Juana - Episode 2
Diese Geschichte stammt nicht von mir. Sie wurde mir von Juana selbst erzählt, in vielen Nächten. Da ihr Deutsch nicht so gut ist, habe ich ihre Worte nur in meine eigene Sprache gegossen, sie gestrafft, poliert und in einen Fluss gebracht, der dem rohen, direkten Ton ihrer Erzählung treu bleibt und eine schöne Geschichte ergibt.
Juana hat die Kapitel gelesen, abgenickt und ein wenig korrigiert. Es ist eine wahre Episode aus ihrem Leben, aus den Jahren 2006 bis Januar 2015. Heute führt sie mit mir ein ganz anderes Leben, ruhiger, sicherer.
Fortsetzung – Herbst 2006
Pavel kam nun jedes Wochenende. Juanna hatte sich voll verschossen: in diesem attraktiven Polen, mit circa 1,85 m relative groß, schlank und muskulös, in diese lockigen, mittellangen blonden Haare, die ihm lässig in die Stirn fallen, in die strahlend blaue Augen, das markante Kinn und das freche tiefe Grübchen auf der rechten Wange. Er hatte etwas jungenhaftes, auch wenn ein leichter Dreitagebart in verwegener aussehen ließen.
Vom ersten Augenblick an lechzte Pavel nach Juana. Diese karibische Schönheit mit kaffeebraunem Teint, ein harmonischer karibischer Mix aus afrikanischen, indigenen und europäischen Zügen. Diese kleine Frau mit schmaler Taille, rundem straffer Po und langen schlanke Beine hatte ihm die Augen verdreht. Er liebte ihr langes lockiges, schwarz-glänzendes Haar bis zur Mitte des Rückens, die große dunklen Augen mit langen Wimpern, die volle Lippen, und ihre hohen Wangenknochen, sowie das immer fröhliche offenes Lächeln an Ihr.
Freitagabend der 3er-BMW in der Einfahrt, Samstag und Sonntag gehörte er Juana. Die zwei hatten viel Spaß zusammen: tagsüber Ausflüge ans Meer, abends Wein auf der Terrasse, nachts das Gästezimmer. Tatjana strahlte. „Mein Neffe und meine quasi Adoptivtochter“, sagte sie oft und goss allen nach. „Endlich mal Glück im Haus.“
Dann kam das Jobangebot. Pavel wechselte von Warschau nach Berlin, ein richtig guter Posten in einem großen internationalen Konzern: gutes Gehalt, Firmenwagen, moderne Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg. Er zögerte eine Woche. Juana folgte ihm ohne Zögern.
Februar 2007. Der ICE aus Warschau rollte pünktlich in den Berliner Hauptbahnhof ein. Pavel wartete am Gleis, dicke Jacke, Schal, breites Grinsen. Sie fielen sich in die Arme, küssten sich lange, ignorierten die Menschenmenge. Er nahm ihren Koffer, führte sie durch die kalte, nasse Stadt zur neuen Wohnung im vierten Stock, Altbau, hohe Decken, Parkett, große Fenster zum Hinterhof.
Kaum in der Wohnung drin, zog er ihr den Mantel aus, küsste ihren Hals, hob sie auf die kalte Granit-Arbeitsplatte in der Küche. Sekunden später saß sie nackt da, Beine um seine Hüften geschlungen, und er stieß tief in sie hinein. Die Küche war noch leer, roch nur nach frischem Kaffee und ihrem beiderseitigen Atem. Juana kam schnell, krallte sich in seinen Rücken; er folgte kurz darauf, presste sich fest an sie, bis das Zittern nachließ.
