Nachmittag am Zwetschgenbaum

von Luftikus
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Zur Kategorie: An– und Ausgezogen

An einem Sommertage im August des Jahres 1904 brach der verwitwete Apotheker Heinrich Balthaus mit seinen fünf Töchtern zur Mittagszeit auf, einer alljährlich wiederkehrenden Gepflogenheit nachzukommen. Einst linderte seine bewährte Kräutertinktur das leidige Unwohlsein des Barons Woltershausen, worauf hin, ihm dieser in seinem Testamente mit einem Viertel eines Zwetschgenbaums bedachte. So bewältigte Herr Balthaus stets am zweiten Sonntage im achten Monat die Mühsal eines langen Fußweges, die Früchte seines Erbes den Zweigen zu entnehmen.
Mit hellem Klicken schallten Absätze frisch geputzter schwarzer Schnürstiefel vom Kopfpflaster. Leichtfüßig, die Weidenkörbe schlenkernd, eilten seine Töchter dem Dorfe heraus. Die Rüschen und die bunten Bänder ihrer weißen Sommerkleider tanzten mit ihren ausgelassenen Bewegungen. „Ach Vater, wo bleibst Du?“
Gemächlichen Schrittes folgte der Apotheker seinen Töchtern. Nicht mehr der Jüngste, war er bedacht, seine Kräfte einzuteilen. „Seid gesittet meine Töchter. Solcher Übermut geziemt sich nicht für junge Damen.“ Dem väterlichen Tadel folgend, reihten sich die Mädchen hinten an, doch sollte das rechte Maß an Ehrfurcht gegenüber der väterlichen Autorität nicht aufkommen. Es mochte der heiteren Stimmung des sonnigen Tages geschuldet sein. Verschmitzt grinsten sie sich in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit hinter seinem Rücken an.
Schon verhieß die erste Wegbiegung den freien Atem der ursprünglichen Natur. Das Grau der Schieferdächer verschwamm, die festen Bande gesellschaftlicher Form lösten sich. Amalia, die Drittjüngste, öffnete einen Knopf ihres Kleides, griff hinein, und entnahm dem weißen Stoffe das heimliche Geschenk des Kommerzienrates Degenhard, eine Panflöte. Herr Balthaus besah die Keckheit seiner Tochter mit Argwohn, fürchtete er doch den ungünstigen Einfluss der neuzeitlichen lebensreformerischen Ansichten des Schokoladenfabrikanten, und suchte dessen Umgang mit seinen nicht gefestigten Mädchen zu unterbinden. Im Grunde vom weichem Gemüt, hatte es der Apotheker gleichwohl nicht über sein Herz gebracht, das Holzgebinde dem geliebten Kinde zu entziehen.
Schon entlockten die gespitzten Lippen der Panflöte ungestüm fröhliche Laute, befrischten den Überschwang der Töchter, die, ihre Strohhüte haltend, vor dem Vater her rannten. Der ließ sie gewähren. Ermattete ihn doch jetzt schon zu sehr der Brand der mittäglichen Sonne, als dass er die erforderliche Kraft für eine sittliche Anleitung aufzubringen vermochte.
Beim Ende des Anweges zeigte die Taschenuhr an des Apothekers Weste bereits die dritte Stunde. Im engen Tal, vom Grün der umgebenen Hügel verhüllt, öffnete sich nun ihm und seinen Töchtern die Obstwiese in menschenleerer Stille. Ihres Viertels Zwetschgenbaum fanden sie in bunten Bändern. Stets hatte der garstige Bauer in den Jahren zuvor dem Einholen der Zwetschgen eifersüchtig beigewohnt. Diesen Sonntag sollte ihm die Hochzeit seines Schwagers hindern. So zeigten nun blaue Bänder die dem Bauern gehörenden Zweige an seiner Statt an. Würde er nur eine Zwetschge an einem seiner Äste missen, so wäre es Diebstahl und er würde den Gendarmen holen. Noch des Freitags Mittag war der Knecht zur Balthauschschen Apotheke gesandt worden, die Mahnung zu verkünden.
