"Linus" Kapitel 2

von Mitternacht
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Zur Kategorie: An– und Ausgezogen

Erschrocken riss Linus die Augen auf, als er hörte, wie die Badezimmertür aufgemacht wurde. Eine Sekunde lang sah er direkt in das lächelnde Gesicht seiner Tante, die ohne zu zögern herein kam, bevor er sich hastig umdrehte. Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss, so heftig, dass er sich fragte, wie überhaupt noch genügend davon übrig sein konnte, um seinen Penis aufrecht zu halten. Er dachte noch darüber nach, ob es möglich war, dass Christina seinen Zustand nicht gesehen hatte, als er bemerkte, dass die komplette Wand hinter ihm ein einziger Spiegel war. Es gab keine Richtung in die er sich hätte drehen können, um sich vor den Blicken seiner Tante zu verbergen. 

„Guten Morgen, Linus“, flötete diese unbekümmert, kam ins Bad und schloss die Tür hinter sich, „Lass dich von mir nicht stören, ich such bloß die Sonnencreme, es ist schon wieder ziemlich heiß draußen“

„Oh, guten Morgen. In Ordnung“, krächzte Linus. Warum hatte er nicht abgeschlossen? Das tat er doch sonst immer, wenn er ins Bad ging, aber warum heute nicht? Und warum konnte seine Erektion nicht endlich abklingen, zumindest ein bisschen? Aber sie dachte gar nicht daran. Im Spiegel beobachtete er, wie Christina eine Schublade nach der anderen eines Schrankes aufzog und durchwühlte, ohne fündig zu werden.

„Hast du sie vielleicht irgendwo gesehen?“, fragte Christina, während sie zu dem anderen Badezimmerschrank ging und Linus dabei halb umrundete. Jetzt stand er genau seitlich zu ihr. Es kam ihm irgendwie albern vor sich jetzt wieder mit dem Rücken zu ihr zu drehen. 

„Nein, keine Ahnung“, brachte er heraus.

„Hmm, vielleicht hab ich sie doch noch in meinem Schlafzimmer“, überlegte Christina, die letzte Schublade wieder zuschiebend. Im Augenwinkel sah Linus, wie sie sich zu ihm drehte und ihn offen ansah. „Kommst du gleich runter? Frühstück gibt es auf der Terrasse“, fragte sie. 

Linus blickte starr geradeaus, wagte es nicht den Blick zu erwidern und sagte: „Ja, ich komm gleich runter“

„Super, bis gleich“, erwiderte Christina fröhlich. Im Spiegel sah Linus, wie sie sich um wandte, das Bad verließ und die Tür hinter sich schloss. 

Linus legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Wie peinlich konnte es denn noch werden? Erst erwischte sie ihn gestern Abend beinahe beim Masturbieren und jetzt sah sie ihn nackt und mit steifem Schwanz unter der Dusche stehen. Und sie tat, als wäre es das Normalste der Welt. Jetzt musste er erst einmal was gegen seine Latte unternehmen. Er griff nach dem Wärmeregler der Dusche, drehte ihn ganz nach links und biss im nächsten Moment fest die Zähne zusammen, als das Wasser aus der noblen Regenwalddusche plötzlich eiskalt auf ihn hinab prasselte. Die Behandlung zeigte schnell Wirkung, denn er spürte, wie sein Penis zu schrumpfen begann, bis er ganz klein und schrumpelig war. 

Gerade hatte er den Wärmeregler wieder nach rechts gedreht, als zum zweiten mal die Tür aufgerissen wurde und er zum zweiten mal direkt in das Gesicht seiner Tante sah. Linus war zu keiner Bewegung fähig. Er sah, wie Christinas Blick offen an ihm hinab glitt und sich ihr Gesicht zu einem Lächeln verzog, als er an seiner Körpermitte hängen blieb. Jetzt wünschte sich Linus beinahe, noch immer mit Erektion dazustehen. Er brauchte nicht an sich hinuter zu blicken, um zu wissen, wie lächerlich klein seine Männlichkeit nun aussah, wie sie sich feige in seinen inzwischen üppig wuchernden Schamhaaren versteckte.

„Möchtest du Kaffee oder Tee zum Frühstück?“, fragte Christina, Linus wieder in die Augen schauend. 