Doch Berlin war kein Danzig und nicht Cabarete. Es war Februar und ihr erster echter Winter in Europa. Die Karibik hatte sie nie unter 20 Grad erlebt, selbst nachts nicht. Hier fiel das Thermometer auf minus acht, minus zwölf, manchmal mit Wind aus Sibirien, der durch jede Ritze pfiff. Die Wohnung heizte schlecht, die Heizkörper röchelten lauwarm, und Juana fror ständig. Sie trug drei Pullover übereinander, dicke Socken, sogar im Bett eine zweite Decke und trotzdem kroch die Kälte in ihre Knochen. Sie vermisste die feuchte Wärme der Tropen, den Geruch von Salz und Hibiskus, die Sonne, die einem sofort in die Haut fuhr. Stattdessen: grauer Himmel, Nieselregen, der sich in Schneematsch verwandelte, und Straßenlaternen, die schon um vier Uhr nachmittags angingen.
Der kulturelle Schock traf sie in Wellen. Die Deutschen redeten schnell, knapp, ohne Umschweife, kein langes Lachen, kein „mi amor“, kein Schulterklopfen. Die lockere Freundlichkeit fehlte ihr und das Starren nervte sie. Deutsche waren so direkt! In den Supermärkten gab es keine Mangos, die nach Sommer schmeckten, nur blasse Importware. Die Leute hielten Abstand, schauten nicht in die Augen, sagten „Tschüss“ statt „Bis bald“. Behördengänge waren ein Albtraum: endlose Formulare, sprachprobleme, unfreundliche Sachbearbeiter, Termine in drei Monaten. Ihre Papiere hingen immer noch in der Schwebe.
Pavel war sehr oft weg. Meetings bis spätabends, Dienstreisen nach Hamburg oder München, Wochenenden, an denen er schon freitagsmittags losfuhr. Die Wohnung wurde still. Juana saß stundenlang am Fenster, starrte auf die regennassen Dächer, wickelte sich in eine Decke und versuchte, nicht zu weinen. Wenn sie fror, gab es niemanden, der sie wärmte, keine heißen Hände auf der Haut, kein Körper, der sich an sie schmiegte. Nur die kalte Bettseite neben ihr. Häufig telefonierte sie stundenlang mit Tatjana.
Zum Glück fand sie den Job im kleinen lateinamerikanischen Restaurant in Kreuzberg. Von 16:00 Uhr bis 00:30 Uhr, manchmal bis 1 Uhr morgens. Empanadas rollen, Arepas backen, Bier zapfen, mit Gästen auf Spanisch und gebrochenem Deutsch plaudern. Der Chef zahlte bar, stellte keine Fragen zu Papieren, die Bezahlung war mies. Aber es gab Trinkgeld, es war warm dort drin, es roch nach Knoblauch, Koriander und gebratenem Fleisch, und die Musik spielte Salsa, Samba und Merengue. Für ein paar Stunden am Tag fühlte sich Juana fast wieder zu Hause.
Doch wenn sie gegen halb zwei Uhr nachts mit der U-Bahn heimfuhr, war Berlin dreckig, leer und eisig. Sie zog die Kapuze tief ins Gesicht, fror trotz Daunenjacke, stieg die Treppe zur Wohnung hoch und hoffte, dass Pavel schon da war. Meistens war er es nicht. Dann legte sie sich ins kalte Bett, rollte sich zusammen, presste die Hände zwischen die Oberschenkel und dachte an den fröhlichen Sommer in Polen oder ihre frühe Kindheit in der Karibik. Manchmal half die Erinnerung, die Kälte ein bisschen zu vertreiben. Manchmal nicht.
Die ersten Monate in Berlin waren hart gewesen, aber dann wurde es gut, richtig gut. Juana gewöhnte sich mehr und mehr an die Großstadt. Der Rhythmus der U-Bahn, die Lichter am Alexanderplatz, die endlosen Cafés und die Menschenmengen hörten auf, sie zu überfordern. Die Deutschen waren direkt, aber ehrlich und zuverlässig. Ganz anders als die unverbindlichen Zusagen die sie aus der Heimat kannte. Hier hab es kein „Mañana“, dass ein irgendwann oder auch ein Nie bedeutete. Mit Pavels Gehalt musste sie nie wieder um Geld bangen; sie konnte sich sogar kleine Freuden leisten, neue Schuhe, ein Wochenende in der Therme, ein Kleid, das sie wirklich wollte. Sie war abgesichert, nicht mehr der junge Teeny wie in Cabarete, der manchmal nicht wusste, woher das Geld für Essen und die Miete kommen sollte. Und sie war kein Freiwild für die vielen Machos mehr, die sie ständig belästigten und die sie abzuwehren gelernt hatte.
