Dildo-Doris
Betty erzählt über den Fund eines Archivs ihrer Mutter mit Einsichten, die auch ihr bisheriges Leben geprägt haben.
Ich heiße Bettina (53), aber seit frühester Jugend nennen mich alle nur Betty. Meine Mutter Doris (77) bekam im Dorf den Stempel Dildo-Doris. Sie hatte sich eine illustre Frauenrunde aufgebaut, die sich einmal im Monat traf und wie ich später erfuhr, wurden dabei aktuelle Dildos und andere Toys ausprobiert. Damals musste man noch alles aus Katalogen per Post bestellen und ich musste nach der Schule häufig die Pakete in Empfang nehmen. Als ich 18 war, weihte mich meine Mutter ein und ich durfte dann immer öfter bei den Treffen dabei sein und den reiferen Frauen zuschauen oder ihnen assistieren, etwa die Dildos reinigen und die Spender mit dem Gleitgel nachfüllen.
Ich sah im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Frauentypen bis über 70. Manche waren in den 90er Jahren schon rasiert, andere trugen starken Muschi- und Achselpelz. Ihre Mösen waren immer feucht und sie mochten die Spielzeuge. Kürzlich zog Mutter in ein Heim und an mir blieb die Haushaltsauflösung hängen. Dabei fand ich eine Reihe von Aufzeichnungen von den frivolen Treffen, die meine Mutter akribisch angefertigt hatte. Es waren auch einige Fotos dabei.
Es ist ein seltsamer Prozess, das Leben eines Menschen in Pappkartons zu sortieren. Man findet Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass sie existierten: alte Steuerbelege von 1984, handgeschriebene Rezepte für Apfelkuchen und ein Stapel vergilbter Postkarten aus Urlauben. Während ich durch die Schubladen der Kommode im Schlafzimmer ging, stieß ich auf eine Holzkiste mit einem rostigen Schloss. Sie lag ganz unten, versteckt unter einer Schicht aus vergilbter Spitzenunterwäsche, die damals bestimmt ziemlich heiß war.
Als ich den Deckel öffnete, fiel mir zuerst ein kleines Heftchen entgegen. Es war eines dieser billigen Groschenhefte mit einem Cover, das heute sehr nostalgisch wirkte. Die Bilder waren explizit und zeigten viel nackte Haut, Frauen mit behaarten Schamlippen sowie Männerposen steifer Glieder. Ich erinnerte mich sofort an den Moment, als ich dieses Heft zum ersten Mal als Sechzehnjährige in einer ganz ähnlichen Schublade entdeckt hatte. Damals war meine einzige Erfahrung mit Sexualität das vorsichtige Erkunden meines eigenen Körpers unter der Bettdecke, während ich darauf wartete, dass ich allein war.
Meine Mutter war in unserem kleinen Dorf immer als organisierte, herzliche Frau bekannt gewesen, die alles im Griff hatte. Sie koordinierte Kaffeekränzchen und wusste immer, was gerade im Dorf los war. Doch hinter dieser Fassade der bürgerlichen Ordnung gab es eine Seite an ihr, die sie nur einem kleinen, exklusiven Kreis von Frauen anvertraute. Es war eine Art geheimer Zirkel, eine Frauenrunde, die sich einmal im Monat traf. Damals, in den Achtzigern, gab es noch keine Internetshops. Man bestellte diskret aus Katalogen, und die Pakete kamen in braunem Papier, versiegelt mit schlichtem Klebeband.
Ich zog ein dickeres, ledergebundenes Notizbuch aus der Kiste. Es war kein gewöhnliches Tagebuch, es war eine Art Chronik, akribisch geführt über viele Jahre hinweg. Auf dem Cover stand in Mutters schwungvoller Handschrift: „Die Stunden der Lust – Notizen von Dildo-Doris“. Ich schlug die erste Seite auf und stieß auf eine Sammlung von Namen mit Alter und kleinen Anmerkungen zu Vorlieben und Reaktionen. Es war, als würde eine ganze Welt von unterdrückten Bedürfnissen und heimlichen Triumphen vor mir lebendig werden.
