wenn der kühle Boden sich ganz gut auf ihrer Haut anfühlte, musste sie aufstehen und schauen, wie es Herrn Voss ging.
‘Der kühle Boden…’, schoss es ihr durch den Kopf.
Langsam ließ Sabine die Hände sinken und strich über ihre Schultern. Sie fühlte Haut, viel zu viel Haut. Dort, wo eben noch die Träger ihres Kleides gewesen waren, fühlte sie nun… nichts außer sich selbst.
Ihre Fingerspitzen wanderten etwas tiefer, doch noch immer war da nichts. Sie hatte gerade den Bereich ihres Schlüsselbeins verlassen, als die Geräusche von sich rasch nähernden Schritten immer lauter wurden. Gleichzeitig mischte sich ein gedämpftes Stöhnen und Fluchen dazu, das wesentlich näher war.
“Verdammter Mist…. “, hörte Sabine die Stimme ihres Chefs in unmittelbarer Nähe. Sie blinzelte ein paar Mal, um den Blick klar zu bekommen und sah neben ihren nackten Beinen die Gestalt von Herrn Voss, der bäuchlings auf dem Boden lag.
‘Warum sind meine Beine…’, formte sich ein Gedanke in ihrem Kopf, doch ihre Aufmerksamkeit wurde von einem blauen Knäuel beansprucht, das sich in seiner ausgestreckten Hand befand. Sabines Blick huschte zwischen der Hand und ihren Beinen hin und her, bis sich die unveränderliche Realität in ihr Hirn bohrte.
“Was war das für ein Lärm?”, rief Matthias, der mittlerweile zu ihnen getrabt war. Sabine schaute erschrocken zu ihm hoch und sie konnte eine Vielzahl von Emotionen in seinem Gesicht ablesen. Überraschung, Schock, Erleichterung, Faszination… all das wechselte in schneller Folge, während er seinen Blick nicht von ihr abwenden wollte.
Mittlerweile rappelte sich auch Herr Voss auf und kam auf die Knie. Er hob seinen Kopf, schüttelte ihn einmal und dann fixierte auch er Sabine mit seinem Blick.
“Frau… Frau Menzel….. sie… sie sind ja nackt!”, stieß er überrascht aus.
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