Thot Daughter 02
Am nächsten Tag erwachte ich gegen 8 Uhr. Ein schlechtes Gefühl machte sich in mir breit. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich am Vorabend nicht direkt reagiert, sondern erst zugesehen hatte. Hatte Lina oder ihr Lover etwas bemerkt? Die Vorstellung war mir sehr unangenehm. Ich sollte so nicht gegenüber meiner Tochter sein.
Nach etwas Grübeln verließ ich das Bett und begann, Frühstück zu machen. Danach setzte ich mich vor den Fernseher. Es lief eine Dating-Show. Ich dachte über mein Datingleben nach. Seit Jahren war es sehr ruhig. War das gestern Abend nur eine Konsequenz aus meinem viel zu langen Single-Dasein? Würden sich solche Situationen zwangsläufig wiederholen? Könnte ich das vermeiden, wenn ich mich wieder anfangen würde, aktiv zu daten?
Olaf hatte mir von einer Datingapp erzählt. Natürlich wusste ich, dass es sie gab. Beschäftigt hatte ich mich aber noch nicht damit. Er erzählte davon, dass man auch in unserem Alter Chancen hatte, wenn man sich gut anstellte. Ich lud sie mir herunter.
Nachdem ich ein paar Fragen zu mir beantwortet, Fotos von mir hochgeladen und eine Beschreibung über mich geschrieben hatte, gab ich die Berechtigung über meinen Standort frei. Anschließend fragte die App nach meinem präferierten Alter. An einem Balken, der von 18 bis 99 einstellbar war, konnte ich das gewünschte Alter einstellen.
Was wollte ich überhaupt? Olaf meinte, dass schnelle Nummern ebenso möglich waren wie langfristige Partnerschaften. Man müsste nur ehrlich sein. Meine Fantasie schaltete sich ein und lieferte Bilder von heißen Dates mit den schönsten und schlankesten Frauen, die ich mir ausmalen konnte. Wie hoch war eigentlich mein Wert auf dem Markt? Angenommen, ich wäre für alles offen, was wäre das Beste, was ich bekommen konnte?
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als ich hörte, wie die beiden Turteltäubchen von oben herunterkamen und in die Küche gingen. Ich musste den gestrigen Abend ansprechen. Möglichst offensiv, um jegliche Schlüsse auf mein eigenes Verhalten zu zerstören. Also ging ich in die Küche.
Beide standen vor der Kaffeemaschine. Das „Situationship“ meiner Tochter hatte eine graue Jogginghose und ein weißes T-Shirt an. Sein Arm war um ihre Hüfte gelegt. Lina trug lediglich ein weißes Shirt einer Band. Offensichtlich trug sie darunter keinen BH. Sie tat so, als wäre nie etwas passiert:
„Guten Morgen, Papa, das ist Ani.“
Ich ging zu Ani, lächelte und streckte meine Hand hinaus.
„Freut mich, Ani. Ich bin Steffen.“
Er konnte mir nicht in die Augen schauen und reichte mir mit zum Boden gesenkten Blick die Hand.
Ich schüttelte sie und beschloss, direkt den Elefanten im Raum anzusprechen:
„Wir müssen über gestern Abend sprechen.“
Jetzt senkte sich auch der Blick meiner Tochter.
„Ihr seid erwachsen, ich werde euch nichts verbieten. Situationen wie gestern sollten wir aber eindeutig vermeiden. Lina hat ein Zimmer, geht dahin. Ani hat auch ein Zuhause. Aber ich möchte wirklich nicht mehr das sehen müssen, was ich gestern gesehen habe.“
Beide nickten. Lina meldete sich:
„Nächstes Wochenende hat Ani ein Spa-Wochenende für uns gebucht, da musst du dir keine Sorgen machen“, sie küsste ihn leidenschaftlich.
„Ich möchte mir grundsätzlich keine Sorgen machen“, entgegnete ich. Gleichzeitig streuten sich Zweifel. Ani war Anfang 20.
„Woher hat er in dem Alter das Geld dafür?“, fragte ich misstrauisch.