Nach und nach knüpfte sie in Berlin Kontakte. Im Restaurant lernte sie Kolleginnen und Stammgäste kennen, die sie duzten und zum Feierabend-Bier einluden. Im VHS-Deutschkurs (dreimal die Woche abends) saß sie neben Leuten aus aller Welt wie Syrer, Afghanen, Kolumbianer, Peruaner, Chilenen Marokkaner, und sie lachten alle über dieselben Grammatikfehler. In der nahen Grundschulturnhalle fand sie eine Zumba-Gruppe: laute, häufig lateinamerikanische Musik, viele gleichaltrige Frauen, schwitzende Körper, viel Gelächter. Dort fühlte sie sich wieder lebendig, wieder karibisch, auch wenn draußen Schnee lag. Pavel verwöhnte sie, wann immer er da war. Lange Nächte im Bett, Frühstück ans Bett, spontane Küsse in der Küche. Aber er war viel zu oft weg, Dienstreisen nach Frankfurt, München, Düsseldorf manchmal sogar London oder Madrid. Die Wohnung fühlte sich dann wieder leer an, die Nächte kalt.
Im März 2008 fuhren sie für ein langes Wochenende nach Kopenhagen. Dort heirateten sie standesamtlich und ohne all die Formulare, nur sie beide, und ein Blumenstrauß und eine Flasche Champagner. Einfach, schnell, glücklich. Drei Monate später kamen dann auch alle Papiere der deutschen Behörden ins Haus: Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis, alles legal und sicher. Kein Bangen mehr vor Behördenbriefen.
Juana wechselte den Job. Das lateinamerikanische Restaurant war nett gewesen, aber das nahegelegene Café-Bistro am Prenzlauer Berg war besser: nur zwei Straßenecken entfernt, offiziell angemeldet, höheres Gehalt, und das Betreiberpaar (ein älteres deutsch-venezuelisches Ehepaar) behandelte sie sehr nett. Die Wirtin Marianna hatte sie beim Zumba kennengelernt, so war das Bewerbungsgespräch nur eine Formsache. Ihr Mann der Koch hatte nur kurz zustimmend genickt, dann hatte seine Frau sie eingestellt.
Marianna war Mitinhaberin und Restaurant und heimliche Chefin. Sie war eine etwas füllige Venezolanerin, 41 Jahre, mit hellbrauner samtiger Haut und dunklem welligen Haar bis zu den Schultern. Sie war eine Handbreit größer als Juana, sehr kurvig und üppig und mit sehr großem Busen, breiten Hüften, sowie einem dicken runder Hintern. Freundliches, offenes Gesicht mit warmem Lächeln, große braune Augen, volle Lippen. Strahlt Wärme. … und selbstverständlich sprach sie neben Deutsch auch Spanisch.
Manfred ihr Mann war ein völlig anderer Typ. Er war deutlich älter als seine Frau, aber ein Paradebeispiel dafür, wie man sich einen Koch vorstellt: Die 62 Jahre sah man ihm nicht ganz an. Groß (ca. 1,88 m), stark übergewichtig mit dickem rundem Bauch, der über den Gürtel hängt, kurze, schwarz-graumelierte Haare mit klassischer Meckifrisur, ein rotes wettergegerbtes Gesicht und eine Knollnase, buschige Augenbrauen, freundliche Lachfalten. Manfred war herzlich, väterlich, gemütlich: keine Schönheit, aber warm und einnehmend.