„Kaffee...bitte“, stotterte dieser. Völlig überflüssigerweise hielt er beide Hände vor seinen Schwanz.

„Wird gemacht“, war es noch von Linus Tante zu hören, dann war sie schon wieder verschwunden und die Tür hinter ihr zu.

Linus schloss die Augen. Hatte er sich nicht eben noch gefragt, wie peinlich es noch werden konnte? Jetzt wusste er es. 

Eine Viertelstunde später kam Linus in kurzer Hose und T-Shirt auf die Terrasse, wo Stefanie und Christina schon saßen, Kaffee tranken. Mit keinem Wort erwähnte Linus Tante, was gerade passiert war, wofür er ihr mehr als dankbar war. Allerdings glaubte Linus ein, zwei mal ein kleines Grinsen im Gesicht seiner Mutter zu sehen, als sie dachte, dass er nicht zu ihr sah. Hatte Christina ihr etwa von eben erzählt? Ansonsten verlief das Frühstück aber ereignislos. 

Die meiste Zeit des Tages wurde mit faulenzen, lesen, Musik hören oder im kühlen Pool baden verbracht, weil es viel zu heiß war, um an irgendwelche Tätigkeiten zu denken, die körperliche Betätigung erforderten. Erst nachdem Timo schon wieder nach Hause gekommen war, sie mit einem leichten Abendbrot versorgt hatte und es bei untergehender Sonne und einer aufkommenden leichten Brise etwas kühler wurde, bemühte man sich zu einem kleinen Spaziergang durch die wunderschöne Landschaft.

Später wurde dann wieder eine Flasche Wein geköpft, und als diese leer war auch noch eine zweite.  Timo erwies sich als fast genauso guter Witze Erzähler, wie er kochte und es wurde ein lustiger Abend. Es war schon weit nach Mitternacht, als Christina die erste war, die sich ins Bett verabschiedete. Auch Timo und Stefanie wünschten eine gute Nacht. Linus, der etwas weniger bei dem Wein zugelangt hatte, beobachtete amüsiert, wie die drei sogenannten Erwachsenen ins Haus wankten. Er blieb noch ein paar Minuten sitzen, trank sein Glas aus und genoss die laue Sommernacht und die Stille, bevor auch er aufstand und ins Haus ging. 

Auf dem Weg zu seinem Zimmer kam er an der offenen Tür zu Christinas Arbeitszimmer vorbei. Dort stand der Computer, an dem Christina ihre Geschichten schrieb, wie Linus wusste. Als er diesen sah, kam ihm eine Idee. Seine Tante bewahrte offenbar ihre Manuskripte in gedruckter Form auf, aber er war sich fast sicher, dass sie diese auch digital abgespeichert hatte. Wenn er den Ordner mit den erotischen Geschichten nur eben an seine eigene Email Adresse schicken konnte...

Linus sah sich noch einmal um, aber im Haus war alles dunkel und still, dann ging er auf leiser Sohle in das Arbeitszimmer. Er setzte sich in den bequemen Schreibtischstuhl und betätigte die große Taste, die den Computer zum Leben erweckte. Linus erschrak als laut und deutlich ein Signal ertönte, um zu verkünden, dass der Rechner hochgefahren war. Er hielt den Atem an und blickte zur Tür, aber dann wurde ihm klar, dass niemand etwas hätte hören können, da die Schlafzimmer ein Stück den Flur hinab lagen, zumal seine Mutter, seine Tante und ihr Freund unter dem Einfluss des Weines sicher tief und fest schliefen. 

Trotzdem zitterten Linus ein wenig die Hände, als er, wie schon gestern mit dem Gefühl etwas Verbotenes zu tun, die Maus ergriff und begann den Computer zu durchsuchen. Innerlich triumphierte er, als tatsächlich unter 'Dokumente' ein Ordner 'Manuskripte' zu finden war. Er klickte drauf und fand dort zwischen den Ordnern wie 'Kinderbücher', 'Kurzgeschichten', 'Romanfragmente', 'Romane' oder sogar 'Kochbücher' tatsächlich einen, der 'Erotik' hieß. Er klickte ihn an und stellte fest, dass in diesem bestimmt fünfzig oder sechzig Textdokumente gespeichert waren. Linus staunte nicht schlecht, denn das war wesentlich mehr, als in den Ordner in seinem Zimmer passte. Die Titel waren ausnahmslos harmlos und ließen nur erahnen, wovon ihre Geschichten handeln konnten. Auch 'Entdeckungen' war dabei. Linus hatte nicht vor, jetzt noch eine der Geschichten zu lesen, aber als er bemerkte, dass eine der Geschichten tatsächlich den Titel 'Linus im Glück' trug, konnte er es nicht lassen und klickte sie an. 