Der erste Eintrag, datiert auf einen regnerischen Dienstag im November 1982, beschrieb ein Treffen mit einer Gruppe von Frauen, die in der Dorfgemeinschaft als Inbegriff der Tugend gegolten hatten. Da war zum Beispiel Martha (62), die strengste Lehrerin der Grundschule. Mutter schrieb mit einer fast schon klinischen, aber liebevollen Präzision darüber, wie Martha, die im Alltag kaum ein Wort über Gefühle verlor, unter der Wirkung eines besonders massiven, violetten Silikon-Dildos völlig die Fassung verlor. Die Beschreibung, wie Martha mit weit aufgerissenem Mund und zitternden Knien auf dem Teppich lag, während sie lautstark nach mehr verlangte, ließ mich unwillkürlich schmunzeln.
Weiter im Buch stieß ich auf Notizen über eine junge Frau namens Sabine, damals erst 22, die als „die Neugierige“ bezeichnet wurde. Sabine war die Jüngste in der Runde gewesen und hatte anfangs kaum gewagt, sich auszuziehen. Mutter beschrieb detailliert, wie die älteren Frauen, darunter die 68-jährige Gerda, ausgestattet mit prächtigen, silbergrauen Schamhaar, Sabine sanft in ihre Mitte gezogen hatten. Gerda, die im Dorf als mürrische Witwe galt, wurde in den Aufzeichnungen zu einer Mentorin der Lust, die Sabine mit einer Geduld und Zärtlichkeit an die Spielzeuge heranführte, die ich mir bei ihr nie hätte vorstellen können.
Ich blätterte weiter, und die Einträge wurden lebendiger, fast so, als könnte ich das gedämpfte Lachen und das rhythmische Klatschen von Haut auf Silikon im Raum hören. Ein Eintrag aus dem Frühjahr 1985 stach besonders hervor. Mutter beschrieb ein Treffen, bei dem die Stimmung durch einen neuen Katalog aus einer Großstadt-Boutique regelrecht elektrisiert worden war. An diesem Nachmittag stand vor allem Ursula im Mittelpunkt, eine 51-jährige Gemeindereferentin, die im Alltag ihre strengen Kostüme und eine perfekt hochgesteckte Frisur trug. Doch in Mutters Wohnzimmer legte Ursula alles ab. Mutter notierte mit einem Augenzwinkern, dass Ursula eine Vorliebe für besonders strukturierte Oberflächen hatte. Es gab eine ausführliche Schilderung darüber, wie Ursula mit einem gerippten Modell experimentierte. Ihre Beine waren weit gespreizt und der Kopf in die Kissen gedrückt, während sie leise, fast flehend, den Namen des Spielzeugs flüsterte.
Einige Seiten weiter stieß ich auf die Notizen zu einer Frau namens Renate, die damals 38 war und als die „Feurige“ der Gruppe galt. Renate war eine sportliche Frau, die im Dorf für ihre täglichen Joggingrunden bekannt war. In den Aufzeichnungen wurde deutlich, dass ihre Energie sich nicht nur auf den Laufsport beschränkte. Mutter schrieb über einen Nachmittag, an dem Renate die Führung übernahm und anderen Frauen zeigte, wie man die Spielzeuge in Kombination mit verschiedenen Positionen am effektivsten einsetzte. Es klang nach einer Atmosphäre voller Vertrauens und gegenseitiger Bewunderung. Mutter beschrieb, wie Renate, völlig befreit und mit einem strahlenden Lächeln, die anderen dazu ermutigte, ihre eigenen Grenzen auszutesten, während sie selbst mit einem glänzenden, schwarzen Modell hantierte, das sie mit einer fast schon athletischen Präzision bediente.