Juana servierte je nach Schicht mal Frühstück, mittags Quiche und Salate, dann Kaffee und Kuchen und mal abends Wein und kleine Teller. Die Schichten begannen und endeten früher, sie war oft schon um 16 Uhr oder 22 Uhr zu Hause.
Wenn Pavel und sie Zeit hatten, flohen sie aus der Stadt. Mal ans Meer an die Ostsee, mal nach Polen zu Tatjana in den Garten, oder zu Verwandten im Süden. Oder sie blieben in Berlin und fuhren mit dem Kanu auf Spree und Havel, picknickten am Ufer, liebten sich im Gras, wenn niemand in der Nähe war. Pavel wünschte sich Kinder. Er sprach oft davon, beim Frühstück, im Auto, nach dem Sex. „Stell dir vor, ein kleines Mädchen mit deinen Augen.“ Aber es klappte nicht. Manchmal fiel der fruchtbare Zeitpunkt genau in eine seiner Reisen. Manchmal hatten sie wilden Sex außerhalb des Fensters, in ihrer Periode, mitten in der Nacht, unter der Dusche oder sogar auf dem Balkon, und Pavel störte das Blut kein bisschen; bei Juana siegten die Glückshormone über die Regelschmerzen, und sie liebte es, wie hemmungslos er sie nahm. Trotzdem: egal wie oft und wie leidenschaftlich sie es in Berlin, in Kopenhagen, an der Ostsee oder im polnischen Garten trieben, nach zwei Jahren war da immer noch nichts. Kein positiver Test, kein Morgenübelkeit, kein kleiner Herzschlag auf dem Ultraschall. Juana lächelte tapfer, wenn Pavel fragte. Aber nachts, wenn er schlief, lag sie wach und starrte an die Decke. Und fragte sich leise, ob etwas mit ihr nicht stimmte.
Drei Jahre waren sie glücklich: richtig glücklich, auf eine ruhige, selbstverständliche Art. Pavel kam jetzt regelmäßiger nach Hause. Die endlosen Dienstreisen waren Geschichte; nur noch zwölf Tage pro Monat unterwegs, der Rest gehörte Berlin, der Wohnung, Juana. Sie hatten ein richtiges Leben aufgebaut. Häufiger Freunde zum Essen daheim am großen Tisch, lautes Lachen, Weinflaschen, die sich stapelten. Arbeitskollegen kamen vorbei, brachten Blumen oder eine Flasche Rum mit. Die Urlaube wurden ambitionierter: Lissabon, Barcelona, einmal sogar New York.
Im Februar 2011 flogen sie für drei Wochen in die Dominikanische Republik. Juana zeigte ihm „ihre Welt“, die staubigen Straßen von Cabarete und Sosua , die Strandbars mit Merengue bis Mitternacht, die Märkte mit frischen Mangos und Kokosnüssen. Sie badeten im warmen Meer, aßen Mangu und Sancocho bei ihrer alten Nachbarin, tanzten barfuß auf dem Sand. Juana blühte auf. Das Klima, die Sprache, die Musik aus allen Ecken, das Essen, und besonders der Duft, alles fühlte sich nach Zuhause an. Pavel schaute sie oft nur an und sagte leise: „Jetzt verstehe ich, warum du so bist, wie du bist.“ Der Abschied viel Juana schwer, auch wenn sie sich gelichzeitig auf Berlin freute.