„Ding“, war ein leises Signal zu hören und ein kleines Fenster öffnete sich. 'Kennwort erforderlich', stand dort. Linus Enttäuschung hätte nicht größer sein können. Sie hatte ihre Geschichten Passwort-geschützt! Mit einem Klick auf das kleine 'x' schloss sich das Fenster wieder. Wahllos klickte er auf ein paar der anderen Geschichten, immer mit dem gleichen Ergebnis, dass sich ein Dialogfenster öffnete und nach einem Kennwort fragte. Linus fluchte leise. Zu versuchen, das Kennwort zu erraten, war reine Zeitverschwendung. Es gab nichts, was er tun konnte. Enttäuscht ließ er den Computer herunterfahren, stand auf und machte sich auf dem Weg zu seinem Zimmer. Wenigstens die Geschichten in dem Aktenordner hatte er noch, vielleicht konnte er sie abfotografieren oder in einem unbeobachteten Moment kopieren. Als er in sein Zimmer kam fiel Linus noch etwas anderes ein: Er hatte die Spuren, die er am vergangenen Abend unter dem Schreibtisch hinterlassen hatte, noch gar nicht weggemacht. Das sollte er jetzt am besten direkt tun. Er nahm sich eine Taschentuch aus einer Packung, die auf dem Schreibtisch lag, zog den Stuhl zurück, kniete sich hinunter und sah... nichts. 

Eine Welle der Scham überspülte Linus, als ihm klar wurde, was das bedeutete. Jemand hatte seine Spuren aufgewischt, und dieser jemand konnte nur entweder seine Mutter oder seine Tante gewesen sein, denn Timo war den ganzen Tag bei der Arbeit gewesen. 

Tausend Fragen schossen Linus durch den Kopf. War es seine Mutter gewesen? Würde sie Christina davon erzählen oder hatte sie das schon längst getan? Würde sie ihn darauf ansprechen, ihn fragen, warum er, wenn er sich schon als Gast im Haus seiner Tante einen runterholen musste, nicht wenigstens danach sauber machen konnte? Über solche Dinge wie Sex oder Selbstbefriedigung hatten sie noch nie miteinander geredet, das würde das peinlichste Gespräch werden, was er je geführt hatte. Oder war es seine Tante gewesen? Hatte sie gestern Abend doch den Aktenordner auf dem Schreibtisch liegen sehen? Hatte sie doch bemerkt, in was für einem Zustand er sich befunden hatte, als sie in sein Zimmer gekommen war? Das wäre noch peinlicher, als die Situation im Badezimmer am Morgen. Lebhaft konnte er sich an das Lächeln in ihrem Gesicht erinnern, als sie seinen geschrumpften Schwanz gesehen hatte. Und das alles nur wegen seiner verdammten Neugier und dieses verdammten Ordners. Sein Blick wanderte hinüber zu dem Regal, wo der Aktenordner mit der Aufschrift 'Erotik' unschuldig im Regal stand, als wäre nichts gewesen. Mit einem schlechten Gewissen ging Linus ins Bett. Noch bevor er einschlief, nahm er sich vor, am nächsten Tag wenigstens die Geschichten aus dem Ordner zu kopieren, sie aber erst zu lesen, wenn er wieder zuhause war. 

Am nächsten Morgen war das schlechte Gewissen so gut wie verflogen. Dann hatte also jemand gesehen, was er in der Nacht getan hatte, diejenige hatte aber offenbar beschlossen darüber zu schweigen, sonst hätte sie ihn ja längst angesprochen. Was passiert ist, ist passiert, was nützte es also, sich Gedanken zu machen? Mit einem Blick aus dem Fenster stellte Linus fest, dass es etwas bewölkter war, als die letzten Tage, was er eigentlich gar nicht so schlecht fand, denn so konnte man sich wenigstens draußen aufhalten, ohne sofort in der glühenden Sonne zu schmelzen. Er ging ins Bad, dachte diesmal daran, die Tür zu verriegeln und genoss eine ausgiebige Dusche, ohne von irgendwem gestört zu werden. 