Besonders berührend fand ich die Einträge über die ganz Alten der Runde. Da war beispielsweise Frau Meyer, die mit ihren 74 Jahren die älteste Teilnehmerin war. Ihr Vorname ist nicht überliefert. Die Dorfbewohner hielten sie für eine zerbrechliche alte Dame, die kaum noch aus ihrem Sessel kam. Doch in Mutters Chronik erschien sie als eine Frau, die bis ins hohe Alter eine ungebrochene Leidenschaft für körperliche Lust besaß. Mutter beschrieb, wie Frau Meyer mit einer sanften, aber bestimmten Neugier an neuen Vibratoren herumspielte. Es gab eine Passage, in der Mutter schilderte, wie Frau Meyer, mit ihrer zittrigen Stimme, aber einem absolut entschlossenen Blick, den anderen Frauen erklärte, dass die Lust nicht mit dem Alter aufhöre, sondern nur ihre Form verändere.
Dann stieß ich auf die Notizen zu zwei Schwestern, Brigitte (42) und Karin (39), die gemeinsam an den Treffen teilgenommen hatten. Die Dynamik zwischen den beiden war faszinierend. Mutter beschrieb, wie sie sich gegenseitig dabei halfen, die Spielzeuge an den richtigen Stellen zu platzieren, und wie sie gemeinsam in eine Art ekstatische Trance verfielen. Es war eine Form von Intimität, die weit über das rein Körperliche hinausging. Mutter notierte, wie die beiden sich nackt auf dem großen Ledersofa räkelten. Ihre Körper waren von feinem Schweiß überzogen, während sie abwechselnd ein Modell testeten, das laut Katalog maximale Stimulation versprochen hatte.
Ich blätterte eine Seite weiter zu einem Eintrag aus dem Sommer 1988, der mit einer kleinen Zeichnung eines Sonnenblumenkorbs verziert war. Hier stieß ich auf die Beschreibung von Beate, einer 47-jährigen Frau, die im Dorf als die perfekte Hausfrau mit großem Hang zu Ordnung und Sauberkeit galt. Doch in Mutters Aufzeichnungen war Beate auch diejenige, die den größten Hunger nach Experimenten hatte. Mutter beschrieb einen besonders heißen Julitag, an dem Beate in einem hauchdünnen Seidenkleid erschienen war, das kaum etwas verbarg. Die Notizen schilderten detailliert, wie Beate mit einer fast schon gierigen Intensität ein neues, doppeltes Modell ausprobierte, das sie direkt über einen Postversand in Hamburg bestellt hatte. Mutter schrieb, dass Beate während ihres Höhepunkts so laut aufgeschrien habe, dass sie kurzzeitig befürchteten, die Nachbarn könnten es hören, was die Situation nur noch aufregender machte.
Einige Seiten weiter fand ich Notizen über Ingrid, die mit ihren 55 Jahren die örtliche Postbeamtin war. Ingrid wurde als eine Frau beschrieben, die im Alltag extrem zurückhaltend und fast schon steif wirkte, doch sobald sie die Tür zu Mutters Wohnzimmer hinter sich schloss, verwandelte sie sich. Mutter notierte mit einer gewissen Bewunderung, dass Ingrid eine Vorliebe für die harten, glatten Oberflächen von Glas-Dildos besaß. Es gab eine Passage über einen Nachmittag, an dem Ingrid, die Beine weit auf einem Stapel Kissen gespreizt, die Kälte des Materials genoss, bevor sie durch die eigene Reibungswärme langsam in Wallung kam. Die Beschreibung, wie Ingrid mit geschlossenen Augen und einem tiefen, kehligen Seufzen den Rhythmus fand, ließ die Szene fast greifbar werden.
Die 61-jährige Waltraud war in der Gemeinde für ihren exzentrischen Stil und ihre Liebe zu großen Hüten bekannt. In Mutters Chronik wurde sie als die Genießerin bezeichnet. Waltraud hatte eine besondere Leidenschaft für die Kombination von verschiedenen Spielzeugen und half oft dabei, den anderen Frauen zu zeigen, wie man verschiedene Winkel ausnutzte. Mutter erinnerte sich in ihren Aufzeichnungen an einen Nachmittag, an dem Waltraud, mit einem breiten, zufriedenen Lächeln, ein besonders massives Modell präsentierte und dabei ausführlich erklärte, wie wichtig es sei, dem eigenen Körper den Raum zu geben, den er für die Lust benötige.