Im Sommer 2011 kam die Überraschung. Pavel schob Juana ihm beim Frühstück einen Umschlag hin. Darin: Baupläne. Arbeitskollegen hatten Pavel auf ein Neubauprojekt aufmerksam gemacht, nur vier Blocks entfernt, zentral, aber ruhig. Zwei Monate später unterschrieben sie den Kaufvertrag für die oberste Wohnung: kleiner als die auf den Etagen darunter, dafür mit einer riesigen Dachterrasse, die über die Dächer blickte. Und es sollte ihr eigenes Reich werden. Der Rest war Juanas Projekt. Farben aussuchen, Innendesign planen, Möbel bestellen, Lampen, Vorhänge, Pflanzen, sie schickte Pavel täglich Fotos und Links per E-Mail oder Messenger. Er antwortete meist nur mit Daumen-hoch-Emojis und „Mach genau so, wie du willst, mi amor.“ Und im Februar 2012 kam dann der Umzugstag: Kisten, Möbelpacker, Staub, Lachen, Schweiß. Abends saßen sie auf der noch leeren Dachterrasse, tranken kaltes Bier und schauten auf die Lichter der Stadt. Alles fühlte sich neu und richtig an.
Kaum zwei Wochen später kam dann die schlechte Nachricht. Pavel saß am Küchentisch, Laptop offen, Gesicht ernst. „Sie wollen mich zu 50 % nach Düsseldorf versetzen. Ab April. Drei Tage die Woche dort, zwei hier. Oder umgekehrt. Keine Diskussion.“ Juana starrte ihn an. Die Dachterrasse, die gerade erst eingerichtet war, fühlte sich plötzlich wieder sehr weit weg an.
Die Fernbeziehung half der Beziehung nicht. Pavel mietete eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung im Bergischen Land auf einem Kuhdorf (gut und günstig), pendelte zwischen Düsseldorf und Berlin und war zusätzlich noch auf Dienstreisen. Sie sahen sich immer seltener. Zuerst telefonierten sie täglich, dann jeden zweiten Tag, schließlich nur noch zwei- bis dreimal die Woche - kurze Gespräche, die immer mehr nach Pflicht klangen. Jeder lebte nun mehr und mehr sein eigenes Leben: sie in Berlin mit Café-Schichten, Zumba, Freunden und der Dachterrasse; er in Düsseldorf, auf Baustellen, in Hotels und bei Kunden irgendwo in Deutschland. Und Kinder? Fehlanzeige. Egal wie oft sie es versuchten, es passierte einfach nicht.
Wenn Pavel doch mal da war und Juana nur den Hauch einer Chance spürte, fielen sie übereinander her. An einem Freitagabend kam er spät nach Hause. Juana empfing ihn schon in schwarzer Spitzenwäsche mit String, halterloser BH, High Heels. Der erste Sex fand stehend im Flur statt: er drückte sie gegen die Wand, schob den Slip zur Seite, stieß sofort tief rein. Beide keuchten laut, kamen schnell und hart. Unter der Dusche folgte der zweite: heißes Wasser prasselte auf sie herab, Seife überall, seine Hände an ihren Brüsten, ihr Rücken an die Fliesen gepresst, Beine um seine Hüften. Sie schrie leise auf, als der Orgasmus sie durchzuckte.
Nach dem Abendessen saßen sie auf dem Sofa. Juana nur im Kimono massierte mit den nackten Füßen seinen Schritt durch die Jogginghose, ganz langsam, gezielt. Es dauerte keine Minute, bis er steinhart war. Pavel drehte sie um, beugte sie über die Sessellehne, zog ihr den Slip runter und nahm sie von hinten: hart, tief, rhythmisch. Juana krallte sich in den Stoff, kam zweimal hintereinander, bevor er in ihr kam.
Am nächsten Morgen, noch im Halbschlaf, löffelte er sie von hinten im Bett. Kein Wort, nur Atem und Stöhnen. Bevor sie überhaupt ans Frühstück dachten, fickte er sie langsam, liebevoll, bis sie wieder zitterte und kam – multiple Orgasmen, wie immer bei ihm. Der Sex war geil, intensiv, süchtig machend. Juana liebte es mit ihm. Aber Kinder? Immer noch nichts.