Timo hatte seinen freien Tag und da die Temperaturen sehr angenehm für einen Ausflug waren, beschloss man, in die nächste Stadt zu fahren, die Stefanie und Linus beide noch nicht kannten. Sie verbrachten den ganzen Tag dort, sahen sich die Wahrzeichen der Stadt an, besuchten ein Museum, aßen in einem noblen Restaurant, in dem der Koch, ein guter Freund von Timo, sie persönlich bediente, und kauften ein Souvenir für Linus Vater. 

Als sie abends wieder nach hause kamen, waren sie alle ziemlich erschöpft. Timo, der am nächsten Tag wieder arbeiten musste, ging früh schlafen und auch Stefanie war müde und ging bald ins Bett. Nur Christina und Linus saßen noch im Wohnzimmer, Linus in Christinas unveröffentlichten Roman lesend und seine Tante auf ihrem Laptop tippend.

Beide schwiegen eine ganze Weile und auch als Christina aufstand, den Laptop zuklappte und in Richtung Badezimmer verschwand, hob Linus nur kurz den Blick, denn er war von dem unglaublich spannend geschriebenen Buch komplett gefesselt. Erst ein paar Sekunden später kam ihm der Geistesblitz. Vielleicht waren die Geschichten nicht nur auf dem großen Computer gespeichert, sondern auch auch dem Laptop. Und vielleicht waren sie dort nicht Passwort-geschützt. Er klappte das Buch zu und sah Christina gerade noch die Badezimmertür hinter sich schließen. Sofort sprang er auf, ging hinüber zum Laptop und klappte ihn mit klopfendem Herzen auf. Das Textprogramm, in dem seine Tante geschrieben hatte, war noch offen, aber völlig leer. Hastig klickte sich Linus in den Arbeitsplatz, zu den Dokumenten und fand tatsächlich auch dort den Ordner 'Manuskripte' und darin gespeichert den begehrten Ordner 'Erotik'. Er klickte ihn an, aber diesmal kam die Enttäuschung noch früher. Nur ein einziges Dokument lag darin und hatte den Titel 'Entdeckungen'. Es sollte wohl nicht sein. Er schloss den Arbeitsplatz wieder und wollte den Laptop schon zuklappen, als er plötzlich noch eine andere Idee hatte. Das Textbearbeitungsprogramm war noch offen und genauso leer, wie er es vorgefunden hatte. Er wusste nicht, was er sich erwartete, aber noch während er daran dachte, was ihm seine Neugier zuletzt eingebrockt hatte, klickte er mit der Maus oben links in dem Programm auf das Menü 'Bearbeiten' und dann auf den Befehl 'Rückgängig: Löschen'. 

Linus traute seinen Augen nicht, als er die wenigen Zeilen las, die dort auf dem Bildschirm erschienen. Das konnte einfach nicht sein! Was hatte das zu bedeuten? Er las es noch einmal.

 

'Als er am nächsten Morgen ins Badezimmer ging, hatte er genau zwei Optionen. Die Erste war, die Tür hinter sich zu verriegeln. In diesem Fall war das Spiel zuende, bevor es überhaupt angefangen hatte. Er würde schöne Ferien verbringen, aber er würde nie erfahren, was er verpasst hatte. Und er würde auch nie bekommen, was er zu bekommen versuchte, seit er die Entdeckung gemacht hat.

Die zweite Option aber war, die Tür unverschlossen zu lassen. In diesem Fall hätte er seine erste Aufgabe bestanden. Natürlich wusste er nicht, was das für ihn für Folgen haben würde, er wusste nur, dass der Ersten weitere Aufgaben folgen würden. Jede Nacht würde er am gleichen Platz die nächste Anweisung finden, wenn er die Vorherige erfüllt hatte. Kommt er aber einer Anweisung nicht nach und besteht dadurch die Aufgabe nicht, ist das Spiel vorbei. Es gibt keinen zweiten Versuch und keine halb erfüllten Aufgaben, sondern nur bestanden oder nicht.