Ich befand mich gerade in einem Eintrag aus dem Herbst 1991, in dem Mutter über eine Frau namens Monika schrieb. Monika war damals 41 und arbeitete als Krankenschwester im örtlichen Gesundheitszentrum. Im Dorf galt sie als die Ruhe selbst, die besonnene Frau in Weiß, die jeden Patienten mit einer unerschütterlichen Gelassenheit behandelte. Doch in Mutters Wohnzimmer, so stand es schwarz auf weiß, war Monika ein wahrer Wirbelwind.
Mutter beschrieb, wie Monika eine Vorliebe für die ganz neuen, batteriebetriebenen Vibratoren hatte, die damals langsam in die Kataloge einzogen. Die Aufzeichnungen schilderten einen Nachmittag, an dem Monika die anderen Frauen mit einer fast schon wissenschaftlichen Begeisterung über die verschiedenen Intensitätsstufen aufklärte. Es gab eine detaillierte Passage darüber, wie Monika, mit einem herrlich schelmischen Blick, ein Gerät auf der höchsten Stufe ansetzte und ihr gesamter Körper zu vibrieren schien. Mutter notierte, dass Monika in diesem Moment völlig die Kontrolle über ihre sonst so perfekte Haltung verlor und mit einem glückseligen Lachen auf dem Teppich landete, während sie die anderen Frauen anstachelte, sich ebenfalls an die moderne Technik zu wagen.
Hildegard war eine 67-jährige Witwe, die im Dorf für ihren perfekt getrimmten Rosengarten und ihre strenge Art, die Nachbarskinder zu zurechtweisen, bekannt war. In der Chronik wurde Hildegard jedoch als die unersättliche Entdeckerin geführt. Mutter schrieb über ihre Faszination für Modelle mit Noppen und unterschiedlichen Texturen. Es wurde geschildert, wie Hildegard, die in ihrem Alltag kaum eine Falte in ihrem grauen Kleid zuließ, sich mit einer fast schon jugendlichen Neugier nackt machte. Die Beschreibung, wie sie mit geschlossenen Augen ein besonders strukturiertes Modell langsam in sich aufnahm und dabei ein tiefes, zufriedenes Summen von sich gab, ließ die strenge Gärtnerin in einem völlig neuen Licht erscheinen.
Auf einer mit dem Jahr 1994 überschriebenen Seite tauchte die 33 Jahre alte Clara auf, damals war sie die neue Sekretärin im Rathaus. Clara gehörte ebenfalls zu den Jüngeren der Gruppe und brachte eine frische, experimentierfreudige Energie in die Runde. Mutter beschrieb, wie Clara es liebte, die Spielzeuge nicht nur alleine, sondern in einer Art gemeinsames Ritual mit den älteren Frauen zu erkunden. Besonders lebendig war die Schilderung eines Nachmittags, an dem Clara und die bereits erwähnte Waltraud gemeinsam ein großes, biegsames Modell testeten. Die Notizen beschrieben, wie die beiden Frauen, eine junge und eine reife, in einem Moment tiefer Verbundenheit gegenseitig Tipps gaben, welche Winkel die intensivsten Reize setzten.
Auf einer vergilbten Seite im Buch deutete eine Fotografie mit einer Büroklammer befestigt. Es war ein Schwarz-Weiß-Bild, etwas unscharf, aber die Energie darauf war fast greifbar. Man sah drei Frauen, die lachend auf dem Teppich lagen, umgeben von einer kleinen Armee aus Silikon- und Glasobjekten. Es war ein Bild vollkommener Unbeschwertheit, ein krasser Gegensatz zu der steifen Etikette, die unser Dorf bis in die Neunziger geprägt hatte.