„Ich bin Risikomanager bei einer Bank“, erklärte Ani.
Ich nickte anerkennend und ging wieder ins Wohnzimmer. Spa-Wochenende. Wenn ich mich daran erinnerte, was ich damals mit Franzi an solchen Wochenenden gemacht hatte, konnte ich mir gut ausmalen, was die beiden vorhatten. Nostalgisch verweilte ich in Erinnerungen in einer Dampfsauna mit Franzi. Der Wunsch, mithilfe einer Datingapp wieder etwas Ähnliches zu erleben, wuchs.
Die Frage des präferierten Alters blieb. Mir kam ein Gedanke. Ich könnte eine Woche lang meinen Wert ermitteln. Jeden Tag eine Altersstufe höher. Nur um zu schauen, was ich haben kann. Nicht um es dann wirklich durchzuführen. Danach könnte ich darüber nachdenken, was ich wirklich wollte.
Also zückte ich mein Handy. Die App war noch geöffnet und zeigte nach wie vor den Balken mit der Altersspanne an. Die linke Grenze ließ ich bei 18, die andere schob ich auf 24. Das war sehr jung. Weniger als die Hälfte meines Alters. Ich konnte mir nicht vorstellen, wirklich jemanden in dem Alter zu daten. Die Lebensrealitäten lagen ja doch irgendwo sehr weit auseinander. Trotzdem klickte ich auf den Knopf, um die Suche zu starten. Am Ende war es ja nur, um zu schauen.
Das Ergebnis übertraf meine Träume. Studentinnen, junge Frauen, die alle möglichen Fotos von sich präsentierten. Ich sah Fotos, die mit Freundinnen in Clubs aufgenommen wurden, genauso wie Bikini-Fotos am Strand. In den „Bio's“ lernte ich Frauen dieser Generationen auf eine Weise kennen, die mir kein anderes Medium bieten konnte. Hypnotisiert wischte ich durch Reihen an Frauen. Mir fiel ein, dass Olaf meinte, dass man nur Frauen angezeigt bekommen würde, die das eigene Alter in ihre Präferenzen aufgenommen hatten. Jede dieser Frauen wäre also hypothetisch an einem Mann in meinem Alter interessiert. Ich wischte erneut nach rechts. Es ging ja nur um die Ermittlung meines Wertes.
Plötzlich stockte ich. Vor mir war das Profil meiner Tochter. Das erste Bild war ein Selfie, das sie beim Laufen aufgenommen hatte. Im zweiten Bild zeigte sie sich auf einer Decke, beim Picknicken mit Freunden. Im nächsten Bild wurde vom Rand eines Fußballfeldes aufgenommen. Lina nahm darin gerade den Ball an. Beim vierten Bild stockte ich erneut. Es war in ihrem Zimmer aufgenommen. Sie stand darin vor ihrem Spiegel und trug lediglich Kniestrümpfe und eine schwarze BH-Kombi. Ihr Handy hielt sie vor ihrem Gesicht, das dadurch verdeckt wurde. Wie bitte? Sie konnte sich doch nicht so jeden x-beliebigen Typen zeigen. Von sowas könnte man auch ein paar Jahre später noch eingeholt werden.
Ihre Tinder Bio „Wenn du heiraten willst, swipe nach links“ machte das Ganze nicht besser.
Die Wohnzimmertür öffnete sich. Schnell schaltete ich mein Smartphone aus. Ani stand in der Tür und verabschiedete sich. Danach verschwand er.
Nachdem ich die Haustür ins Schloss fallen gehört hatte, stand ich auf und ging zu Lina, um mit ihr über ihre Online-Präsenz zu reden. Sie räumte gerade das Geschirr in der Küche weg. Ich ignorierte alle Gedanken, die mir zur Flucht rieten und begann die zweite Standpauke des Tages:
„Lina. Es ist mir wirklich unangenehm, aber ich habe dein Dating-Profil gesehen“,
Sie schaute erstaunt hoch:
„Du benutzt das?“
„Ja“, antwortete ich, „Ich verstehe ja, dass du deine Zeit genießen möchtest und ich sollte da gar nicht hineinreinreden, aber willst du dich wirklich so vor fremden präsentieren?“
Lina schien jetzt leicht verärgert:
„Warum schaust du überhaupt in meinem Alter herum?“
Ich zückte mein Handy und zeigte das fragwürdige Foto.