Jetzt musste er sich entscheiden. Drehte er den Schlüssel um, oder nicht? Er kannte die Regeln,  welche Belohnung aber auf ihn wartete, wenn er alle Aufgaben erfüllen konnte, hätte er sich selbst in seinen Träumen nicht ausmalen können.'

 

Bevor Christina ihn noch erwischen konnte, löschte Linus den kurzen Text wieder, klappte den Laptop zu und setzte sich an seinen Platz zurück. Als seine Tante wieder ins Wohnzimmer kam, war er schon wieder hinter dem Buch verschwunden und tat, als lese er darin. Nichts hätte verraten können, was Linus gerade getan hatte. Auf den Roman konnte er sich allerdings nicht mehr konzentrieren. Nach ein paar Minuten wünschte er eine gute Nacht und verschwand in seinem Zimmer. Als er im Bett lag, kreisten seine Gedanken ununterbrochen um das, was er gerade gelesen hatte. Natürlich konnte es sein, dass das einfach ein Teil einer Geschichte war, die Christina gerade schrieb. Aber irgendetwas sagte Linus, dass das nicht der Fall war. Es klang für ihn viel eher, wie eine Aufforderung. Als ob Christina genau gewusst hatte, dass Linus den Text finden würde und diese Worte an ihn gerichtet hatte. Es passte ja auch zu gut zu dem, was er am vergangenen Morgen erlebt hatte. Andererseits hatte sie ja schon mindestens eine Geschichte mit ihm als Protagonisten geschrieben, vielleicht war sie bloß selbst von der Situation im Badezimmer und der einseitigen Nacktheit inspiriert worden. 

So viel Linus auch hin und her überlegte, er kam einfach zu keinem Ergebnis.  'Jede Nacht würde er am gleichen Platz die nächste Anweisung finden', hatte sie geschrieben. Meinte sie damit den Laptop? Musste er jede Nacht nachsehen, was in dem Laptop für eine Aufgabe für ihn wartete? Und von was für einer Belohnung hatte sie gesprochen, die er sich selbst im Traum nicht ausmalen konnte?

Obwohl die Gedanken in Linus Kopf rasten, zollte bald der anstrengende Tag seinen Tribut und er fiel in einen tiefen Schlaf. Er träumte davon, wie er unter der Dusche stand und darauf wartete, dass  irgendetwas passierte, aber nichts geschah. Dann hatte er plötzlich alle Aufgaben seiner Tante erfüllt und Christina präsentierte ihm seine Belohnung, einen riesigen Schatz. Aber er leuchtete so hell, dass er gar nicht richtig sehen konnte, was es überhaupt war.

Als Linus die Augen aufschlug dauerte es einen Moment, bis er verstanden hatte, dass das helle Leuchten nicht von einem Schatz kam, sondern von der Sonne, die ihm wärmend ins Gesicht schien. Sofort war er hellwach. Jetzt war es gleich soweit. Linus wusste eigentlich gar nicht, warum er so aufgeregt war. Was sollte schon groß passieren, wenn er tatsächlich die Tür offen ließ. Seine Tante hatte ihn vor zwei Tagen mit ausgewachsener Erektion unter der Dusche gesehen, viel peinlicher konnte es ja nicht werden. Es war wohl einfach die Ungewissheit, was als nächstes passierte. Es war zwar seine Entscheidung, den Schlüssel umzudrehen, oder nicht, aber in dem Moment, in dem er es nicht tat, gab er die Kontrolle völlig ab. 

Er hatte immer noch keine Entscheidung getroffen, als er sich ein Handtuch um die Hüfte band und ins Badezimmer ging. Er schloss die Tür hinter sich und seine Hand fuhr an den Schlüssel. Er hatte  genau zwei Optionen. 

In diesem Moment war er sich sicher, dass alles völliger Quatsch war. Christina hätte unmöglich damit rechnen können, dass er in ihrem Laptop stöberte und den gelöschten Text aufrief. Völliger Quatsch. Er drehte den Schlüssel um. 

Linus nahm das Handtuch ab und hängte es an einen Haken, streifte seine Boxershorts ab und kickte sie in eine Ecke, ging zur Dusche und drehte sie auf. Er stellte sich unter den angenehm weichen Strahl und schloss einen Moment lang die Augen. 

Eine Belohnung, die er sich selbst in seinen Träumen nicht ausmalen konnte. Völliger Quatsch. Aber was, wenn nicht?