Ich blätterte weiter zu den Einträgen aus dem Jahr 1996. Hier stieß ich auf die Beschreibungen von Elsbeth, einer 58-jährigen Frau, die als örtliche Apothekerin eine Autorität in Fragen der Gesundheit war. In Mutters Chronik wurde sie jedoch als die Meisterin der Vorbereitung bezeichnet. Elsbeth brachte oft ihre eigenen, selbstgemischten Öle mit, die sie in kleinen Fläschchen vorhielt, um das Gleiten der Spielzeuge zu perfektionieren. Mutter schrieb mit einer erstaunlichen Detailverliebtheit darüber, wie Elsbeth, mit ihren weichen, vollen Kurven und einem sanften Lächeln, die anderen Frauen anleitete, wie man die Spannung im Beckenboden löst, bevor man zu den massiveren Modellen überging. Ein Eintrag schilderte, wie Elsbeth, die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, ein besonders langes, glattes Modell in sich aufnahm, während sie in einem tiefen, rhythmischen Atemzug diese Ausgefülltheit genoss.
Dann fand ich die Notizen zu einer Frau namens Marianne, die damals 44 war und als die stille Beobachterin galt. Marianne war eine schüchterne Frau, die im Dorf kaum ein Wort sprach, doch in der Runde blühte sie auf. Mutter notierte, dass Marianne eine besondere Vorliebe für die sanften Vibrationen der kleineren Geräte hatte. Die Aufzeichnungen beschrieben einen Nachmittag im Spätherbst, an dem Marianne, in ein weiches Flanell-Gewand gehüllt, den anderen Frauen dabei zusah, wie sie mit den größeren Spielzeugen experimentierten, bevor sie selbst ein zierliches Modell wählte. Die Schilderung, wie Marianne mit einem fast schon ekstatischen Zittern und einem leisen, glücklichen Seufzen den Höhepunkt erreichte, während sie die Hände ihrer Mitstreiterinnen hielt, vermittelte eine Wärme, die weit über die körperliche Lust hinausging.
Ich las weiter und fand einen Eintrag über eine Frau namens Hannelore (65), eine ehemalige Bibliothekarin, die im Dorf als Inbegriff der Zurückhaltung gegolten hatte. In Mutters Chronik wurde sie jedoch als die „Meisterin der Ausdauer“ geführt. Hannelore hatte eine faszinierende Technik entwickelt, die Vibrationen der Geräte so präzise zu steuern, dass sie den Höhepunkt über Minuten hinweg hinauszögern konnte. Die Aufzeichnungen beschrieben einen Nachmittag, an dem Hannelore, mit einem verschmitzten Lächeln, den anderen Frauen zeigte, wie man durch bewusstes Atmen und kleine Rhythmuswechsel die Intensität steigert, bevor sie schließlich mit einem glücklichen, fast schon triumphierenden Aufschrei in die Ekstase glitt.
Dann fand ich eine Seite, die fast vollständig von einer einzigen Person handelte: Lore (63), die ehemalige Musiklehrerin des Dorfes. Lore besaß eine tiefe Leidenschaft für Rhythmus, und Mutter beschrieb, wie sie diese Leidenschaft auf die Nutzung der Vibratoren übertrug. Es gab eine Passage über einen Nachmittag, an dem Lore die Geräte in einer Art synchronisiertem Takt bediente, fast wie ein Orchester der Lust. Die Beschreibung, wie Lore mit weit gespreizten Beinen und einem ekstatischen Blick die Vibrationen in sich aufnahm, während sie leise eine Arie summte, ließ mich bewundernd schmunzeln. Es war eine Form von körperlicher Hingabe, die so unbeschwert wirkte, dass man fast vergessen konnte, dass diese Frauen in einer Welt lebten, die von ihnen verlangte, unsichtbar und still zu sein.
Meine Mutter hatte mir bereits früher in sehr offenherzigen Gesprächen viele Erkenntnisse aus dieser Zeit mitgegeben: „Weißt du, Betty, die Technik hat uns so viele neue Türen geöffnet, aber das Wichtigste war nicht das Spielzeug. Es war die Freude, dass wir uns gegenseitig sehen durften. Ohne Scham und ohne das Gefühl, dass man irgendetwas verstecken müsste. Das war es, was uns so stark gemacht hat. Wir waren bei diesen Treffen nicht mehr nur die Ehefrau, die Witwe oder die Beamtin. Wir waren einfach Frauen, die sich ihren eigenen Körper zurückeroberten.“
Mein wichtigstes Fazit aus Mutters Hinterlassenschaften ist bis heute, dass Lust kein Verfallsdatum hat.
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