„Das tut nichts zur Sache. Du solltest dieses Bild wirklich löschen. Fremde Männer sollten sowas nicht von dir haben. Die könnten das missbrauchen.“
„Wenn ich gewusst hätte, dass mein Vater an Frauen in meinem Alter interessiert ist, hätte ich das erst gar nicht hochgeladen“, entgegnete sie aufgebracht, „Schau dich in deinem Alter um und mische dich nicht in mein Beziehungsleben ein! Das ist ja krank!“
Sie knallte den Geschirrspüler zu. Ich zuckte zusammen. Mein Handy löste sich aus meiner Hand. Ungeschickt versuchte ich, es wieder einzufangen. Dabei rutschte mein Daumen über den Bildschirm und wischte Lina nach oben. Wir beide starrten auf das Handy auf dem Boden, wo es anzeigte, dass ich meiner Tochter so eben ein „Super Like“ gegeben hatte. Lina schüttelte ihren Kopf und verließ die Küche, um auf ihr Zimmer zu gehen. Olaf hatte mir nicht gesagt, dass man beim Online-Dating auf seine Tochter stoßen könnte. Resigniert ging ich wieder ins Wohnzimmer.
Ich aß später alleine Mittag und traute mich gar nicht, Lina zu fragen, ob sie zum Essen aus ihrem Zimmer kommen würde. Danach schlief ich etwas bei laufendem Fernseher auf der Couch. Irgendwann erwachte ich zu Affengeräuschen einer Zoo-Doku. Mein Handy zeigte zwei Nachrichten an. Eine kam von einem Match mit Nanny, einer brünetten Philosophiestudentin. Ich schrieb ihr ein paar Worte. Die andere kam von Lina über die Datingapp. Ein Foto. Ich klickte darauf.
Jetzt war ich wütend. Sie hatte wieder ein Foto vor ihrem Spiegel geschossen. Dieses Mal trug sie aber keine Kniestrümpfe. Lediglich rote, durchsichtige Unterwäsche. Ihre Arme hatte sie beim Fotografieren so vor ihre Brüste gehalten, dass die wichtigsten Stellen bedeckt blieben. Ihre Beine waren über Kreuz, sodass auch dieser kritische Bereich verdeckt war. Über dem Bild schwebte der Schriftzug: „Liebe Männerwelt, ich hoffe, ihr missbraucht das Bild nicht“.
Das war eindeutig eine Provokation. Wütend stampfte ich nach oben zu ihrem Zimmer.
„Lina, das geht wirklich zu weit“, rief ich aufgebracht und öffnete ihre Zimmertür.
Ihr Zimmer war abgedunkelt. Sie lag in ihrem Bett, mit verwaschener Schminke auf ihren Wangen. Ich unterbrach meine eigentliche Rede.
„Alles gut?“
Lina war aufgelöst. Sie erzählte, dass sie mich mit dem Bild eigentlich nur provozieren wollte. Das Bild hätte sie an niemanden sonst geschickt. Eine andere Version des Bildes aber an Ani. Ein gemeinsamer Bekannter hatte ihr erzählt, dass er das Bild ungefragt weitergeschickt hatte. Ich versuchte, sie zu trösten. Ende nächster Woche würde schließlich niemand mehr darüber sprechen. Auf ihrem Nachtschrank lagen noch die Gutscheine für das Spa-Wochenende. Lina bemerkte meinen Blick darauf.
„Da werde ich auf jeden Fall nicht mehr mit Ani hingehen“, bemerkte sie und versuchte dabei zu lachen.
„Also alleine?“, fragte ich.
Lina schien kurz zu überlegen.
„Willst du mit?“, fragte sie.
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