Wenn sie ihn in Düsseldorf besuchte, war seine Junggesellenbude ein Albtraum: unaufgeräumt, winzig, fernab von allem. Es stapelte sich Geschirr in der Spüle, im Kühlschrank befanden sich kaum Lebensmittel oder auch längst abgelaufene. Irgendwie hatte Juana das Gefühl, sie käme nur zum Putzen und Aufräumen in sein Reich. Ohne Führerschein, ohne Auto saß sie dort in der Pampa fest - isoliert, gelangweilt, wartete stundenlang, bis er abends kam. Kein Vergleich zur lebendigen Dachterrasse in Berlin. Freunde kamen nie in diese Wohnung. Die Liebe schwand langsam. Zwei Jahre schon eine Fernbeziehung, bei der man sich nur alle drei Wochen sah. Was blieb, war Zuneigung, Gewohnheit, guter Sex! Es wurde mehr und mehr eine Freundschaft plus aus der Ehe. Keiner sprach es aus. Aber beide spürten es.
Kurz vor Weihnachten 2014 fuhren sie zu Pavels Eltern nach Polen. Die Schwiegereltern nervten wie jedes Jahr mit den fehlenden Enkeln, subtile Sticheleien beim Essen, Seufzer beim Fotobetrachten der anderen Enkelkinder. Pavels Schwester und Bruder halfen dabei gar nicht: sie machten nur blöde Witze, gaben ungefragte Tipps („Vielleicht mal entspannen, dann klappt’s ja von allein“ oder „Habt ihr schon die Position XXX probiert, das klappt am Besten“) und zeigten stolz ihre eigenen Sprösslinge. Juana lächelte höflich, innerlich kochte sie. Am Tag vor Heiligabend platzte Pavel im Gästezimmer: „Warum klappt das bei uns nicht? Bei allen anderen schon.“ Juana starrte ihn an, Tränen schossen hoch. Sie drehte sich weg, zog die Decke über den Kopf und weinte leise, bis er endlich ging. In dieser Nacht schlief sie allein im schmalen Bett ein, das Herz schwer. Pavel soff mit seinem Bruder und Onkel in der Küche.
Und dann eine Woche nach Silvester eskalierte alles. Januar 2015, ein Mittwochmorgen in Berlin. Pavel bummelte Überstunden an. Er und Juana hatten gefrühstückt, dann war er Joggen gegangen und nun stand er unter der Dusche.
Sein Smartphone hatte er auf dem Frühstückstisch gelegt.
Es pingte. Juana warf im Vorbeigehen nur einen flüchtigen Blick drauf, und erstarrte.
Sylvia: Hallo😘 Was ist nun mit morgen?
Sylvia: Kommst du?
Sylvia: Ich vermisse dich😘
Die Nachrichten verschwanden wieder im Chat-Verlauf.
Beim Frühstück redeten sie kaum. Pavel verschwand ins Fitnessstudio, Juana traf eine Freundin, aber sie war abwesend, die Nachrichten brannten sich in ihren Kopf. Wer war Sylvia? Was lief da?
Abends saßen beide auf der Couch, Fernseher lief stumm im Hintergrund. Pavel scrollte am Handy, stand auf, legte es auf den Tisch und ging zur Toilette. Juana griff blitzschnell das entsperrte Samsung, öffnete WhatsApp, scrollte hoch. Was sie sah, ließ ihr Blut gefrieren: Pavel und Sylvia. Fotos aus dem Rheinland und aus London: lachend auf Partys, in Bars, Arm in Arm, Karneval. Dann Sylvia nackt auf einem Hotelbett, Beine gespreizt. Und dazwischen Penisbilder von Pavel, die er ihr geschickt hatte.
Juana schrie auf Spanisch los: die wildesten Flüche, die sie kannte. Wütend schleuderte sie das Telefon gegen die Wand. Es knallte, das Display splitterte. Pavel kam aus der Toilette gerannt, ahnte sofort, was los war, aber nicht, wie extrem eine wütende karibische Frau werden konnte. Sie warf mit allem, was sie greifen konnte: Weinflasche, Becher, Teller, Glas, Vase, Büchern. Manches traf ihn an Schulter und Brust, manches zerschellte an der Wand. Sie stürzte auf ihn zu, trommelte mit den Fäusten auf seine Brust, trat nach ihm, schrie ihn auf Spanisch an. Wütend! Schnell! Worte die er nicht kannte. Pavel jaulte auf, duckte sich, rettete sich rückwärts ins Schlafzimmer und drehte den Schlüssel um.