„Meine Töchter, wir sind anständig Leut', dass ihr mir ja nur an die Zweige mit den gelben Bändern geht!“ Geschwind pflückten die Töchter die Zwetschgen in die Körbe. Darauf bedacht, seinen Töchtern Genügsamkeit und umsichtige Haushaltung zu lehren, gestand ihnen Herr Balthaus nur drei Früchte für die alsbaldige Vernaschung zu.
Nach vollbrachtem Werk lehnte sich der Apotheker sitzend an einen schattigen Baum, öffnete die obersten Knöpfe seiner Weste, ein Kompromiss zwischen gesellschaftlicher Konvention und persönlichem Komfort, den er der Hitze des Spätsommers zugestehen musste. Der arg strapaziöse Anmarsch entforderte dem alte Manne nun den Tribut. Mit einem befeuchteten Taschentuch auf der Stirn versank er in tiefen Schlummer.
In Gewissheit, der väterlichen Obhut für Stunden gelöst zu sein, grinsten sich die Schwestern schelmisch an, die Gunst des Augenblicks wollte genutzt werden.
Den Mädchen verlangte es ob der Hitze nach Abkühlung, deren Erlangung ihnen der öffentliche Anstand untersagte. Lockend plätscherte der kleine Bach am Rande der Obstwiese, den sich die Töchter nun zögerlichen Schrittes näherten.
„Ach Schwestern, niemand wird uns ansichtig, so können wir es wagen.“ Sie schnürten die Stiefel auf, rollten die feinwollenden schwarzen Strümpfe herunter, mit hochgehaltenen Kleidern wateten sie knöcheltief durch das belebende Nass, die Beine unziemlich bis übers Knie entblößt. Nur gut, dass der Vater schlief.
Die Erfrischung hob den Appetit, entfachte das Begehren nach weiteren Zwetschgen. Von ihrem kühlenden Platze aus, richtete sich der Blick auf die abgedeckten Körbe neben dem ruhenden Vater. Schon entstiegen die Mädchen, dem inneren Drange folgend, dem Bach, spürten das herrliche Gefühl des Grundes unter ihren nackten Füßen. Der schwitzigen Enge ihrer steifen Stiefel überdrüssig, banden sie sich ihr Schuhwerk mit ihren Strümpfen an die Seite. So streiften die Töchter barfuß durch das hohe Gras dem schlafenden Vater entgegen.
„Ach Schwestern, ein oder zwei aus jedem Korbe. Der Vater sieht es nicht.“ Mit dem Kopfe schüttelnd winkten die anderen ab. Lebenslang erfahren im Abwiegen allerlei Ingredienzien unterschiedlichster Beschaffenheit, würde es der Apotheker bemerken.
„Aber Schwestern, die bereits gefallenden Früchte unter den Bäumen, wer sollte es uns verübeln?“
Kichernd stoben sie auseinander, die Zwetschgen vom Boden zu sammeln. Süßlicher, verlockender als die frisch Entnommenen schmeckten die gefallenen Früchte. Der aus Gärung entsprossene Alkohol entfaltete seine Wirkkraft, den Mädchen dürstete es nach mehr. Herr Balthaus wusste wohl um diese Abläufe der Natur. Seinen Töchtern hatte er es verschwiegen, keine Dummheiten zu befördern. Justament lag er in Morpheus Armen.
Flugs schwand das greifbare Fallobst zwischen schmatzenden Lippen, die Wiese leerte sich, der Heißhunger blieb.
Oben, an der Krone des Zwetschgenbaumes prangte voller Früchte ein Ast mit wehenden gelben Bande. Reichlich für jede, doch zum Abgreifen zu hoch. Der Vater hatte das Erklettern untersagt, es sei zu unschicklich für junge Damen. Nun trieb das ungestillte Gelüst. Die Jüngste, mit ihren 16 Lenzen lange dem Alter entwachsen, Bäume zu erklimmen, vergrub ihre Finger in der rauen Rinde.