Er schlug die Augen auf, ging zur Tür und drehte den Schlüssel im Schloss zurück.

Linus war unruhig, als er sich wieder unter die Dusche stellte und sich wusch. Er stand mit dem Rücken zur Tür, behielt diese aber die ganze Zeit im Spiegel im Auge. Was würde passieren? Würde überhaupt etwas passieren? Er wusch sich die Haare, dann den Körper, ohne dass etwas geschah. Natürlich geschah nichts. Es war nur eine Geschichte gewesen, die Christina geschrieben hatte. 

Gerade hatte er die Dusche abgedreht und sich dafür in Richtung der Tür gedreht, als es passierte. Die Tür ging auf und ohne Eile kam seine Tante herein. 

„Entschuldige, dass ich dich schon wieder störe“, sagte sie lächelnd, während sie die Tür hinter sich schloss, „Aber ich hab gleich noch einen Termin in der Stadt mit meiner Verlegerin, ich hoffe es stört dich nicht, wenn ich mir eben die Zähne putze“

„Nein, schon ok“, brachte Linus heraus. Erst jetzt bemerkte er, dass er den Regler der Dusche ziemlich fest umklammert hielt. Noch konnte das Zufall sein, schließlich hatte Christina einen Termin. Würde sie nicht mit irgendeinem Wort die Aufgabe erwähnen, wenn sie wirklich für ihn gewesen wäre. Aber sie sagte nichts weiter, sondern ging bloß zum Waschbecken, nahm sich ihre elekrische Zahnbürste und begann sich ihre Zähne zu putzen, ohne Linus weiter zu beachten. Linus aber stand ein wenig unentschlossen unter der abgestellten Dusche, während das Wasser langsam an ihm herab tropfte und zusätzlich dazu beitrug, dass er jeden Zentimeter seines nackten Körpers nur zu genau wahrnahm. Ihm war klar, dass er nicht einfach reglos da stehen bleiben konnte, bis Christina wieder ging. Aber wenn er sich abtrocknen wollte, musste er noch näher an seine Tante heran, denn das Handtuch hing direkt neben ihr. 

Langsam setzte er sich in Bewegung. Obwohl sie gar nicht zu ihm hinüber sah, ihn eigentlich überhaupt nicht beachtete, kam sich Linus irgendwie beobachtet vor. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Er schämte sich. Er war erwachsen, ein ausgewachsener Mann Anfang Zwanzig, aber diese Situation, in der er nackt war, neben seiner angezogenen Tante, gab ihm das Gefühl viel kleiner zu sein. Es reduzierte ihn irgendwie, vor allem deshalb, weil Christina so tat, als wäre überhaupt nichts dabei. Es gab ihm das Gefühl, als wäre er für sie ein kleines Kind, das nackt im Garten spielt, ohne sich dabei Gedanken zu machen. Er musste daran denken, dass seine Mutter ihn früher immer mit in die Frauenduschen genommen hatte, als sie ins Schwimmbad gegangen sind. Er hatte sich nicht darum geschert, dass dort nackte Frauen gewesen sind, genauso wenig, wie die sich an dem kleinen Jungen gestört hatten. Aber er war schon lange kein kleiner Junge mehr. Es war ihm peinlich, so gesehen zu werden, und normalerweise musste seine Tante das doch verstehen. Es müsste auch ihr peinlich sein, ihn so zu sehen. Aber sie stand da, putzte sich die Zähne und tat, als wäre er nicht da. 

Er ging unsicher auf sie zu, jeder Schritt fühlte sich merkwürdig an. Als er nach seinem Handtuch greifen konnte, war er nur noch einen knappen Meter von ihr entfernt. Er nahm es vom Haken, drehte sich weg und begann sich abzutrocknen, während er wieder ein paar Schritte in die andere Richtung ging. Schließlich war Christina fertig, spülte sich den Mund aus, sagte: „Bis heute Mittag“, und verschwand ohne noch einmal zurück zu sehen aus dem Badezimmer. 