„Komm raus, du Schwein! Sieh mir in die Augen!“ Juana hämmerte gegen die Tür, schrie weiter.
Drinnen packte Pavel hastig seinen Koffer, zog sich an, wartete, während sie davor Tiraden von sich ließ. Als Juana für einen Moment ruhiger wurde, hörte es leise Schritte und eine Tür. Dann hörte er die Toilettenspülung. Er riss er die Schlafzimmertür, schnappte sich die zwei Taschen, danach Schlüssel und Portemonnaie und rannte durch den Flur. Die Wohnungstür fiel laut ins Schloss. Er war weg.
Juana blieb allein zurück, schluchzte. Sie holte die Flasche Rum aus dem Schrank, goss sich ein Glas nach dem anderen ein, bis die Flasche leer war, bis der Raum sich drehte und die Tränen nicht mehr aufhörten. Sie brach auf dem Sofa zusammen, betrunken, leer, kaputt.
Juana war fix und fertig. Etwas zerzaust und mit Rändern unter den Augen trat sie ihre Nachmittagsschicht im Bistro an. Es war gerade nicht viel los und nachdem der letzte Gast vom Mittagstisch gegangen war, kam ihre Arbeitgebern auf Sie zu: „was ist denn los mit dir?“. Sie setzten sich und Juana begann erneut schluchzend zu erzählen. Dann kann der Wirt mit 3 Bechern Tee hinzu. Marianna und Manfred hörten ihr zu, ohne Unterbrechung. Beide hatten echtes Mitleid. Marianna legte sofort den Arm um sie und sagte: „Du brauchst jetzt Abstand. Setz ein wenig aus und komm mit uns nach Rügen. Wir haben da ein kleines Ferienhaus. Von Sonntag bis Dienstag. Nur wir drei. Kein Stress, nur Meer und Ruhe.“
Pavel derweil meldete sich nicht mehr. Kein Anruf, keine Nachricht, kein Entschuldigung, nichts. Sein Handy blieb tot.
Sonntagabend um 19 Uhr stand Marianna mit ihrem großen Mercedes Kombi vor der Tür. Juana warf ihren Koffer in den Kofferraum, stieg ein, und sie fuhren los Richtung Norden. Manfred würde später nachkommen, er hätte noch einiges zu erledigen und müsste noch die Abendkasse machen. Drei Stunden später bogen sie in Lubkow ab, ein kleines Dorf direkt an der Ostsee. Das Ferienhaus war einfach, aber gemütlich: viel Holz, große Fenster zum Meer, ein alter Kaminofen im Wohnzimmer.
Marianna führte sie kurz herum, zündete den Kamin an, holte Wein und Essensboxen aus dem Bistro, mixte zwei kräftige Cocktails. Sie plauderten, lachten, aßen kalte Hähnchenbrust und Salat direkt aus der Box. Marianna erzählte Anekdoten aus Venezuela: von Stränden, Karneval, ihrer verrückten Großmutter, und sie schaffte es mit ihrem sonnigen Wesen, die Stimmung leicht zu halten. Das Thema Beziehung ließ sie bewusst links liegen.
Marianna trank und aß recht viel und redete fast ständig. Ihr Mann Manfredsei ein großer, typischer dicker Deutscher, wie sie lachend erzählte. „Der sieht aus wie ein Bär, aber er hat das Herz am rechten Fleck und er kocht wie ein Engel.“ Dann langte sie erneut in die Box mit den Häppchen und füllte die Gläser.
Kommentare
Um einen Kommentar zu schreiben, musst du dich einloggen.