„Halt ein, Du beschmutzt Dein weißes Kleid. Der Vater wird schimpfen.“ Mahnend erhob die Älteste den Finger. Die Jüngste ließ ab, band sich die, um die Hüften geschlungenen Strümpfe ab. Die Stiefel fielen zu Boden. Ruckend löste sie die oberen Knöpfe, zog das Kleid über den Kopf, nun in Rüschenhöschen und Unterhemde den erheischten Zwetschgen entgegenzusteigen. Der abstehende Saum verfing sich im Gezweig, jedoch hielt der Wildfang nicht inne, kraxelte mit unbedecktem Hinterteile weiter zum Haupte des Baumes. Durchaus zu Moral und Schamhaftigkeit erzogen, musste diese dreiste Unartigkeit in der Unerfahrenheit beim Genusse alkoholischer Getränke ihre Erklärung finden. Auch den ebenso beheiterten Vorgeborenen mangelte es der nötigen strengen schwesterlichen Aufsicht der Jüngsten. Statt der zu erwartenden Zurechtweisung, verfielen sie in ein zotiges Gelächter, näher dem Betragen derber Lümmel, als solchem höherer Töchter.
Sie befreiten das Höschen vom Aste, stülpten es um, verknoteten dessen Beine und hielten das Bund weit, die Zwetschgen aufzufangen. Schnell quoll der Stoff angefüllt mit Früchten. Nun rutschte beim Abstieg ein Zweig unter das Hemdchen der Jüngsten. Diese griff nach oben, zog ihren Leib, dem Zweige entkommend, hoch, setzte sich auf einen dicken Ast und streifte nun ihr letztes Kleidungsstück ab. In vollster Blöße gesellte sie sich zu den Schwestern, machte jedoch keine Anstalten diese wieder zu bekleiden. Allzu vorzüglich streichelten die Strahlen der Sonne ihre Haut.
Zwetschgen naschend, saßen die Töchter beisammen. Drückend das Wetter, staute sich die Hitze unter den vielen, von der gesellschaftlichen Konvention vorgeschriebenen Stofflagen, klebten die Kleider am Leibe. Neidisch blickten die Schwestern auf die Unbeschwertheit der Jüngsten, indes hinderte sie die anerzogene Schamhaftigkeit, es ihr gleich zu tun. Amalia griff unter den Rock ihres Kleides, holte ein weiteres diskretes Geschenk des Kommerzienrates hervor, das sie stets sorgsam vor der erzieherischen Strenge des Vaters verborgen hatte. „Der nackte Mensch – ein Freudenschrei der Zukunft“, so der Titel jenes Buches, das zu lesen, sie bis jetzt nicht wagte. Nun vom Alkohole enthemmt, übermannte sie die Neugierde, las laut daraus den Schwestern zum Vortrage. Die kichernden Sätze kündenten von der Unverdorbenheit des Naturkleides, der gesunden Bekömmlichkeit des unverhüllten Aufenthalts in Sonne und frischer Luft, von der neuen Zeit, in der die Moral nicht durch natürliche Nacktheit befleckt werden würde. Ungläubig lachend besahen sich die Apothekertöchter. Konnten diese Wörter das Werk ernsthaften klarem Geistes sein, anders doch die sittenstrengen Ausführungen des Vaters, ungewohnt das Frischgehörte?
Jenseits des Hügels türmten sich quellende Wolken zu mächtigen Säulen, die Schwüle erreichte ein unerträglich Maß. Den Mädchen juckte die Hitze unter dem Stoffe, schon drohte der Kreislauf zu sacken.