Linus wusste nicht so wirklich, was er denken sollte. Seine Tante hatte ihn ein weiteres mal nackt gesehen. Eigentlich machte das ja auch keinen Unterschied mehr, das hatte sie ja sowieso schon. Aber dieses mal hätte er es verhindern können. Wenn es also wirklich eine Aufgabe von Christina an ihn gewesen ist, musste sie jetzt denken, dass er nackt von ihr gesehen werden wollte. Sie musste denken, dass es ihm gefiel. Aber gefiel es ihm denn? Darauf hatte er keine Antwort. Nur eins wusste er genau: Nie hätte er gedacht, dass die Ungewissheit so aufregend sein konnte.

Der Vormittag verlief ereignislos. Irgendwann gegen Mittag kam Christina zurück, die frisches Obst mitbrachte. Sie hatte vorgeschlagen, ein Picknick zu machen und Steffi und Linus wollten gerne mitkommen. Also packten sie noch etwas von der leckeren, selbstgemachten Limonade ein und liefen los, ohne ein genaues Ziel, einfach um das schöne Wetter zu genießen. Nach einer Stunde machten sie bei einer großen Eiche halt, in deren Schatten sie es sich gemütlich machten. Sie erfrischten sich mit den süßen Früchten und der kühlen Limonade und ließen es sich gut gehen. Mit Christina wurde es  nie langweilig, denn sie hatte immer etwas zu erzählen, war aber auch eine gute Zuhörerin und interessierte sich für die Meinung von Stefanie und Linus. Abends gab es dann einen von Timo zubereiteten Lachs und passenden Weißwein dazu. Als sie alle satt waren, wurden die Karten heraus geholt und eine Partie Doppelkopf angefangen. Linus hatte noch nie mitgespielt, weil sein Vater sonst immer der vierte Mann gewesen ist, aber er lernte schnell und nach einer Stunde mussten sich die anderen schon vor ihm in Acht nehmen. 

Während der ganzen Zeit verhielt sich Christina gegenüber Linus nicht anders, als sie es sonst getan hätte. Trotzdem schoss ihm den ganzen Tag immer wieder eine Frage durch den Kopf. Was würde er finden, wenn er heute Nacht den Laptop aufmachen würde? Stand dort eine neue Aufgabe, war klar, dass er es sich nicht bloß eingebildet hatte. Aber es bestand nach wie vor die Möglichkeit, dass dort nichts stehen würde, es doch nur eine Geschichte von Christina gewesen ist. 

Irgendwann wurde das Spiel abgebrochen, weil Timo, der natürlich früh aufstehen musste, ins Bett wollte. Linus war letzter geworden, aber nur ganz knapp hinter Stefanie. Auch Linus war hundemüde und wollte schlafen gehen, aber er wollte unbedingt noch nachsehen, ob auf dem Laptop eine neue Aufgabe für ihn wartete, und dafür musste er abwarten, bis Stefanie und Christina im Bett waren, oder ihn zumindest kurz auf der Terrasse alleine ließen. Dort stand der Laptop, direkt vor seiner Nase, über ihn wurde Musik auf drahtlos betriebenen Boxen abgespielt. Aber seine Mutter und seiner Tante hatten sich schon in eines ihrer Geschwistergespräche vertieft. Das konnte die ganze Nacht dauern, wusste Linus. Da kam ihm eine Idee.

„Kann ich vielleicht eben meine Emails an deinen Laptop abrufen?“, fragte er unschuldig. Er war ein schlechter Lügner und hoffte, dass die beiden zu abgelenkt waren, um seine Unsicherheit zu bemerken. 

„Na klar“, sagte Christina bloß.

Linus griff nach dem schmalen Computer und klappte ihn auf. Im Vordergrund war das Musikprogramm zu sehen, aber auch das Textbearbeitungsprogramm war geöffnet. Im Augenwinkel sah er zu den beiden Frauen, doch die beachteten ihn nicht. Er brachte das Programm mit einem Mausklick in den Vordergrund. Wie schon am Abend zuvor, war es leer, aber jetzt wusste er ja, wo er suchen musste. 'Bearbeiten' klickte er und dann 'Rückgängig: Löschen'. Und tatsächlich, wieder tauchten ein paar Zeilen Text auf, die Linus mit klopfendem Herzen durchlas. Anschließend löschte er sie wieder und rief dann, da er ja schon mal am Laptop war, tatsächlich noch seine Emails ab, dann klappte er den Computer wieder zu. 

„Ok, ich geh dann auch schlafen“, sagte er aufstehend.

„Gute Nacht“, kam es unisono von Stefanie und Christina. 

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