„Ach Schwestern, nur das Oberkleid, so sind wir immer noch bedeckt.“ So saßen sie nun im Unterhemde. Amalia blies die Panflöte. Die schwermütigen Töne schwangen mit den feuchten Düften der Wiese durchs Tal. Die moralischen Erbauungen des Dompropstes, die Vorhaltungen des kaisertreuen Frauenverbandes zur Unberührtheit deutscher Mädchen, die sittlichen Referate des Schuldirektors, all die frommen Vorsätze schwebten hinweg mit dem schwülen Gedünst, die Natur schwieg. So übte dieser Ort einen unheimlichen Zauber auf die Mädchen. Sie wiegten sich zu den beseelenden Tönen des weich schwingenden Holzes, streiften wie von Sinnen, nun die Unterwäsche ab, tanzten einen Reigen. Leicht wogen die vollen festen Brüste, die Töchter besahen sich einander. „Ach Schwestern, so üppig sind wir gewachsen.“ Mit dem Hervortreten ihrer ersten Knospen, hatte es Herr Balthaus seinen Töchtern untersagt sich fortan anderen und auch ihren Schwestern unzüchtig zu zeigen, da dies für junge Damen ungehörig sei, und zu diesem Zwecke auch weitere Badezimmer im Hause hergerichtet. Nun erblickten sie sich wieder im Lichtkleide, bestaunten ihre errundeten Formen.
Dunkels Grau bezog den Horizont, setzte die Wiese in ein wunderliches Licht, in welchem die Farben der Wildblüten seltsam kräftig leuchteten. Schon strebten die Mädchen zum hohen Grase, sich Blumenkränze zu binden. Die Halme glitten zwischen ihren Beinen, piekten die jungfräuliche Haut. „Ach Schwestern, es kribbelt so schön!“
Sie rannten weiter ins sprießende Grün, jauchzten laut lachend. Was mochte das Geheimnis dieses Hochgefühls sein? Predigte der Vater nicht allzeit den förderlichen Einfluss pflanzlicher Inhalte für das körperliche Wohlbefinden? Sollte nicht auch dem Grase derlei innewohnen? Dies wollte erforscht werden! So führten sie die mannigfaltigsten Gräser zwischen ihre Schambehaarung, schöpften jedoch aus jenen Halmen mit breiten Rispen das größte Wohlgefühl. So musste diese Sorte den höchsten Gehalt der gesuchten Substanz besitzen.
Diese Hitze! Strömend floss der Schweiß, enttropfte daselbst zwischen den Beinen. Hart richteten sich die Spitzen ihrer Brüste auf. Sollte die gefundene Ingredienz gar deren Wachstume förderlich sein? Unbekanntes Gefühl durchrieb gleich einem Haufe Ameisen ihre Körper, dem stracks wuchtige Zuckungen folgten. Glühende Leiber lagen im hohen Gras, der Himmel dunkelte. Voll der Erregung sollte das nahende Grollen nicht an die Ohren der Schwestern gelangen, die ein inneres Feuer verzehrte. Kalte Regentropfen benässten die gerötete Haut, löschten den lodernden Brand der Leiber. So sprangen sie auf, breiteten die Arme, hoben die Gesichter dem Himmel empor, erfrischende Kühlung zu erfahren. Neu beschwingt, wälzten die Mädchen ihre Körper im Grase.

„Meine Töchter, wie konntet Ihr nur?“ Vom Regen erweckt, erblickte Herr Balthaus die nackten, feuchten und mit Blättern und Grashalmen verdreckten Körper. Erschrocken erfasste ihn ernste Sorge um die seelische Gesundheit seiner Mündel. Berichteten doch die medizinischen Blätter letzter Zeit häufiger von dieser sich ausbreitenden Hysterie.
„Ach Vater, der Platzregen durchdrang unsere Kleider, die wir trocknen wollten.“
Des Apothekers tief betrübtes Gesicht beschämte die Mädchen mehr, als es die väterliche Strenge vermochte. „So bekleidet Euch schnell, bevor jemand das sieht.“

Den um Ansehen und Zukunft der all zu lebenslustigen Apothekertöchter besorgten Leser möchte der Autor beruhigend an das Ende dieser kleinen Geschichte führen. War es doch dem Herrn Balthaus noch zu Lebzeiten vergönnt, alle seine schönen und sinnlichen Töchter als Jungfrauen dem Stande der Ehe zuzuführen.
Im Jahre 1921 gründete die Jüngste gemeinsam mit ihrem Gatten den ersten Lichtsportverein des Landkreises.

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